Mittwoch, 26. Februar 2020
Sterbefreiheit
Freitag, 15. Mai 2015
Schwesternbühne
Drei Schwestern allein bestritten gestern die Premiere von Nach Moskau der neuen Adaption von Andreas Neu der tschechowschen Drei Schwestern. Und es brauchte nicht mehr als diese drei starken Schauspielerinnen die Bühne zu füllen, ein großes Stück in einem Raum zu erzählen. Besser wir vergessen Tschechow vorher, um frei zu genießen, sagte der Autor und Regisseur Neu schon vorab, was tief gestapelt war, denn elegant spielt er mit der Sprache und verschiedenen Charakteren des Stücks und seiner Verzweiflung am Nichts, was aber auch treffend war, wurden doch die textsicheren Mutmaßungen am Ende verwirrt, trauten wir besser dem, was wir sehen.
Nach Moskau zieht es die drei Schwestern nach dem Tod des Vaters und immer wieder in verschiedenen Stufen der Verzweiflung am Nichts des geistlosen Landlebens. Mascha, stark und sehr nah gespielt von Susanne Heubaum, die in ihrer heulenden Verzweiflung so glaubwürdig ist wie in der blasierten Langeweile, ist sich anfangs schon mit Irina einig, dass alles Heil nur in Moskau liegt, wo die Mutter starb, zu der sie wieder wollen, ins Nichts also. Irina, gespielt von einer vielfältig präsenten Katharina Kollmann, die ihren ersten schauspielerischen Auftritt mit der gleichen Bravour meistert, wie die ihr gewohnten Einlagen als Sängerin und deren starke Lieder und Texte diese Adaption musikalisch nicht nur bereichern, sondern ihr die Krone aufsetzen, kämpft innerlich lange gegen Heirat, Anpassung und das eben alternativlose Nichts und wird so auch zum Echo des Stücks. Olga, von der zarten Barbara Smilowska mit ungeheuer viel Kraft und Überwindung gespielt, versucht in ihrer verzweifelten Einsamkeit, als einzige noch die Fahne hoch zu halten, entgegen der Wut und Verzweiflung über den nur imaginierten Bruder. Sie ringt um die Schwestern, erklärt diesen ihre Situation als traumhaft, blendet deren Realität einerseits aus und ist doch präsent genug, immer wieder Kurven zu schlagen, um Nähe zu den beiden zu finden, bis auch sie sich Rauch und Wodka ergibt. Die aus Schlesien gebürtige Smilowska gibt ihrer Olga auch stimmlich den sinnlichen Klang östlicher Sprache, der über dieser Verzweiflung am Traum von Moskau liegt und noch weiter nachklingt, wie die wunderbaren Lieder von Katharina Kollmann.
Gespielt auf einer fast leeren Bühne, die Olga Saizewa, als aus dem tiefen osten Russlands, dem inneren Sibiren, stammende Künstlerin, hier glaubwürdig zum Landhaus ausstattete, in dem sich ganz viel um ein Sofa dreht und dessen Räume sich in durchleuchteten Vorhängen ins unendliche dehnen. Das wenige treffend arrangiert trug den Theaterabend, der sich mit den drei starken Schwestern in eine zunehmende Verzweiflung nach houllebecqscher Manier drehte, um die Andreas Neu einen gewohnt anspruchsvollen philosophischen Bogen auch im Text schlug.
Großes Theater im Acud auf kleiner Bühne, das mit dem Leben und seiner Verzweiflung im Verlust der Hoffnung spielt. Wie sie sich auch nach Moskau sehnen, das jeder von uns als Stadt der Träume und best gehüteten Geheimnisse in sich trägt, es bleibt nur der Kopfschmerz, den es unerfüllt hinterlässt nach dem Verbrennen der “Kopfstrandansichtkarten”, wie es im Flyer so treffend genannt wird. Sie bleiben auf dem Land und in seinen Umständen verfangen, an denen sie nichts ändern. Es ist die Hoffnungslosigkeit einer Generation ohne Träume, die nur noch in der Gegenwart lebt ohne Bezug zur Zukunft, weil sie vollzieht, was ihnen alternativlos scheint, um sich am Wochenende als Kontrast zur nur Realtität andere Träume zu suchen, die sich auch nur schmerzvoll im montäglichen Nichts wieder verlieren - wozu das alles ohne Träume?
Ist das Sein nur eine unterschiedliche Dekoration der eben realen Hoffnungslosigkeit, der wir mit den Worten der Kanzlerin alternativlos immer ausgeliefert sind, vollziehen wir nur noch, statt zu handeln und könnten am Nichts genausogut verzweifeln, hinterfragten wir es ernsthaft. Das hielt uns genial als Spiegel unserer Zeit immer wieder Houllebecq vor in seinen Büchern und damit spielt auch Andreas Neu passend zu Berlin und dem Geist einer Zeit irgendwie dazwischen.
Diese Verzweiflung kann verzweifeln lassen und es fragten sich Zuschauer danach, die rasch gingen, warum sie sich das antun sollten, die sich vermutlich auch fragen, warum sie Houllebecq lesen sollten und seine viel depressiveren Verzweiflungen. Es gibt gute Gründe, sich diese Fragen zu stellen und aus ihnen, etwas zu sehen oder zu suchen, wem diese Frage weniger liegen, weil das Leben schon schmerzvoll genug gerade erlebt wird, der kann einen reichen Theaterabend voller Pointen sehen, soll sich ruhig den Tschechow noch wieder vergegenwärtigen und dessen Idee, eigentlich eine Komödie geschrieben zu haben. Es entfernt sich womöglich etwas von der Idee des Autors und Regisseurs, ein Theatergenuss bleibt Nach Moskau auf diese Art dennoch und so möge jeder nach seiner Fasson entscheiden, den Tschechow vorab zu vergessen, oder sich wach zu rufen, um Theater nach seiner Fasson zu genießen. Eine unbedingte Empfehlung für alle Theaterfreunde in Berlin, noch dieses Wochende und Anfang Juni im ACUD in der Veteranenstraße 21 und Ende Mai auf der Popelbühne in der Dunkerstraße 16. Schaut Nach Moskau!
jt 15.5.15
Sonntag, 26. Oktober 2014
Bürgerlust III
Es ist Sonntag und der Sonntag ist ein wichtiger Teil des bürgerlichen Selbstverständnisses, wird in der Familie zugebracht, mit Dingen, für die in der Woche keine Zeit bleibt und manchmal sogar noch für fromme Reste mit einem Gottesdienst begonnen, wenn ihnen nicht wie immer mehr das Sontagsfrühstück viel wichtiger ist, womit heute schon ein wichtiger Teil des Sonntags zuhause oder im Café besetzt ist in denen es je nach Gusto zu essen bis zum Abend gibt, der ja nun wieder eine Stunde früher dunkelnd naht und an dem sich auf die Arbeitswoche vorbereitet wird.
Bürgerliche Existenz zwischen Arbeit und Freizeit oder eher zwischen Berufung und Pflicht oder ist die Pflichterfüllung eine typisch bürgerliche Berufung?
Der Sonntag als Tag der Ruhe soll der Erholung der Arbeitskraft dienen, wobei der Bürger kein Arbeiter ist und selten einer der Hand, häufiger einer des Kopfes, wobei die Grenzen da sichtbar fließen, wenn wir uns die bürgerliche Ordnung in den Ständen des Mittelalters anschauen. Wie ist es etwa mit Albrecht Dürer dem deutschen Genie von sowohl bürgerlicher als auch handwerklicher Überzeugung, der sich als Handwerker auch sah und der zugleich als Genie über allem stand, auch wenn er Teil der Nürnberger ständischen Gesellschaft war. Steht er als Maler der Kaiser aber auch der Bürger über allem, gehörte nirgendwo hin, oder war er ein typischer Bürger als einer, der über die Stände hinausschaut?
Dürer oder Thomas Mann für den Gedanken der Bürgerlichkeit in Anspruch zu nehmen, die weit über ihm standen, immer wieder auch Ärger bekamen mit den Bürgern, für ihren strengen Blick auf sie. Die Buddenbrooks, die ihm wohl entscheidend auch den Literaturnobelpreis einbrachten, waren auch eine Karikatur des bestehenden Lübeck und seiner bürgerlich engen Gesellschaft und viele fühlten sich, wohl nicht zu Unrecht, durch die scharfe Feder des Kaufmannssohnes aus bester Familie vorgeführt. Nicht ohne ihn später zu rühmen und zu preisen, ihm ein Museum zu errichten und anderes mehr, wie es die Nürnberger mit ihrem Dürer taten, der nicht Goldschmied geworden war, wie sein Vater sondern nur Künstler, auch wenn er mit das größte Genie seiner Zeit war und wurde, im bürgerlichen Kanon steht der Künstler erstmal ganz unten, bis er Kanon wird, was den wenigsten, wie Thomas Mann etwa und auch Dürer durch herausragendes Genie zu Lebzeiten gelang.
Der Bürger liebt seinen Kanon, wenn er weiß, was er gelesen haben muss oder sollte, warum die bürgerlichen Leseausgaben von Reich-Ranicki und die vielen der Zeitungen, die folgten, ein solcher Erfolg wurden. Ein Kanon mag sich öffnen für gewisse Zeitgenossen, aber blickt doch immer gern in die Geschichte, so lasse auch ich mir, während ich darüber nachdenke und schreibe, was bürgerliche Existenz ausmacht von Bach die immer wieder gern gehörten Cello Sonaten aus der Dose um die Ohren streichen, wie liebe alte Freunde tanzen die tiefen Töne sonntäglich um mich. Hätte ich nicht die Nacht durchgetanzt, wäre ich womöglich noch Dürer und die Bilderfreunde besuchen gegangen und der Sonntag wäre auch in dieser Hinsicht ein vollkommen bürgerlicher gewesen, an dem wer sich unter der Woche ernsten Geschäften hingibt, sich sonntäglich gern den Musen eben je nach eigenem Niveau hingibt, was vermutlich besser zur Auswahl bürgerlicher Existenz passt als die beliebigen Angaben dazu in den Profilen der Onlinedatinagenturen, durch die wir alle auf der Suche nach dem oder der Richtigen pflügen voll sehnsüchtiger Hoffnung.
Da schreiben sie nur von Kunstinteresse oder dem Besuch von Museen und Theatern, während sie in Wirklichkeit an Musicals oder das KaDeWe mehr denken als an Kunst oder Helene Fischer für das größte Sangestalent halten und machen nur atemlos damit, was alles Kunst sein soll. Aber da wir ja von dem auch im bürgerlichen Kunstkanon angekommenen Beuys längst wissen, ertragen die sonntäglichen Bildungbürger auch solche seltsamen Anbandlungen gelassen, wer weiß, wozu es einmal gut ist, Während Netzwerke und Kontakte zählen, kommt es weniger auf Verbindlichkeit als auf Verbindungen an. Aber schon rutschen wir von der friedlichen Betrachtung des bürgerlichen Lebens hinein in die Welt der Geschäfte und wollten uns doch eigentlich dem Sonntag widmen, an dem genossen wird und während ich darüber nachdenke, wie wenig oder gut dies nun den bürgerlichen Sonntag beschreibt, wird mir klar, wie sehr ich meinen schon wieder schreibend verbringe, statt sonntäglich und wäre dies nicht ein Genuss an sich, fragte sich, ob wir nicht besseres zu tun haben, wie etwa lesend, den Bildungshorizont zu erweitern.
Nur wann, wenn nicht Sonntags, soll ich den bürgerlichen Sonntag beschreiben, wo ist dieses Lebensgefühl zwischen herrlicher Ruhe und endloser Langweile besser zu greifen, als am Sonntag selbst, der manchen heilig, anderen nur weniger eilig ist?
So, hin und hergerissen, zwischen dem Sonntagssspiel der Bundesliga, bei dem sich der voraussichtliche Meister und Sieger FCB zu Gladbach wieder mit drückender Überlgegenheit zeigt, dem Kulturprogramm des Abends mit Musik und der Pflicht zu beschreiben, was ist, frage ich mich, ob es wichtiger ist, dass, was nicht ist, zu beschreiben, oder sich am möglichen bürgerlichen Programm dahinter aufzuhalten. Eine Freundin postete gerade ein Bild von ihrer Tochter beim Plätzchenbacken, einer sehr beliebten Sonntagsbeschäftigung auch schon Wochen vor der Adventszeit, wenn es jetzt dunkler wird und wenn die Supermärkte ab 1. September Spekulatius und Dominosteine wieder führen, warum sollen wir dann nicht auch schon zeitig an die heimische Produktion gehen?
Planvolles Vorgehen ist jedenfalls wohl bürgerlich und weise, eher von Erfolg gekrönt meist als die spontanen Eingebungen mancher Künstler, auch der Ballkünstler, wenn ich auch, ohne es gerade zu betrachten, wetten würde, die Münchner haben begriffen, was Fußball heute heißt und warum einzig viele Ballkontakte den Sieg langfristig sichern. Aber bevor wir uns zu sehr in dieses auch plebejische Spiel vertiefen, noch einige Gedanken zum Verhältnis von Planung und Eingebung in der Dialektik von Bürgern und Künstlern.
Die meisten Bürger verhalten sich heute relativ tolerant, sicher es gibt die Affen aus dem Umkreis des AfD und unter diesen selbst, aber noch sind diese weit von einer Mehrheit, auch wenn sie in Netzwerken so lautstark und platt ihre Mäuler aufreißen, als wäre dem so. Die Menge ist relativ tolerant, solange sie nicht gestört wird, in ihren Gewohnheiten und sich langsam an ungewohntes gewöhnen kann. So war es, passend zum Sonntag, mit den ersten Moscheen im Land, da gibt es die ewig gestrigen, immer intoleranten, die das Abendland vor dem Untergang im Namen der Christenheit retten wollen und die laut sind, die aber eine Minderheit bleiben, denn die Mehrheit ist klar dafür, dass doch jeder nach seiner Fasson selig werden soll, wie es einst der Alte Fritz den Preußen und Märkern ins Stammbuch schrieb, solange er dabei ein guter Preuße oder doch zumindest Bürger bleibt.
Während die Bürger wöchentlich ihre Pflicht erfüllen wird sich Sonntags der Lust am liebsten gut geplant und wohlorganisiert hingegeben, indem wir einen Ausflug machen oder irgendwo hin gehen, wo wir unserem Niveau wie unserem Geldbeutel entsprechend unterhalten werden. Sonntagsvergnügen werden auch gern erzählt, um sich damit hervorzutun und einander zu übertreffen, somit sind sie auch zu einem Statussymbol in der sozialen Konkurrenz geworden.
Habe Freunde, die an Sonntagen die Stille und Einsamkeit fürchteten, da sie nicht wie andere Kinder bespaßt wurden oder auf Ausflüge, gar ins Museum durften, weil die Eltern getrennt waren, keine Ausflüge gemacht wurden oder sie einfach unter anderen Umständen aufwuchsen, in denen ihnen die Sonntagsruhe ein Graus war. Bei mir wurde viel gemacht, manches musste mitgemacht werden, vieles war schön, aber die Angst vor dem Nichts am Sonntag, wenn keiner da ist, oder keiner Zeit hat, kannte ich nicht, im Gegenteil, oft wünschte ich mir auch in dieser oder jener Kirche, zur Besichtigung, nicht etwa zum Gottesdienst, oder im Museum, mehr Zeit für mich, zum spielen zu haben.
Die Sympathie für die Ruhe am Sonntag ist also je nach Neigung, Geltungsbedürfnis und Umständen auch schon des Aufwachsens, unterschiedlich augeprägt. Liebe die Ruhe, muss nichts anderes unternehmen und freue mich daran, Zeit zum Lesen zu haben, unternehme nur, wenn es alternativlos ist, freiwillig etwas und genieße es Zeit für mich zu haben.
So ist die Betrachtung des Sonntag als Tag der Lust oder der Frustration wohl untentschieden, wie die Bayern heute in Gladbach spielten übrigens, was nichts an der Tabelle ändert, vielleicht die Frage stellte, inwieweit die Wochenendarbeiter noch mit Lust oder eher Frust bei solcher Sache waren. Ob die vorherige Liga Europas zuviel Kraft kostete.
Das Nichts genießen können, um aus dem Vielen schöpfen zu können genüßlich, spricht für relativen inneren Reichtum, der mit äußerem erst mal nichts zu tun hat. Vielleicht sind diejenigen, um die sich mehr gekümmert wurde, weniger bedürftig nach Unterhaltung, während die sich eher vernachlässigt fühlten, das gegenteilige Bedürfnis haben könnten, womit die soziale Frage in schlichter Dialektik augelöst würde.
Dagegen spricht aber nach meiner Erfahrung, dass es weniger um die tatsächlichen Erlebnisse geht, als unsere Haltung zu diesen und den Erlebnissen. Habe als Kind schon stundenlang vor meinem Spielzeug gesessen, etwas aufgebaut und dann nur noch alle halbe Stunde mal eine Playmobilfigur ein wenig bewegt, ansonsten aber im Kopf gespielt, wie ich meinen erstaunten Eltern erzählte, was ich liebte und wofür ich gar nicht genug Zeit haben konnte.
Als wöchentlich wechselnder Vater mit also nur noch zweiwöchig dichter Familie, habe ich seit einiger Zeit sehr viel Zeit für mich, die ich schätze und von Anfang an auch mochte, abgesehen von den Umständen die dazu führten, aber wenn Trennungen angenehm wären, würden sich Männer und Frauen vermutlich gar nicht mehr, außer zu Paarungszwecken vereinen meist. Gehöre nun zun denen, die viel Zeit haben und sie sich auch nehmen, während ich die ersten Jahre danach, wie im Reflex jeden freien Abend im Café oder an der Bar verbrachte, wenn auch schreibend, ziehe ich es inzwischen wieder vor, auch häufiger Zuhause zu bleiben, ein Stubenhocker zu sein, umgeben von Büchern bei einem guten Tee und frage mich häufiger, was Menschen mehr brauchen könnten, um sich ein Leben auskömmlich zu beschäftigen und ginge es nicht auch um das wie des Überlebens, hätte ich wohl genug Geschichten in mir und um mich, den Rest meines Lebens glücklich zu zu verbringen.
Dennoch verfliegt an Sonntagen mir die Zeit im Schreiben wie nichts. Denke ich darüber nach, sie mit Programm zu füllen, wie es sonntäglich bürgerlich angemessen wäre wohl, bemerke ich an mir, wie ich schon abzuwägen beginne, ob dieses oder jenes die verlorene Zeit wert ist, was der Gewinn wäre, sich keine Zeit für sich zu nehmen und die Dinge, die ruhige Zeit am Werk oder zum Lesen noch überwiegen, werden mit jedem Jahr weniger, als führte wachsende Reife zu einer zunehmenden Konzentration der Wesen auf sich. Dennoch kenne ich viele Menschen, die es lieben ihre Sonntage mit Freizeitaktivitäten zu füllen, um sich zu beschäftigen, von unsäglichen Freizeitparks bis zu geistig nur geringfügig unterschiedlichem Sport zu Waldspaziergängen und Museumsbesuchem, die mich auch immer wieder verführen können, wie die Besuche im Café.
Vielleicht schätze ich auch die Sonntage für mich so, um nicht die glücklichen Paare in den Cafés mit Kinderwagen sich ankeifen zu hören, noch Illusionen und Träume vom idealen Sonntag zu behalten, den ich aber doch gerade so für sich liebe, auch wenn mir die konventionelle bürgerliche Liebe als Ideal noch im Hinterkopf herumtigert. Weil wir erst etwas sind, wenn wir es zu etwas gebracht haben, unsere Schäfchen im Trockenen weilen, der Sonntag mit der Familie verbracht wird, um den Nachbarn im Aufwand der Freizeitvergnügen eindrucksvoll noch zu überbieten.
Der Freizeitstreß setzt die Gewohnheiten des Alltags auf einer anderen Stufe fort und dächte ich darüber nach, würde ich mich wohl relativ ärmlich und heimatlos fühlen im konventionellen Sinne, ohne Auto, das ich putzen könnte, ohne Garten oder Balkon, auf dem ich wirken müsste je nach Jahreszeit und mit weitgehend reduzierten Verpflichtungen, die möglichst alle Zeit frei lassen, um den Gedanken Raum zu geben, eine Richtung zu finden. Eine Richtung jenseits der Konventionen vielleicht oder mit ihnen dahin, wo ich mich wohlfühle. Nun sollte ich vermutlich, wäre ich ein Guru, sagen, seitdem ich dies oder das erkannt habe, bin ich glücklich und dies sei also der Weg dahin. Nichts als nachdenken und den Ideen und Gedanken Raum zu geben, damit sie ihren Weg dazwischen finden, klingt für mich erstmal paradiesisch, ob es die Kompensation der real existierenden Einsamkeit ist oder der Mangel an Alternativen, ist damit noch nicht geklärt, fraglich nur, ob es wichtig ist, dies zu wissen, um glücklich zu sein, wenn ich mit dem, was ich habe, der glücklichste Mensch bin, oder mich zumindest dafür halte, da ich das Leben lebe, was mir entspricht, ob es so unkonventionell noch bürgerlich ist, wäre die letzte Frage, wenn sie mich interessierte, wäre meine Identifikation mit der Bürgerlichkeit irgendwie höchst konventionell, wenn ich aber das Glück vor die Konvention am Ende stelle, es mir egal wäre, ob es nun konventionell ist oder nicht, könnte die Chance glücklich zu bleiben, am größten sein, egal, was ich am Sonntag lieber tue.
jt 26.10.14
Donnerstag, 23. Oktober 2014
Bürgerlust II
Gegenwart
jt 24.10,14
Samstag, 18. Oktober 2014
Bürgerlust I
Warum ist es eine Lust, ein Bürger zu sein, und was heißt überhaupt Bürger sein?
Warum und ob es eine Lust ist, wird kaum mit einem Satz zu beantworten sein und soll darum Gegenstand der folgenden Reihe von Essays sein, die sich mit dem Wesen, wie der Geschichte der Bürgerlichkeit auseinandersetzen, ohne aus den Augen zu verlieren, dass es dabei vorrangig um die Lust an der Bürgerlichkeit geht, wenn es sie denn gibt und nicht schon die Verbindung von Lust und Bürger eine contra dictio ist.
Bürger sind heute alle im Sinne des Gesetzes, da es keine Unterschiede nach Ständen oder Klassen mehr gibt - das bekannte, gebetsmühlenartig vorgetragene Mantra der Egalität im Rahmen politischer Korrektheit, die selbiges schon nahezu egal macht - wir sind alle vor dem Gesetz gleich, Unterschiede nach Herkunft, Vermögen oder Bildung sind dabei ohne Belang für uns und so bekennen sich alle und keiner zum Bundesbürgertum, das weniger eine Identitätsgemeinschaft als eine eben vorgesetzte ist. Ausnahmen bilden die großen Fußballfeste und andere nationale Ereignisse, die kollektiv gröhlend oder schweigend an anderer Stelle, begangen werden, fraglich nur, ob die dabei anwesenden Bundesbürger ihre Identität als Gemeinschaft auch bundesbürgerlich nennen würden.
Sind wir auf der Spur der neuen Bürgerlichkeit, wenn wir auf die Nation als Ganzes schauen, oder bildet das Bürgertum immer eine Elite aus der Mitte des Staates?
Gibt es eine Elite der Mitte überhaupt oder wird da schon die eigentlich nicht Identität der Gruppe zwischen früher Adel, was immer dieser heute nur noch Name gegenwärtigen auch ist, und Bauern oder Arbeitern?
Bevor ich mich in diese schwierigeren Detailfragen vertiefe, das ganze also gut bürgerlich und ordentlich untersuche, beginne ich in mindestens ebenso bürgerlicher Art, wenn nicht sogar par excellence bürgerlich, mit der Frage nach dem Ursprung, der Historie der Bürgerlichkeit, einer kleinen Geschichte der Bürgerlichkeit.
Die erste moderne Definition zu rechtlichen Bestimmungen des Bürgerstandes stammt aus dem Jahre 1794 und findet sich im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR) Zweyter Theil. Achter Titel. Erster Abschnitt.
Vom Bürgerstande überhaupt:
§ 1. Der Bürgerstand begreift alle Einwohner des Staats unter sich, welche, ihrer Geburt nach, weder zum Adel, noch zum Bauernstande gerechnet werden können, und auch nachher keinem dieser Stände einverleibt sind.
§ 2. Ein Bürger im eigentlichen Verstande wird derjenige genannt, welcher in einer Stadt seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und daselbst das Bürgerrecht gewonnen hat.
§ 3. Personen des Bürgerstandes in und außer den Städten, welche durch ihre Ämter, Würden, oder besondere Privilegien, von der Gerichtsbarkeit ihres Wohnortes befreyt sind, werden Eximierte genannt. […]
§ 5. Einwohner der Städte, welche weder eigentliche Bürger, noch Eximierte sind, heißen Schutzverwandte.
§ 6. Bürger und Schutzverwandte der Stadt werden nach den Statuten ihres Wohnorts, Eximierte hingegen nach den Provinzialgesetzen, und in deren Ermangelung, nach dem allgemeinen Gesetzbuche beurtheilt.
Das weder noch sein, ist ein interessanter Ansatz zum überhaupt sein, dieser Wesen auf der Suche zwischen Tradition und Moderne, die bewahren und zugleich erneuerten. Das Bürgertum als erste nicht adlige aber dennoch gebildete Schicht, war das Ziel der Aufklärung, an sie richtete sich deren Philosophie.
Es ist ein Weg der Befreiung vom ständischen Denken und hin zum aufgeklärten Bewusstsein, dass sich von vorherigen Schranken des Aberglauben immer mehr befreit, geprägt auch vom Ideal des freien römischen Bürgers, der weder einen Adel fürchtete über sich, noch Götter neben sich, aber bis dahin ist es noch immer ein weiter Weg und gerade die Gruppe, die unter dem Begriff neue Bürgerlichkeit gefasst wird, füllt eher am Sonntag die Kirchen auch hier in Prenzlauer Berg wieder und bestimmt sich tendenziell konservativ, was amüsiert, denken wir daran, dass es doch eine nahezu revolutionäre Bewegung der Befreiung war, denn gehen wir von der Aufklärung ein wenig weiter zuück, sehen wir, dass Bürger all diejenigen ware, die Bürgerrechte hatten, also in einer geschlossenen Stadt leben durften, im Gegensatz zu den abhängigen Bauern, die einem Gutsherr gehörten oder doch zumindest unterstanden, waren sie relativ frei in ihrem engen ständischen Wesen und seiner genauen Ordnung. In einigen Städten von besonderer Bedeutung im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation etwa, galt sogar die Reichsunmittelbarkeit dieser Städte, wie etwa Frankfurt am Main, Nürnberg, Augsburg, Bremen, Lübeck und auch Hamburg. Das heißt sie waren nur dem Kaiser gegenüber verpflichtet, bestimmten ihre Geschicke weitgehend autonom und konnten auch ihre Märkt und Messen regeln, wie es ihren Interessen entsprach.
Aus dem lateinischen Civis, was auch zur Wurzel des Wortes Zivilisation wurde stammt das deutsche Bürger. Nur etymologisch ist der Ursprung hier ein anderer, der verwirren könnte, denn die Verwandtschaft mit Burg und also dem Adelssitz scheint irgendwie nahezuliegen, wird aber bestritten, da im althochdeutschen diejenigen, die in Städten wohnten burga genannt wurden, was näher auf die Wurzel verweist als die, die eben in Mauern der Stadt, Schutz suchen, um ihrem Handwerk oder ihrem Handel nachzugehen.
Zwischen Schutz und Freiheit liegt das Spannungsfeld, auf dem die Bürgerlichkeit agiert. Ob es noch eine konstruktive Identität gibt, wird zu ergründen sein, genau wie die Frage, warum es eine Lust sein kann, sich dazu zu bekennen, im Geiste der Salons des 19. Jahrhunderts, die bürgerlich waren gerade in Berlin, auch wenn hoher Adel dort verkehrte. Was davon heute noch wichtig ist für die Identität, ob es eher der Bildungsbürger ist, mit heimischer Bibliothek und sonntäglichem Museumsbesuch, oder der Begriff von Freiheit jenseits der Klassen und wie daraus eine Identität wird, nachdem sie in Verruf geriet.
Dies zu ergründen sowohl persönlich, denn der Autor begreift sich als zutiefst bürgerlich, als auch philosophisch, da die Demokratie einen Rahmen braucht, aus dem auch künftig ihre Werte gezogen werden, ist Ziel der nächsten Essays, wie weit dies gelingt, wird sich im Prozess zeigen, ob es Lust macht auch und es wen zu lesen reizt, erst recht, denn bürgerlich ist einerseits verpönt, andererseits, gerade von den Lesern eines Thomas Mann, idealisiert und es fragt sich also, was daraus werden kann.
Das Ergebnis ist noch offen, auch wenn sich der stolze Bürger wünscht, es möge zu einer Vereinigung von bürgerlich und frei kommen, erzwungen werden kann es nur bedingt und die auch Selbstbeobachtung, wird um das Thema weiter kreisen.
jt 18.10.14
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Sex in Berlin XXXIII
Nachdem wir nun 32 Tage getreulich untreu über den Sex in Berlin nachgedacht haben, soll heute, am 33. Tag, zum Abschluss nun, über die meistens Wirklichkeit berichtet werden in der eben nichts passiert und nur viel erwartet wird, mehr in der Phantasie bleibt als jemals real wird.
Berlin nennt sich sexy, weil es meint dies zu sein und die Welt es glaubt. Dass dieser Spruch ausgerechnet von einem ehemals West Berliner Beamten stammt, ist relativ bezeichnend für das Schaumbild der Illusionen, denn nirgendwo ist Berlin weniger sexy als im alten Westen heute, der nur noch ein innovationsloses Museum vergangener Zeit ist, russischer Konsumtempel mit märkischen Besuchern. Aber der Blick meinerseits wird sicher von Osten her getrübt sein. Geblendet bin ich allerdings nicht vom vermeintlich goldenen Westen, der eben ein wenig abgeblättert wirkt, wie eine alt gewordene Sängerin nach dem siebten Lifting, bei dem bald die Pobacken am Hals sichtbar werden.
Es ist auch immer wieder sexy, sogar im Westen, auch wenn da eher zufällig oder für Leute wie mich, die gerne in Museen gehen und sich auch am musealen Charme erfreuen, der nur noch konserviert aber auch nicht krampfhaft innovativ sein muss, wie es mein Kiez lange tat und der Friedrichshain nebenan immer noch ziemlich bemüht tut. Finde ja Museen und gerade Berlins Museen eigentlich den sexiesten Ort, den ich mir vorstellen könnte - schöne Kunst in teilweise wunderschönen Gebäuden, oder auch nur für sich schön in zumindest innovativen Betonkästen mit Menschen davor, die sich daran freuen und sich vom Anblick der Bilder zu Gedanken anregen, manchmal sogar erregen lassen - was könnte schöner, ein kleines Abenteuer beginnen lassen?
Eigentlich sind Mussen und dort jemanden kennenzulernen viel schöner als verräucherte Bars, düstere Keller oder ähnliche bisher gern beschriebene Ort, ist doch die Kunst die schönste Brücke zur gepflegt lustvollen Unterhaltung und ehrlich gesagt, für die Kunst fahre ich sogar sehr gerne nach Charlottenburg, um gegenüber dem dortigen Schloss durch die beiden wunderbaren Museen der Privatsammlungen von Berggruen und Scharf-Gerstenberg zu spazieren, die klassische Moderne und den Surrealismus und ich kann mir wenig sinnlicheres vorstellen - dann vielleicht noch verbunden mit einem Spaziergang durch den dortigen Schlosspark in letzter herbstlicher Sonne, wie schön kann das Leben in Berlin sein.
Auch die Museumsinsel lädt zu wunderbar, schwärmerisch zärtlichen Besuchen, denke ich etwa an die geliebte Sammlung Bode, um dort im Licht der Abendsonne noch die Kunst der Gothik wie der Renaissance in Bild und Figur zu bestaunen, durch Jahrtausende zu wandeln, im Café auf der Empore einen Tee zu trinken mit zumindest theoretischem Blick auf die Spree von der Spitze aus - oder die Alte Nationalgalerie, was stimmt den Romantiker wohliger als ein Gang durch die dortige Sammlung, mit ihren zärtlichen Höhepunkten, den französischen und den Berliner Impressionisten und natürlich der gute Menzel, ein Besuch bei alten Freunden eben und so endet Sex in Berlin, dort wo es anfing, im Kopf und es wird wieder Zeit die geliebten Museen zu besuchen, die befreundeten Bilder zu begrüßen, sie anzulächeln und sich zu freuen, sie schon so lange und so gut zu kennen - wenn wir dies noch in Begleitung täten, das Lustwandeln mit Anekdoten zu diesem Bild oder jenem Maler gegenseitig bereicherten, was könnte noch schöner sein, als vielleicht der nahe Tee im Anschluss?
So sind wir über die bloße Betrachtung im Museum, das Berlin eigentlich ist, wieder hin zu dem gekommen, was meist passiert an Sex, nämlich nichts, weil die Betrachtung dessen um uns, schon vollauf genügt , den Tag zu füllen und darüber zu schreiben. Natürlich denke ich an manches sonst beim Besuch der Museen, aber im Kern schiene es mir doch das, was den Sex in Berlin am besten abschließt, ein Besuch im Museum, die Betrachtung der Schönheit, gerührt vom bloßen Anblick. Vielleicht ist es das, was Berlin für mich immer noch so liebenswert und sexy macht, seine Museen, durch die Stadt verteilt, an manchen Orten geballter auftretend, doch immer mit schwärmerischen Geistern gefüllt, die von der Sehnsucht des Betrachtens geführt, im nur da sein Verführung genug genießen, denn eigentlich passiert auch bei denen, die sich in verrauchten Kellern und auf verstopften Tanzflächen bemühen, meistens nichts und wenn doch, ist es eher nicht der Rede wert, im Gegensatz zu diesen wunderbaren Musentempeln der Kunst, die Berlin pflegt und deren jeder Besuch für mich das ist, was anderen ein Gottesdienst wohl sein könnte.
Sex in Berlin endet im Museum - vielleicht findet sich da manches unerwartet, wer weiß das schon, es ist auch egal, was sich wo fand, oder findet, wenn schon der Ort an sich ein Genuß ist. Mehr kann nicht sein und wo es sich findet, sollten wir darüber schweigen und genießen, wo nicht, die Umgebung um so mehr loben. So gesehen endet Sex in Berlin im 33. Kapitel zutiefst bürgerlich und weist damit schon auf den nächsten Band hin, die Frage der Bürgerlichkeit als Idee der Gegenwart.
jt 16.10.14
Mittwoch, 15. Oktober 2014
Sex in Berlin XXXII
An Tagen wie diesen, wo im Oktober die Sonne scheint, die Menschen sich auf Bänken in den Parks zwischen Laubhaufen treffen und sich anlächeln, wenn sie nicht fluchend, vor leeren Gleisen stehen, die bestreikt keinen Verkehr mehr gewähren, ist Berlin richtig liebenswert, solange du nicht nach der Bahn fragst, sondern im Park sitzt.
Aber auch hier flanieren die gehetzten Großstädter ihr Telefon am Ohr und erzählen ihren Irgendwos vom Stress in der völlig überfüllten Stadt und stöhnen sich laut vor wie chaotisch mal wieder alles wäre, dabei könnten sie einfach in der Sonne sitzen, sich an dieser erfreuen und die vorübereilenden Schönheiten betrachten, gleich welchen Geschlechts je nach Neigung, findet sich irgendwann immer noch für jeden, ein schöner Anblick, ihn zu genießen.
Frage mich manchmal, ob nur ich darüber nachdenke, was wohl unter der Verkleidung bei den Berlinern los ist, wie es wäre, die hier nackt zu sehen, also auf objektiverer Grundlage zu schwärmen, statt nur anhand von mehr oder weniger schönen Kleidern, die im entscheidenden Moment selten noch entscheidend sind, und würden wir, wüssten wir vorab, uns anders entscheiden?
Der Vorteil des Sommers ist ja, schon relativ viel vom zu erwartenden, erkennen zu können, diese Frage stellt sich im Herbst nicht mehr so, alle sind mehr verpackt und wenn ich die langen Beine zu kurzen Röcken in nun blickdichten dunklen Strümpfen stolzieren sehe, können nur noch die Bewegungen auf das darunter hindeuten, aber auch genauso täuschen und was zieht uns dann wirklich an?
Würde ich Frauen nach der Form ihrer Brüste oder Schamlippen auswählen für bewundernde Blicke oder möglicherweise mehr, oder ist es gut so im Herbst noch weniger in diese Versuchung zu kommen, da das darunter noch mehr erraten werden muss als im Sommer, wo der geschulte Blick schon manches darunter formgenau erkennen kann, frage ich mich nur theoretisch, um darüber zu schreiben.
Kenne diesen Anblick zur Genüge aus dem Krankenhaus und vom Strand wie überhaupt, manchmal gäbe es einen Blick der auf besonderen Geschlechtsmerkmalen hängenblieb, ob nun bewundernd, vor Schönheit glatt erstarrt oder eher vor Schreck, aber sehr viel seltener vermutlich als jetzt die Gedanken an die Orte wandern, die wir nicht sehen können.
Diese Gedanken scheinen nicht allein typisch männlich zu sein, auch Frauen unterhalten sich, wie ich lauschend bezeugen kann und wie selbige mir häufiger berichteten, darüber, was sie wohl darunter erwartet und haben oft seltsame Maßstäbe, dabei zu wählen, was ihnen als Kriterium für das geahnte Unsichtbare gilt. Weiß nicht, ob es da ein taugliches Schema für alle gibt, und die vorhandene Probe ist relativ übersichtlich, aber dennoch interessant ist die Verkehrung gegenüber der Wahrnehmung der Männer.
Frauen schauen Männern ins Gesicht und insbesondere auf die Nase. Dies aber nicht etwa, um die Augen zu zentrieren oder sich auf den Geist hinter der darüber liegenden Stirn zu konzentrieren, sondern ziemlich überall wohl, wie es scheint, um hinter der Nase und ihrer Form anderes zu vermuten, als sicher geradezu anzunehmen, als wären die dummen Reime dazu etwas mehr als Kindereien. So sie ihm auf den Po schauen, tun sie es gern dezent.
Männer dagegen schauen Frau auch mal auf den Busen oder Hintern, klar, warum auch nicht, es ist ja auch etwas schönes, sich an der Natur zu erfreuen, aber wahlentscheidend ist eher der Blick in die Augen, das Hören der Stimme, so wir uns nah genug kommen, ihr Geruch.
Unter Männern wird sich nahezu nie über die Geschlechtsmerkmale der Geliebten unterhalten, wenn nur als Zote, ohne persönlich zu werden. Unter Frauen dagegen ist dies schon ein Thema und es wird sich immer wieder darüber, in nahezu gebetsmühlenartiger Form unterhalten. Wo immer ich es hörte, wurde betont, es käme ja auf die Länge nicht an, nur zu kurz, das wäre ja nichts und ja, die Nase, die Nase weise ja auf vieles hin. Überlege ob ich je ein Gespräch unter Männern nach der Pubertät über die Schamlippenform von Frauen gehört hätte und kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, im Gegenteil, werden solche Details unter Herren eher übergangen und sind ohnehin irrelevant - Brüste werden als groß oder schön bezeichnet, vielleicht mal als etwas hängend, aber das ist schon ungewöhnlich, da Herren die Neigung haben, auch vor sich in der Erinnerung, die Dinge schöner scheinen zu lassen. als sie in der Realität je waren. Was immer nun wirklich ist.
Frauen dagegen behalten ihren kritischen Blick, äußern ihn auch, was ein schwärmerisches Sensibelchen wie den Dichter, wenn er es über sich anhören müsste, vermutlich erschütterte. Im vertrauten Gespräch untereinander wird viel sachlich abgewogen, wie ich es unter Männern noch nie erlebt habe. Die schauen sich, wenn es viel ist und sie angetrunken sind, vielleicht mehrere abwägend an, aber wählen seltener nach nüchternen Kriterien oder dem, was die Frauen dafür halten.
Frauen sind dagegen überzeugt davon, dass sie von Männern, die ihnen auf Po oder Busen schauen, so angesehen werden, wie sie häufig eher dezent versteckt, die Männer beobachten, mit kritisch nüchterner Einschätzung und fühlen sich darum durch den Blick auf ihre Geschlechtsorgane reduziert. Dies auch, wenn sie mit dem Blick auf die Nase nichts anderes tun und nur eben über Umwege schauen, für ihre primäre Wahl. Viele Männer dagegen, zumindest so wie sie reden und ich, wie ich es auch empfinde, schauen auch auf Busen und Hintern, wenn sich Gelegenheit dazu ergibt, aber nur nebenbei, primär sind ganz andere Dinge wichtig und meine vermutlich völlig praxisuntaugliche zusätztliche Wahlbehinderung durch geistige Kriterien wie Intellekt und Belesenheit machen den Blick auf Busen nicht mal mehr zu einem tauglichen Gegengewicht zur schwärmerischen Suche nach dem Wesen der Frau.
Wenn ich also dann tatsächlich auch mal auf Busen oder Po schaue, ist das nicht, als würde Frau, die sonst konzentriert auf meine Nase eher schaut, mir auf die Hose mittig starren, sondern der Versuch einer Erdung der sphärischen Schwärmerei, die sonst schnell Gefahr läuft, den emotionalen Boden unter den Füßen zu verlieren. Zusätzlich behindert bin ich bei diesen Betrachtungen eines, zumindest dies betreffend, Unpolitischen, durch die verminderte Sehkraft. Wo andere aus dem Augenwinkel schauen, muss ich schon ziemlich starren, um überhaupt mir ein Bild zu machen, ohne aus dem Blick eine Meinung zu haben.
Lange Zeit verstand ich nicht, warum Frauen, die mir auf einen solch direkten Blick hin zulächelten, meist sehr viel mehr dabei dachten als ich, der ich auch auf ihre Nase hätte schauen können, ohne mir über sexuelles einen Gedanken zu machen. Habe mal versucht die Theorie zu verifizieren, dass sich die Farbe und Form der Schamhaare aus den Augenbrauen ablesen lasse, was sich in der Praxis weder bewährt, noch bestätigt hat und darum fallen gelassen wurde, was vermutlich auch an dieser unglücksseligen Mode für Pädophile, dieser völligen Nacktrasur, liegt. Aber ich fand Nacktschnecken schon im Garten meiner Großeltern häßlicher als die mit Häuschen oder Raupen.
Inzwischen habe ich aufgehört, mir Gedanken über solchen Unsinn zu machen, freue mich an der immer wieder Überraschung, da es doch den kleinen Unterschied zwischen allen gibt, ohne diesen in immer gültige Kriterien gießen zu wollen. Da ich bisher nicht mal wüsste, was ich schöner in der Form oder Art weiblicher Geschlechtsorgane finde, was sich besser liebt, was an dem geringen Umfang der Probe liegen kann, die ja heute durch das Netz noch schnell und leicht erweitert werden kann, zumindest was den Anblick angeht, von dem wir ja oben auf der Bank ausgingen, wäre es müßig, das eine oder andere zu bevorzugen, genau wie ich nicht sagen könnte, ob mich ein großer oder kleiner Busen oder ein breiter oder schmaler Hintern mehr erregt. Es ist die Frau, die ihn trägt und die als Ganze etwas auslöst, alles andere scheint heute müßig.
Vielleicht könnten sich Männer und Frauen viel besser verstehen, würden sie sich erzählen, wie sie sich betrachten und weniger urteilen, als genießen wollen, was ist. Ich liebe den Herbst, auch wenn ich beim bloßen Betrachten gerade noch viel weniger weiß, was mich darunter erwartet, woran ich mich freue, egal, wie es ist, weil es ist. So wird das weniger im Erkennbaren mir zum mehr an Glück, weil auch die offensichtliche Freude am Sichtbaren noch hinter Laubhaufen getrarnt werden kann, die Chancen steigen, einander nicht mißzuverstehen, was vermutlich der häufigste Hinderungsgrund für an und für sich mögliche Paarungen sein dürfte, auch wenn ich, blicke ich ehrlich zurück, im Herbst mich, wenn nur ganz ernst, neu paarte, ansonsten ist immer wieder überraschend, was sich ändert, so sich nur geringe Zusammenhänge unserer Systeme plötzlich ändern.
jt 16.10.14
