Sonntag, 12. Oktober 2014

Sex in Berlin XXX

Wie frei sind wir beim Sex und der Wahl unserer Partner wirklich, oder bewegen wir uns immer nur in dem engen Korsett unserer Anlagen und der sozialen Umgebung, in der wir eben gerade leben, fragt sich beim Blick auf die immer gleichen Muster und Wiederholungen, die sich beim Kennenlernen so ergeben.

Es gibt dabei selten, große Neuigkeiten zu erleben und dennoch erscheint es uns immer wieder spannend, als wie beim ersten mal, was in der Natur erstaunlich scheint, da wir als intelligente Wesen eigentlich aus Mustern lernen sollten. Vielleicht hindert uns die dabei oft vorhandene emotionale Komponente daran, wirklich vernünftig zu handeln oder ganz unserer Natur und ihrem eben auch triebhaften Wesen entsprechend, sondern dazu gerne Umwege zu wählen, die in ihrer Vielzahl mindestens so komplex sind, wie es unser Hirn schon von alleine ist.

Was wir dann nicht begreifen, nennen wir gern Gefühl und geben uns bei jedem Kennenlernen oder bei der Annäherung immer wieder auch innerlich überzeugt völlig überrascht, obwohl es, würden wir uns mit einer versteckten Kamera dabei beobachten sowohl in den Bewegungen, als auch sonst nach dem immer gleichen Muster abläuft und wir vermutlich, außer beim Wechsel der sozialen Umgebung sogar nahezu die gleichen Worte benutzen, um zu verzaubern,

Verzaubern ist auch so ein Wort, das auf die Kapitulation vor der Komplexität hinweist, der wir uns in diesem Moment gerne hingeben, um die Illusion der selbstbestimmten Handlungsfähigkeit zu behallten. Wir nennen es magisch und meinen dann eben, wir hätten verliebt, oder zumindest gereizt, einen besonderen Zugang zu diesem nur erfundenen Komplex. Die Liebe hat keinerlei Zauber, aber es ist dennoch schön, davon zu sprechen, als wäre es so, weil wir uns darin vermutlich genauso geborgen fühlen, wie im Aberglauben an die erfundenen Götter.

Nur verhindert die Flucht in das, was wir Magie nennen, weiteres kritisches Denken und hält uns damit unfrei gefangen und die Dinge ereignen sich einfach, scheinbar außerhalb unseres Einflusses. Warum ich mich in wen verliebe und warum wann nicht, fällt mir schwer, zu erkären. Ich weiß, wann es so ist, kann Indizien benennen, aber ich flüchte mich angesichts der Vielzahl der Gründe, die dafür sprechen auch gern in das einmalige, was ich dann fast wie übersinnlich behandele, auch wenn ich weiß, es gibt nichts über der Natur und hat alles in ihr seine guten und logischen Gründe.

Auch wenn die Magie ein höchst unsicheres Parkett ist, das nie präzise Aussagen erlaubt, fühle ich mich dort dennoch verbal zumindest oft sicherer, als auf dem polierten Parkett der  Vernunft, was nun vollends unlogisch wird. Wir ziehen, was wir nicht verstehen können, weil es nur erfundenen höheren Gründen genügt, bei der Suche nacheinander, der strengen Logik vor, die wir kennen und die uns viel freier in unseren Entscheidungen macht, was eigentlich paradox ist, aber in der menschlichen Natur zu liegen scheint, denn es machen ja überall auf der Welt die Menschen in ähnlicher Weise und begeben sich lieber in den Bereich der irgendwie Magie der Liebe, was immer das nun sein soll, als frei und unbefangen darüber nachzudenken, als fehlte uns nur denkend, dabei der entscheidene Teil.

Es hat sich sogar weitgehend auf der Welt durchgesetzt, dass wir nahezu alle danach handeln und die Welt der Vernunft von der des Gefühls streng trennen. Umgekehrt scheitern die Versuche vernünftig glücklich zu werden, meist am vermeintlich fehlenden Gefühl, ohne dass wir dessen Gründe benennen könnten. Wir begeben uns also freiwillig in Unfreiheit, wenn auch bei der Frage der Freiwilligkeit gefragt werden könnte, ob wir uns dessen wirklich bewusst sind oder einfach nur im sozial üblichen Korsett handeln, um damit vermeintlich erfolgreich zu handeln, Partner zu gewinnen, die es genauso denken, also fühlen und die Welten unvernünftig trennen, auch wenn wir eigentlich immer ein ganzer Mensch sind, der aus beidem besteht,

Wir sind also unfrei und handeln nach Schemen, weil die anderen es genauso machen und halten, weil wir es schon immer so machen, nur dieses Verhalten für erfolgreich. Kenne einge Frauen, mit denen ich wohl, vernünftig betrachtet, relativ glücklich sein könnte, dennoch wähle ich immer wieder auch welche, bei denen es vernünftig betrachtet, keine Perspektive bietet und traue doch dann unvernünftig dem Gefühl mehr und folge dem Trieb, was selten auf Dauer glücklich macht und vermutlich geht es den meisten ähnlich, auch wenn sie es gerade verliebt gerne leugnen, wie ich auch, weil es ja kein schöneres Glück geben kann.

So handele ich auf der Suche nach Glück immer wieder vollständig unvernünftig und es stellt sich also die Frage, ob ich glücklicher wäre, würde ich auch dabei vollständig vernünftig handeln und versuchen mir alle Gründe meiner Wahl vernünftig klar zu machen. Vielleicht wäre es den Versuch wert, denn nach was außer Glück sollen wir schon streben?

Fürchte allerdings, dass mein beschränkter Geist vor der Komplexität dieser Aufgabe scheitert und ich, dem Gefühl folgend, auch das nächste mal wieder kapituliere und mich der sogenannten Magie bereitwillig, auch um den Verlust der Freiheit, die Dinge zu verstehen, hingebe, um lieber gemeinsam nach Glück und Befriedigung zu streben, es sei denn, es fände sich jemand, mit dem ich auf dieser Ebene vorab einig wäre, was ja zugegeben relativ unwahrscheinlich ist, denn wer will sich schon ganz vernünftig verlieben?

So bleiben wir eingeschnürt in unserem Korsett, dessen Bänder wir nicht lösen können, weil wir die Schnürung magisch nennen und hoffen lieber ganz unvernünftig, es möge gut gehen und nun, alles mir mögliche bedacht, weiß ich auch nicht mehr weiter und versuche, es einfach hinzunehmen, wie es ist, auch wenn ich um die Freiheit in der Liebe trauere, bleibt die Hoffnung, auch als Sklave des Kosrsetts irgendwie glücklich zu werden.
jt 13.10.14

Samstag, 11. Oktober 2014

Sex in Berlin XXIX

Sex in Berlin beschäftigt sich als Sammlung von Essays mit den Formen der körperlichen Liebe in Berlin und dies müsste wohl zu den Orten, an denen diese zelebriert wird, um einen realen Bezug zu bekommen. Es gibt dazu Clubs und Orte genug hier, die gar nicht den Umweg über das einfach Kennenlernen wählen sondern ganz gezielt auf den sexuellen Kontakt aus sind, der dort gesucht und gelegentlich wohl auch gefunden wird. Allerdings kann nach dem Besuch einiger dieser Orte nur festgestellt werden, sie haben eine eher sportliche Atmosphäre und der Akt wird mehr zur artistischen Übung als zum Vollzug von irgendwas anderen.

Fraglich ob gerade diese Etablissements Berlin sexy machen oder es nicht mehr um den normalen Sex geht, der überall stattfindet und gefunden wird, auch im Supermarkt nebenan. Besonders an den Theken und auf den Tanzflächen treffen sich die paarungswilligen jeden Geschlechts und spannend wird es dort, weil es nicht nur auf den artistischen sexuellen Akt reduziert wird, sondern noch die unkalkulierbare emotionale Komponente dazu kommt, die in kein Schema passt und für die es kein Rezept gibt, wenn auch gewisse Methoden sich in der Praxis als tauglicher erwiesen haben.

Aber trotz der großen Zahl dieser naheliegenden Räume ist der größte Marktplatz des Dating in Berlin inzwischen das Netz, ob über soziale Netzwerke, Tinder oder Finya - hier wird gesucht und manchmal gefunden, wenn sich auch in der Praxis zeigt, das diejenigen Fälle, in denen es gerade nicht klappte, wenn plötzlich anders wahrgenommen, ein oft überraschend schönes Ende nehmen, warum sich das Ausgehen mit offenen Augen immer lohnt, um die Enttäuschten zu  entdecken, die sich gern über den Frust der Erwartung trösten und dabei eher erwartungslos aufeinander zugehen.

Wer sich geplant treffen will, sollte also das Netz wählen, um schnell Kontakt zu finden und neue Begegnungen zu haben, denn viele in den Bars und Kneipen sind genau dazu da. Diese jedoch immer mit gegenseitigen Erwartungen und Hoffnungen überhäuften Treffen sind häufiger, im Ganzen gesehen, eine Enttäuschung als die Kontakte anstatt, es sind, warum sich fragt, ob die gezielte Planung noch sinnvoll ist oder lieber das Fischen im Meer der frisch Enttäuschten weiter ausgebaut werden sollte, um sich die üblichen Geplänkel und Enttäuschungen zu ersparen.

Wer nichts erwartet und sich erwartungslos aber offen irgendwohin begeben kann, wird damit sicher mehr Erfolg haben, als auf dem Weg des konventionellen Onlinedating, was inzwischen schon wieder langweilig wird, auch wenn der Markt kontinuierlich wächst. Anderes kann für die gelten, deren Ausdrucksform gerade das geschriebene Wort ist - sie werden online schneller für sich einnehmen können, als es ihnen eben schreibend für sich in Bars oder Cafés gelingt. So zumindest meine Erfahrung, wenn auch diese sich inzwischen relativiert, da auch hier die Welten gelegentlich verschwimmen und wer dennoch aufmerksam wird im Realen, diese um so mehr verdient, weil sie oder ihn interessiert, was du gerade tust und das ist selten ein schlechter Anfang.

Im Gegenteil, aufmerksam für den anderen sein, ist das sicherste Mittel, andere erfolgreich kennenzulernen, wenn es dabei um so etwas wie Erfolg gehen kann, nicht viel mehr die Frage ist, was glücklicher macht, die ruhige Betrachtung der anderen in ihrem steten Bemühen umeinander oder die aktive Teilnahme an diesem Minnewettbewerb, der in Berlin stets mit einer gewissen Großmäuligkeit und Kaltschnäuzigkeit verbunden ist. Habe mich da inzwischen lieber auf den Beobachterposten zurückgezogen, da der Wettbewerb klassischer Überbietung mir zu sportlich langweilig ist und ich da wohl eher weniger in den klassischen Disziplinen der hiesigen Großmäuligkeit zu bieten habe, in denen Intellekt oder historisches Wissen selten den ersten Trumpf ziehen.

Wer aber im dennoch als nur Beobachter die Aufmerksamkeit der Damen erringt, fährt damit langfristig betrachtet meist besser, jedenfalls kann der Betroffene nicht über Einsamkeit klagen, auch wenn er immer außen vor bleibt beim großen, Jagen und sich nur darüber amüsiert oder eben wie hier darüber schreibt, weiß ich doch, die wirklich interessanten Frauen mögen zwar dies laute Spiel um ihre Gunst mitspielen, doch ist dies wohl noch seltener zielführend als die scheinbare Passivität, da Frauen sich ohnehin die aussuchen, die sie wollen, warum solches Bemühen, eher verlorene Liebesmüh meist ist und wenn eine Nacht dabei herausspringt, diese es selten wert ist, im Verhältnis zur dafür vor sich her geschobenen Bugwelle.

Diejenigen aber, die aus der Stille Aufmerksamkeit erringen, haben nur scheinbar weniger Kontakte, wirken einsamer oft, aber gewinnen dafür doch immer eher die Herzen derjenigen, die dieser Mühe wert sind und nicht nur aus artistischen Gründen der Präsentation unterwegs sind. Was die Frage aufwirft, um was es eigentlich dabei geht und was uns zufrieden macht und auf diese gibt es vermutlich ebensowenig eine Antwort, wie die Neigung dazu nur eine Richtung hat.

Die einen amüsieren sich im Minnewettstreit der Superlative aufgeblasener Egos an der Bar mit den je Satussymbolen geschmückt, lassen sie sich ihre Rolle gern etwas kosten und wollen auch darum begehrenswert erscheinen, während die übrigen dies mehr oder weniger amüsiert beobachten. Manche kochen innerlich oder entwickeln Beschützerinstinkte für die so billig angemachten scheinbar wertvolleren Frauen, unternehmen aber selten mehr, als sich innerlich zu distanzieren und den Platzhirschen ihr Revier zu überlassen, warum dieses Verhalten noch immer bei einigen als dominant erfolgreich gilt. Andere genießen die Distanz, amüsieren sich für sich im sicheren Wissen, ihre Zeit wird kommen, wenn die hohlen Hirsche ihr Pulver verschossen haben und wenige kluge Bemerkungen schon das Ruder langer Bemühungen leicht wenden können.

In Summa und nach langer Beobachtung schienen mir letztere immer am glücklichsten zu sein, auch wenn es vielleicht mehr Geduld kosten kann, um zum Zug zu kommen, hat sich der Weg doch bewährt, auch wenn ich zugeben muss, häufiger von diesem Retterinstinkt gepackt worden zu sein, um dabei aber immer wieder festzustellen, gerade auf der Tanzfläche, dies wird höflich honoriert, mehr aber auch nicht, während die noch Geduldigeren meist erfolgreicher waren im Aufbau von Nähe, die ohnehin nach weiblichem Gutdünken bemessen wird, auf das auch die klügste Vernunft viel Einfluss hat.

Frau wählt, sagt sie zumindest, nach dem Gefühl und es wäre an dieser Stelle vermutlich spannend das sogenannte Gefühl in seine einzelnen tatsächlichen Auslöser aufzuwickeln, die womöglich offenbaren könnten, dies Wahlverhalten ist wesentlich vernünftiger als die vermeintlich kopfgesteuerte Auswahl der Herren nach Äußerlichkeiten und sonstigem. Die wenigsten, sind sich vermutlich der genauen Gründe ihrer Wahl bewusst und verlassen sich auf ihren Instinkt, den sie Gefühl oder Bauch nennen. Fraglich, was sich ändert, wenn wir uns dessen bewusst sind oder ob Frau anders handelte, wenn sie Gefühl und Verstand weniger dialektisch betrachtete.

In der Praxis zeigt sich, dass wer nicht nur One-night-stands sammelt, lieber den Damen die Wahl überlässt, um nachhaltig zu genießen. Auch die Geschichten, die mit viel Aufwand für eine Nacht errungen werden, haben sicher ihren Reiz und machen in Summa sicher die größte Menge der Begegnungen aus, doch sind sie selten wirklich erfüllend und eher eine sexuelle Erledigung des eben Pflichtprogramms, das auf den Erfolg der eigenen Befriedigung zustrebt und unzufrieden macht, wenn dieser nicht irgendwie erreicht wird. Sex aber kann auch beim ersten mal gut und erfüllend sein, ist es aber selten, wenn so beabsichtigt, da der Reduktion das entscheidende Element fehlt, was die Begegnung schön macht.

Damit sind wir schon nahezu beim Kern dieser Essays angekommen, die über Sex reden, der aber ohne Gefühl eben langweilig ist, warum die vermeintliche BlackBox der großen Emotionen doch das ausschlaggebende Kriterium für glücklichen Sex ist und das Schreiben über Sex ohne dieses eine nur halbe Sache bleibt und es darum ganz entscheidend für den Genuß auf das richtige Gefühl ankommt, es sei denn, ich bin Leistungssportler auf dem Parkett der schnellen Befriedigung, dann sollte ich mich nicht von solchen Dingen wie Gefühl ablenken lassen, wenn ich auch außer in Tempo und Numerus nichts gewinnen werde, was zwar zum Bieten in der Runde pubertärer Knaben geeignet erscheint, ansonsten aber eher lächerlich macht, der Genießer schweigt über beides lieber und um ein solcher zu sein, wird es auch an dieser Stelle nun Zeit ein schnelles Ende zu finden, alles eine Frage des Gefühls scheinbar und das bisschen Technik lernt der Aufmerksame schnell.
jt 11.10.14

Freitag, 10. Oktober 2014

Sex in Berlin XXIII

Welche Rolle spielt der von allen gesuchte Sex in Berlin tatsächlich, oder ist er nur eine Illusion in den Köpfern derer, die sich danach sehnen, fragt sich der Flaneur im Blick auf das allermeistens nicht oder die vielen gescheiterten Versuche, die hier wie dort zu beobachten sind.

Der Berliner nimmt die Dinge gern persönlich und beschwert sich dann lautstark über die Welt und wie diese es wagen kann, gerade ihn so zu behandeln, für sie gilt ein gleiches. Wen das erregt und was dies für den eigenen Erfolg bringen soll, blieb mir bisher rätselhaft, aber vielleicht wird der hier auch nach anderen Kriterien gemessen und klagen zu können scheint für den urbanen Großstädter der Gegenwart eine wichtigere Eigenschaft als die stille Tapferkeit, mit der sich frühere Preußen so gerne auszeichneten, die allerdings, sein wir da ruhig exakt, selten Berliner waren oder sich als Preußen fühlten, auch wenn sie als deren Helden galten, wie der Feldmarschall Moltke, dem es wichtiger war, viel zu leisten und wenig in Erscheinung zun treten, mehr zu sein als zu scheinen, vor allem als umgekehrt mehr Wind um sich zu machen und der eben auch Mecklenburger aus Parchim war und darum nicht zu den Berlinern gezählt werden darf vermutlich, auch wenn sie sich ihn gern allerorten gegossen aufstellten, ob als stete Mahnung oder in grandioser Selbstüberschätzung mag dahinstehen, der Alte war jedenfalls im Berlin der 1880er berühmt, auch für seinen täglichen Gang ins Adlon.

Bescheiden gibt sich der Berliner ungern und dezent zu sein, ist hier nicht die erfolgsversprechende Lebenseinstellung, da Erfolg nur hat, wer auffällt und hier eben gern über Sex redet, der diese Stadt angeblich ausmacht, auch wenn sie da wie meist grenzenlos überschätzt wird und insbesondere der Westen vermutlich frigider ist, als ich mir etwa Bad Kissingen vorstelle, jedenfalls häufiger als umgekehrt, die durch bisher nichts widerlegt wurde, im Gegenteil.

Vielleicht darum ist es spannend wie gern und oft sich hier die nur Zugereisten treffen und wie sie schon nach wenigen Zeilen eine stärkere Verbindung miteinander spüren, als es unter Einheimischen möglich scheint. Dies mag daran liegen, dass Berlin im Grunde genommen so hässlich wie schmutzig und ungepflegt ist mit gelegentlichem Hang zur Protzigkeit, die etwas aus der Zeit fällt. Nicht umsonst fühlen sich auch die Bewohner von Deutschlands Norden in ihrer Umgebung am wohlsten und egal wie lange wer dort lebte, es scheint eine besondere Verbindung unter denen von dort zu geben. Wie ein Bündnis der Hanseaten, der sogar alte Rivalitäten wie zwischen Bremen und Hamburg oder das nur Lächeln über das Nest Kiel überwindet.

Gleich und gleich gesellt sich gern und findet sich auch im multikulturellen Kessel des Hauptdorfes schnell, will es scheinen. Was dafür spräche, dass sich auch die Berliner vermutlich untereinander wohl fühlen, auch wenn sie es selten so sagen würden. Es könnte schlimmer sein, ist daher schon die ganze Fülle des Wohllauts, die dem Berliner überhaupt vermutlich möglich ist. Davon grenzen sich die südlichen Euphoriker deutlich ab, die es noch nie so toll fanden, über die grummelnden Berliner in ihrer oft eigentümlichen Mundart laut lachen und dann gerne betonen, sie könnten alles außer Hochdeutsch, was ihrer Beliebtheit vermutlich sehr zutäglich war, die gerüchteweise Aversion gegen Schwaben begründete, für die dann aber ein Zugereister wie der Schlesier Wolfgang Thierse stand, der erst über Thüringen seinen Weg nach Berlin fand um dort heimisch zu werden.

Die Menschen aus dem Rheinland importierten ihre Ständige Vertretung und versuchen es immer noch mit ihrem Fasching, der hier einfach nicht hergehört, aber geduldet wird und auch nicht weiter auffällt eigentlich. Die Bayern wollen Berlin mit ihrer Meisterschaft des Übergebens  beglücken und lassen Oktoberfeste hier spielen und das Bier fließen, was der Berliner immer gerne annimmt, auch wenn es ihm etwas dünn erscheint und die bayerische Verkleidung nur bei schlichteren Gemütern aus dem Westen vorzugsweise hohen Anklang findet. Eigentlich geht es ja doch immer nur um das eine und die Wege dorthin, auch wenn es amüsant sein kann, wie diese beschritten werden.

Amüsant ist im Gewimmel der Großstadt das Bündnis der Hanseaten, die ihre Buddenbrooks nicht nur gelesen haben, sondern vielmehr diese Riten bereits mit der Muttermilch bekamen - sie erkennen sich erstaunlich gut und in nur Nuancen und wissen doch sofort Bescheid. Ein verständnisvolles Lächeln, eine gehobene Augenbraue, kleine Details der Kleidung - eine Art der Abgrenzung, auch wenn sie sich dem Strom der Stadt dezent anpassen, da muss nicht lang geschnackt werden - das Verständnis ist da und eindeutig, die Anziehung scheint quasi natürlich und so fragt sich der geborene Bremer häufig, wenn er in den netten Cafés hier sitzt, warum er dies nicht in Bremen oder Hamburg tut, sondern in diesem immer auch Exil und das obwohl er ja nur dort geboren, gerade mal sein erstes Jahr dort verbrachte und fragt sich, ob uralte genetische Wurzeln aus der mütterllichen Linie genügen, eine Verwurzelung zu begründen.

Was es nun auch ist, es scheint auch im Paarungsverhalten klar regionale Bündnisse zu geben und so gern ich mit einer Sächsin oder Hessin flirte, gefährlich werden meinem Herzen wirklich nur die aus dem Norden, warum auch immer. Schon allein, dass ich von Herz schreibe und ähnlichem Unsinn mehr zeugt davon wie sehr das Thema verwirrt, aber vielleicht liegt dieser Unort doch näher als gedacht, denn auch wenn wir uns natürlich im Hirn verlieben, wie darüber reflektieren, scheint etwas anderes, was eben auch dort spürbar ist auf alles ab, sagen wir mal grob Hannover, anders zu reagieren und dieses etwas ist der Logik, jedenfalls meiner, bisher nicht erschließbar.

Ob es den Schwaben ähnlich geht, wenn sie einander mit ihren Sch-Lauten und dem gerne oi murmeln hören oder den Franken beim gerollten -r etwa, weiß ich nicht genau, vermute aber so ist alle Liebe und neigung auch regional verwurzelt und es gibt auch eine sicher nicht zu kleine Gruppe, denen beim Gedanken an den Sound von Apolda oder Chemnitz ganz warm ums Herz wird und seltsam genug, geht es mir bei Weimar und Gotha ähnlich, wo irgendwo meine Familie seit rund 800 Jahren wurzelt, aber so nett dies ist, ein Nichts ist es verglichen mit dem Echo des Norden und das auch, wenn die Betreffenden wie ich mehr auf genetische denn reale Wurzeln zurückgreifen können.

Es könnte also tatsächlich sein, dass wir eine genetische Disposition in unserem Gehör haben, was uns als Wohlklang erscheint und womit wir uns wohl fühlen, was uns anbetungswürdig erscheint -  auch wenn ich den Einfluss von etwa Thomas Mann und seinem Ideal der blonden Inge nicht leugnen kann, es hat nur periphere Auswirkung gehabt, vermutlich nur bestätigt, was längst über Generationen in mir als Trieb angelegt war, denn sonst hätte ja die Liebe zu Mann, die bis heute fortdauert, auch meine homosexuelle Neigung gefördert, meine Liebe zu Knaben geweckt, aber nichts dergleichen geschah bis jetzt, trotz der wiederholten Bemühungen mancher sehr attraktiver schwuler Freunde, ich finde Männer nicht sexy, ihre Gechlechtsorgane eher komisch als reizvoll und bin ein unverbesserlicher Hetero geblieben, auch wenn ich Frauen nie verstehe, ich liebe sie oder vielleicht schriebe ich klüger weil, aber darum geht es hier ja nur ganz am Rande.

Wir wählen also regional und fühlen uns erwählt, wenn es diesbezüglich zu passen scheint und dies ohne real nähere Beziehung dorthin - der einzig genetisch Verwandte von der mütterlichen Linie dort ist mir ferner als irgendeiner meiner Verwandten, die spezielle Nähe zu dem Bruder meines Vaters, den es ebenfalls in den Norden zog ist ein Thema für sich, gereicht beiden nur bedingt zum Vorteil, ist aber ja nicht Thema hier und kann darum auch dahinstehen. Interessant daran ist aber, dass der erste Grad der väterlichen Verwandtschaft in Güstrrow geboren wurde, was aber weniger Einfluss auf die Neigung zum Norden hat als die bremische Herkunft der Mutter - was daran liegen könnte, dass es in Güstrow keine Wurzeln gab, die Großeltern nur dort lebten für eine gewisse Zeit, sich dort auf einem Ball bei irgendwelchen Bülows dort kennenlernten, aber sonst kein weiterer Bezug besteht.

Bremen oder das vergleichbar jüngere Hamburg oder das bedeutendere Lübeck lassen dagegen mein Herz höher schlagen, ohne dass es einen Grund dafür gibt und wer dort herkommt oder nördlich von da, auch noch gut, hat einen völlig unverdienten Bonus in mir und ich frage mich, ob ich glücklicher wäre, würde ich regional unabhängiger. Mein Großvater väterlicherseits verliebte sich zum Beispiel sehr erfolgreich und lebenslänglich dann glücklich in meine Großmutter, die eine Halbwaise aus dem Raum Bochum war und Gutstochter bei eben diesen oben erwähnten Bülows irgendwo bei Güstrow. Ich wuchs mit bestimmten Worten auf, die tiefster Bochumer Slang waren, aber da meine Großmuter immer so gesittet und auf Haltung bedacht war, die Familie hochhielt, war für mich völlig klar, das musste hochdeutsch sein.

In der Zeit als ich eine Verlobte aus Essen hatte und deren Eltern auffiel, wie ich Bochumer Mundart Begriffe verwendete, begann ich über diese Wurzeln nachzudenken und fand es sehr amüsant, aber es hat nie dazu geführt, dass ich mich in eine Frau aus Bochum verliebt hätte. Auch lag bei meiner Bremer Großmutter wie bei meiner Mutter jegliche sexuelle Überlegung mir so fern, dass ich nicht weiß, woher diese mir genetisch erscheinende Disposition rührt. Ödipus und seine Neigung sind mir völlig gern und der nächste Bezug dazu wäre noch, das tatsächliche Kennenlernen auf irgendeinem büliwschen Gut. Hatte auch sehr glückliche Beziehungen mit und weniger glückliche Lieben zu Frauen etwa aus München, was mir ferner liegt als irgendwas, dennoch war mir dir Nähe zum Norden immer wichtiger als etwas, auch wenn ich alles tat, nie dorthin zu ziehen und freue mich lieber in der zusammengewürfelten Stadt Berlin an den zufälligen Verbindungen, die sich einfach finden und die diese regionale Neigung bestätigen.

Vielleicht hilft ja darüber schreiben, um den Spuk los zu werden und frei Menschen zu würdigen, wie sie sind, egal wo sie herkommen. Ich weiß es nicht, frage mich aber, ob es etwas ist, was überwundern werden muss, denn wenn es unsere Natur eben ist, warum sollten wir sie dann unterdrücken und wer weiß, vielleicht finden sich ja noch zwei irgendwie mental genetische Nordlichter doch zusammen im Hanseaten Exil, was weiß ich schon heute vom morgen.
jt 10.10.14

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Sex in Berlin XXII

Was passiert im Sexleben der Großstadt, wenn der Herbst kommt, fragt sich der Flaneur beim nächtlichen Gang um den Platz und beim Blick in die Cafés und Bars, nach dem großen Regen mit herbstlichen Winden, scheinen die Orte nächtlicher Unterhaltung nahezu leergefegt. Es ist nichts los und die Menschen scheinen Zuhause geblieben zu sein.

Auch in den Hinterhöfen ist nichts von ihrem Treiben zu hören, auch wenn unklar ist, ob die Stille mehr an den nun geschlossenen Fenstern liegt oder eher daran, dass wirklich mal nichts los ist in der Stadt, die für sich in Anspruch nimmt sexy zu sein. Die wenigen Passanten tragen ihren Kragen hochgeschlagen und den Blick eher gesenkt, auf dem schnellen Weg nach Hause. Die beiden jungen Türken, im Nachtdienst am Kiosk sitzen in dicken Jacken noch vor ihrem Laden beim Bier und debattieren auf deutsch über türkische Politik. Mit Sex hat das alles nichts zu tun.

Es könnte nun die Theorie aufgestellt werden, dass die Wendepunkte des Wetters in der Stadt eher asexuell sind und dem sonst hier Liebesleben abträglich wären. Ob das nichts als Anhaltspunkt dafür genügt, oder es doch mehr wäre, wenn wir wüssten, was hinter den Fenstern passiert, kann nicht geklärt werden. Lassen wir es für heute dahinstehen und gönnen der Stadt auch Tage ohne Sex, wo sie es sich in hoffentlich trockenen Wohnungen gemütlich macht und nur darauf wartet, dass die Sonne wieder aufgeht.

Von der Sinnlichkeit des Nichts könnte viel geschrieben werden, aber tatsächlich passiert eben nichts und darum muss auch nicht viel darüber geschrieben werden und wir überlassen es im übrigen der Phantasie und fragen uns, ob wir die Pause lieber mit Vorfreude oder erwartungslos genießen, um keinesfalls enttäuscht zu werden, denn es kann ja auch im Nichts für sich genug Genuß und Schönheit liegen, wenn wir es nur zu würdigen wissen. Die Einsamkeit als Glück der dialektischen Spannung, die gespannt bleibt, was als nächstes geschieht und wie wir uns in dieses Glück finden, ist vielleicht die angemessene Umgangsweise mit Tagen wie diesen, die uns, was sonst hier passiert, mit anderen Augen sehen lässt und die Sinnlichkeit, so es sie gibt im Verborgenen lässt für eine ruhige Nacht.
jt 9.10.11

Sex in Berlin XXI

Wir begegnen uns an öffentlichen Orten meist relativ angezogen und können nur erahnen, was sich unter der wie immer modischen oder nur praktischen Hülle verbirgt, auch wenn sich manche immer mehr bemühen das darunter nicht anzudeuten sondern möglichst weit vorzuführen. Von den Unterhosen, die bei beiden Geschlechtern weit über die auf Hüfte getragenen Hosen hinausreichen, bis zu den Einblicken in die weibliche Unterwäsche, die auf freien Schultern oder darunter schön vorgeführt wird.

Es wäre ja auch zu schade, scheint es, wenn diese Pracht nur verdeckt getragen würde, denkt der Beobachter auf den ersten Blick und sieht doch meist wenig, wird aber durch die Andeutung um so mehr gereizt, dem darunter gelegenen Fettgewebe oder sonstigen verdeckt getragenen Körperteilen nahe zu kommen.

Der genaue Beobachter wird schnell feststellen, was sie trägt und vermutlich merkt auch sie auf, soweit seine Unterwäsche sichtbar wird jenseits des typischen Handwerkereinblickes. Nur wollen wir damit Einblick gewähren oder gerade nicht und nur dadurch, dass wir zeigen, wie, was wir nicht zeigen, verhüllt ist, den Reiz des Verhüllten erhöhen, oder ist die Hülle längst zum Reiz an sich geworden.

Freue mich, wenn ich schöne Wäsche sehe, am Anblick dieser an sich. Ob das nun der String ist, der sich hochgezogen abzeichnet und das dennoch verborgene andeutet oder der BH, der dem dennoch verborgenen Busen Form und Kraft gibt, was immer darunter davon übrig ist. Was Frauen am Anblick der eher beutelartigen Boxershorts reizen kann, weiß ich nicht zu beurteilen, aber vermutlich schauen auch sie mehr emotional und weitblickend in bezug auf den darin frei schwingenden Inhalt.

Aber will ich darum gleich die Schamlippen des Objekts der Begierde sehen, möchte ich der, ihren Po streng von ihrer Wäsche teilenden, in den Hintern schauen, oder ist die verhüllte Variante Reiz genug und wäre der direkte, unverhüllte Anblick vielleicht eher zu natürlich, fast medizinisch?

Frage mich also, ob mich der Anblick der weiblichen Scham oder des nackten Busens mehr verzücken würde, als der nur in der Hülle in Form gebrachten Andeutung davon. Wäsche ist nicht mehr nur dezentes darunter in irgendwie hautfarbener Formlosigkeit, sondern Teil der Kleidung, die aber auch wo sichtbar, noch lange nichts verheißt über den gewünschten Zugriff auf das darunter. Diese Unterwäsche bringt zumindest bei Frauen, bei Männern beobachte ich es zugegeben seltener, sehe allerdings auch wenig Exemplare, die damit ihre primären Geschlechtsmerkmale gerade betonen, den primären Gegenstand der Lust ins Zentrum des Blickes und der Aufmerksamkeit.

Wenn ich dies wahrnehme, werde ich in Gedanken auf das Geschlecht und seine Form gelenkt und würde dennoch immer einen Teufel tun, Frau darauf zu reduzieren, auch wenn gerade dies durch die Art der Kleidung im Vordergrund steht. Im Gegenteil, es ist gerade, wenn Interesse besteht, mögllichst dezent zu übersehen und darf erst bemerkt werden, sobald schon einverständlich miteinander auf die sexuelle Ebene gewechselt wird.

Daher stellt sich die Frage, ob die schöne Wäsche, die offen präsentiert wird, eher als Test genutzt wird, wie weit die Selbstbeherrschung des Gegenübers geht und wann er anfängt mit den Hufen zu scharren. Vermutlich gibt es aber auf diese sowenig eine allgemeine Antwort, wie dies auch sonst im Verhätnis von Frau und Mann möglich ist, sondern ist in jedem Fall anders zu bemessen und die eine trägt einen String, weil sie es angenehm findet und schon immer so macht, sich nie etwas dabei denken würde, während die andere, diese Dinger nie anziehen würde, weil unbequem, nur eben kurz davor oder als Mittel zum Zweck sie gerne nutzt und es wird vermutlich auch nicht wenige geben, die dies tragen, ohne darüber weiter nachzudenken, weil es alle tun oder eben Mode ist oder nicht.

Bei manchen Enthüllungen, die sich unter zauberhaftester Wäsche so offenbaren, fragte sich der nüchterne Beobachter vermutlich, ob die Verhüllung nicht reizvoller war, nur zum Glück ist ja keiner der Teilnehmer dabei normalerweise hormonell nüchtern, warum es nicht darauf ankommt. Gefährlich wird es, wenn der emotionale Rausch die eigentliche Nüchternheit im Anblick überdecken soll, aber nicht tut. Dann bewegt sich Mann jedenfalls schnell auf sehr dünnem Eis und sollte sich hüten, leichtfertig Komplimente zu verteilen, die genau die umgekehrte Wirkung haben können.

Natürlich ist ihr Busen der schönste, den wir je sahen, oder wir sagen nichts dazu, wenn wir klug sind. Eine kritisch reflektierte Aussage dazu, die ästhetische Maßstäbe ins Verhältnis zur Persönlichkeit setzt, ist nach aller Erfahrung nicht wirklich empfehlenswert und endet nie gut. Etwa, dein Busen ist sehr schön, etwas kleiner als der von X, aber größer als der von Y, schon straffer als der von A, aber doch noch schlaffer als der der B, wird vermutlich jede Anschauung desselben wie sonst mögliche Lust recht apprupt beenden, auch wenn Frau immer das Gegenteil vorab behauptet, nie angelogen werden möchte, sondern eine ehrliche Antwort dazu wünscht. So wie der Satz, dein Schwanz ist nett, aber der von meinem Ex war viel größer, selten der Anfang einer erfüllenden Beziehung ist.

Auch darum ist schöne Wäsche so etwas wunderbares und wenn wir nicht zur radikalen Nudistenfraktion gehören, hat es wohl seinen Reiz, sie noch anzulassen, bis es nicht mehr anders geht, oder diese rein technisch als störend empfunden würde, der Reiz, der von ihr ausgehen könnte verpuffte. Was wir nicht sehen, bleibt unvergleichlich schön verpackt und jeder Schwärmerei wert.

Dies ist natürlich nur ein schlechtes Schauspiel, eine bloße Makerade, der Karneval der Lust und hat mit der Natur unserer Triebe vielleicht wenig zu tun, nüchtern betrachtet. Aber betrachten wir den geschlechtlichen Akt und die mal ruckartigen, mal mehr fließenden Bewegungen ineinander nüchtern, könnte es uns auch relativ albern erscheinen, was wir da teilweise miteinander veranstalten und in welch abstruser Lage wir uns zu berühren trachten - aber da wir dabei selten nüchtern sind, sondern eben hormonell und emotional, wie weit sich das neurologisch auch noch wirklich trennen lässt, einmal dahingestellt, kann es dahinstehen - wir tun es so, finden das natürlich und in der Tierwelt können wir ja beobachten, auch diese verrenken und besteigen sich in einer Weise, die dem Beobachter komisch erscheinen könnte, für den Teilnehmer aber sehr ernsthaft schöner ist.

Es läge jetzt ein Ausflug zum Thema Porno nahe und warum wir die Beobachtung anderer bei diesen gymnastischen Übungen durch welche Öffnungen auch immer reizend aufreizend finden können und nicht nur komisch, aber das ist gerade nicht das Thema und liefe schnell Gefahr sich in der sozialen Debatte zu verlieren, inwieweit Porno diskriminert und welches Frauenbild sich dort zeigt, was zur Frage des sichtbaren und unsichtbaren unter schöner Wäsche nichts beiträgt.

Was Frauen am männlichen Geschlechtsorgan schön finden, weiß ich nicht, ich finde dies Ding mit dem darunter hängenden Sack einen eher komischen Anblick, aber mich muss es mit meiner heterosexuellen Veranlagung soweit bekannt auch nicht reizen nach meiner Natur. Umgekehrt finde ich nahezu jede Variante weiblicher Geschlechtsorgane schön und diese sind noch vielfältiger, scheint es mir manchmal als es die Trägerinnen so schon sind.

Am seltensten in natura begegnete mir bisher das momentane Schönheitsideal der geschlossenen äußeren Schamlippen, die alles darunter völlig verbergen. Warum dies von Amerika aus zum Ideal wurde, weiß ich nicht, entspricht aber vermutlich dem pädophilen Kult der mit der Nacktrasur parallel geht. Es gibt dazu mittlerweile vielfach Schönheitsoperationen in denen dieses Ideal künstlich nachgebildet wird, was sich vermutlich im Ergebnis ähnlich seltsam anfühlt wie künstliche Brüste, diese Gummibälle einer sexualisierten Zivilisation, die vergessen hat, dass uns die Natur auch selbst nach dem uns entsprechenden goldenen Schnitt konstruiert hat.

Es ist mir aber einige male doch in natura begegnet, aber ich kann nicht sagen, ob darin ein höherer Wert oder Reiz liegen würde. Auf dem nun Glatteis, was zum oben bemerkten passt, wird sich auch der nur Autor vor jeder Festlegung hüten und auf die naheliegende Frage, was denn am besten wäre oder ihn heißer machte, nur antworten können, es kam noch nie darauf an, da heiß mich nur die emotionale Nähe machte und die Form der Schamlippen mich dabei nicht interessierte, sowenig wie die des Busens mit der Ausnahme, dass die wenigen Erfahrungen mit Silikon und sonstigen Veränderungen bei mir eher das Gegenteil bewirkten, mich nur erheiternd amüsierten.

Frage mich, ob Frauen das mit einem künstlich vergößerten Glied genauso ginge, sah mich aber auch noch nie in der Gefahr über die Möglichkeit dazu nachzudenken. Jedenfalls kann schöne Wäsche sowohl natürliche Schönheit betonen, wie Abweichungen vom Ideal egalisieren, was sie doch zu einem gewissen Ideal ausgleichender Gerechtigkeit macht und auch weniger von der Natur begünstigte im Wettkampf um Fortpflanzung oder zumindest Befriedigung stärkt. So gesehen wäre die Wäsche ein Mittel der Egalität und im entscheidenden Moment mögen uns alle Hormone genug blenden, dass es uns nie auf etwas anderes ankäme, wir in unserem Gegenüber naturnotwendig die Schönste sehen und sollte es nicht so sein oder Zweifel aufkommen, sollten wir lieber an uns zweifeln und unserem Gefühl als am anderen und uns fragen, warum wir soweit gingen, wo wir nicht bereit sind, ohne jeden Zweifel zu bewundern und zu genießen.

Giacomo Casanova, ein großer Geist und noch gößerer Liebender, liebte die Frauen, auch wenn manche seiner Abenteuer als phantastisch scheinen, fällt doch auf, er schrieb immer liebevoll, war mit viel Gefühl bei jedem seiner Abenteuer und liebte, wenn möglich immer so, als solle es für die Ewigkeit sein. Von ihm zu lernen, einen konstruktivistischen Blick auf das Wunder der Sexualität zu werfen, ist der Schritt zu nicht enden wollendem Genuß. Es geht nicht darum wer besser ist oder was mehr Erfolg verspricht, sondern wie es am schönsten betrachtet werden kann und bedenken wir dabei noch, dass diese Erinnerungen ein alternder, womöglich impotenter Casanova in Böhmen schrieb, voller Sehnsucht auch nach dem italienischen Licht und der freien Liebe, während er gebrechlich inzwischen auf Dux mehr an der Quälerei der dortigen Dienstboten litt, wird noch deutlicher wie liebend einer die Welt betrachet haben muss, sein Leben lang, wenn er noch unter misslichen Bedingungen voller Liebe zurückschaut.

Es scheint am Ende, dass es weniger auf den wirklichen Reiz und die tatsächliche Form ankommt, als auf unseren Blick darauf, warum jede Schwärmerei legitim ist und nie eine Lüge, da sie ja die Wirklichkeit schafft, in der eben dieser Schwärmer nun gerne lebte. Es kommt nicht darauf an, was wirklich ist, sondern wie wir es sehen und also ist es gut, wenn wir, was wir nur hormonell berauscht voneinander sehen oder asexuell in Schwimmbad oder Sauna, durch seine egalitäre schöne Hülle verdeckt, uns als Ideal erscheint. Wer sich mit liebenden Augen ansieht, kann sich nur schön finden, wer nur befriedigt nüchtern schaut, kann es sich lieber selbst machen, da er immer Makel entdecken wird, will er nicht unmenschlich verkehren. Auch darum scheint mir die emotionale Nähe eine Bedingung des genüßlichen Sex, da nur sie es ermöglicht, einander in jeder Lage, davor und danach noch schön zu finden und alles übrige als rein sportliche Übung entbehrlich, die vor allem immer wieder einen ernüchternden und daher für den Rausch des Glückes unnötigen Blick bringt und dennoch lassen wir uns, auch von schöner Wäsche verführt, immer wieder dazu treiben und wissen dabei, es ist nur ein halber Genuss, der danach schnell endet, warum es besser ist, in meinen Augen, sich nur für wenige Stunden zu verlieben, als ohne großes Gefühl miteinander zu verkehren, um sich den ernüchternden Blick zu ersparen, der selten beglückt.

Wieder landen wir bei der seltsamen Mischkalkulation des Sex, der sich, um schön zu sein, aus emotionalen und hormonellen Gesichtspunkten unseres Triebwesens insbesondere im davor und danach zusammensetzt. Nüchtern betrachtet, wäre es in Berlin vermutlich effektiver sich die ganzen Emotionen beim Sex zu sparen, um diesen als solchen sportlich zu genießen. Kann dies aber ehrlicherweise nicht empfehlen, da der nur Höhepunkt auch bequemer und schneller allein erreicht werden kann, der wirkliche Genuss dabei sich aber nur einstellt, wenn er danach nicht regelmäßig in leicht genervte Ernüchterung kippt.

Nachdem mir dies klar wurde, habe ich einen gehörigen Teil meiner Wahlfreiheit verloren. Sex geht nur noch mit der zumindest stundenweisen Illusion des Gefühls, was den Kreis der möglichen Adressatinnen enorm einschränkt und sogar mein Körper folgt diesem Entschluss sehr entschlossen, verweigert für rein sportlichen Sex ohne emotionale Beteiligung den Dienst, was mich erst erstaunte und sodann sehr harmonisch zufrieden stellte. Wir lernen uns verkleidet kennen, ahnen, bis wir es wagen uns auch blind zu verlieben, nicht, was uns erwartet, wie behaart oder nackt unser Gegenüber ist, aber wenn wir es wagen, uns so blind einzulassen, ist der zu erwartende Genuss ein in jedem Fall größerer als für alle, die dabei zu genau hinschauen. Somit gewinne ich durch dies Eingeständnis der lieblosen Impotenz einen unabhängigen Status des Glücks, der egal was uns real erwartet und wie wir das nüchtern fänden, sein Glück maximal genießen kann und was mehr sollte ich anstreben im Irrgarten von Lust und Gefühl?
jt 8.10.14

Dienstag, 7. Oktober 2014

Sex in Berlin XX

In der großmäuligen Stadt, die was sie hat, gern uffem Tablet vor sich her trägt, als sei es dann mehr wert, geschieht viel öffentlich, damit es jeder sieht, insbesondere die Nachbarn und andere, die ruhig wissen dürfen, wie gut es einem geht. Das geht manchmal schon so weit, dass sie hier Pornos aufgedreht bei offenem Fenster im Schlafzimmer laufen lassen, während die Beteiligten selbst in der Küche sitzen, ein Bier trinken und Wurstsalat essen, damit die Nachbarn denken, sie hätten wer weiß was für ein wildes Sexleben und darum neidisch werden. Möchte mich hier lieber nicht im Detail dazu auslassen, in welchen Stadteilen vermutlich mehr nur Pornos laufen, wenn es im Fenster zum Hof stöhnt und wo tatsächlich etwas vergleichbares abläuft, was diese Geräuschkulisse aus der Fülle des Wohllautes erklingen lässt nach ihrer Natur.

Zu hören ist es überall relativ gleichmäßig, wo mit Zuhörern gerechnet wird. Die Ergebnisse dieses Tuns häufen sich aber mehr in weniger Bezirken, was dafür sprechen könnte, dass dort, wo weniger gezeugt wird, die Geräuschkulisse häufiger nur imitiert wird, um die Nachbarn neidisch zu machen. Aber auch da gibt es mal wieder keine wirklich belastbaren Zahlen zu Geräuschentwicklung und Liebesleben der Großstädter in dieser selbst und den provinzielleren Vororten. In Berlin jedenfalls wird mehr der Eindruck von Lust erweckt als diese gelebt, warum auch immer es manchen wichtig scheint, bei ihren Nachbarn dieses wahlweise Hengst oder Stutenwesen als wilden Eindruck zu erwecken, betreiben sie doch einigen Aufwand dafür.

Ob die meisten Stereo- oder gar Dolby-Surround-Anlagen nur zu diesem Zweck beschafft wurden, kann ich nicht kompetent beurteilen, besitze weder einen Fernseher noch eine Anlage die diesen Namen verdiente und nutze meine zu großen Boxen nur noch als Ständer für meinen Samowar oder besonders schöne Bücher, meist übrigens gerade Montaigne, was den Essays hier vielleicht noch einen weiteren Grund gibt, wenn auch nicht wirklich weiterhilft  in der Frage, ob andere diese Geräte mehr zur Vorspiegelung eines reichen Sexlebens haben - Musik dudelt wenn nur aus einem der Rechner und Musik zum Sex ist eher nicht die Regel bis dato gewesen, vielleicht da weniger vorgetäuscht werden musste, vielleicht, aber vermutlich eher, da ich kein Eingeborener bin, mir als geborenen Hanseaten diese seltsamen Spiele eher fremd sind und über die ich im übrigen, bis ich die Nachbarn wahr nahm, nicht weiter nachdachte.

Die öffentlich hörbare Schau um das Verborgene führt zur Frage, ob der Sex in der Stadt weniger etwas Verborgenes ist als eine öffentliche Angelegenheit.  Ein Stück der Präsentation wie jeder Gang in den Kiez einer auf den Laufsteg ist, auf dem wir uns begutachten, gegenseitig. Da wir beim Sex die Nachbarn für gewöhnlich nicht einladen, dies auch in Berlin womöglich noch eine Ordnungswidrigkeit wäre, die von interessierten Beamten verfolgt werden könnte, wird dort, wo hineingeschaut werden kann, zumindest der Vorhang zugezogen, als letzter Anscheinsrest von Anstand, was immer das sonst sein soll, warum im Gegenzug die Fenster geöffnet werden und manche die Lust gern möglichst teilnahmsvoll hier leben, ist mir zugegeben ein Rätsel.

Bin sicher nicht verschämt, bade lieber nackt als in überflüssigen Kleidern, egal wo und finde verklemmte Zurückhaltung beim Sex eher traurig und nervig oder gar erregend wie manche wohl, lebe die Lust und überhaupt also gern ganz nach der Natur, die ich soweit als möglich zu genießen trachte, kenne ohne Götter keine religiösen oder moralischen Bedenken und es mögen alle es so tun, wie es ihnen gefällt und dennoch finde ich es immer noch schöner, lieber für einander ungestört im Intimen zurückgezogen zu sein in voller Ausgelassenheit und schließe ich jedesmal die Fenster, weil ich finde, dass es keinen der Nachbarn etwas angeht wie meine Freundin oder Geliebte stöhnt und wann sie oder wir oder ich kommen.

Es scheint mir dies Verhalten eher völlig natürlich und dem Gefühl zu entsprechen, dass ich für die mir dann nächste hege - möchte sie für mich haben, ungeteilt genießen und wenn dies sicher auch mal zu einem lauteren Schrei führt, den Nachbarn hören könnten, macht mir das keine Sorgen, nur ist der Akt, den Akt von außen quasi abzuschließen, für mich ein Teil seiner Sinnlichkeit, die eben auch in der Eröffnung im Verborgenen liegt, in dem wir uns schenken, was sonst keiner zu sehen bekommt.

Peinlich wäre es mir nicht, sollten die Nachbarn mit dem Ohr an der Wand mithören, sollen sie sich doch daran freuen, da wäre ich großzügig und wer es geil findet, anderen beim Sex zuzuhören, möge sich gern auch daran aufgeilen, nur finde ich die Dialektik zwischen Intimleben und Öffentlichkeit nicht mehr so spannend wie mit 17 als eine Zugtoillette zum Ziel aller Träume werden konnte und der Sex im elterlichen Garten allein darum toll war. Bei den Berlinern scheint sich das weniger zu verändern oder weiter zu entwickeln. Was daran liegen kann, dass die Sehnsucht sich in allem, also auch dabei zu übertreffen und darüber zu reden, hier ausgeprägter ist als anderswo.

Lustigerweise ist mir das beim Sex völlig fremd und finde ich hier den ruhigen Genuss am vorteilhaftesten - nicht etwa still beim Sex - sie mag so laut sein, wie sie nur kann und auch ich möchte nicht schweigen müssen, nein, sicher nicht, sondern die Konzentration aufeinander und die Reduktion auf das wesentliche, als sei Sex eine Form von Meditation und letztlich geht es ja auch, jenseits der ganzen emotionalen Show um auch körperliche Entspannung und so gibt es Leute, die das gern in der Menge tun, wie manche Menschen auch Gottesdienste besuchen, um gruppenweise öffentlich nach Ritus zu meditieren, während andere sich lieber für sich ihre Gedanken machen und ich kann nicht sagen, welche Gruppe glücklicher ist, weiß nur, was mich wenn eher glücklich macht und so gehe ich nicht zum Dienst für irgendwelche erfundenen Götter, die ich nicht kenne, sondern mache mir lieber für mich meine Gedanken, was ich gut und moralisch finde und schließe zum Sex, wenn ich daran denke und dazu komme zumindest, das Fenster, um dem Privaten auch als solchem eine Wertschätzung zu geben.

Wertschätzung scheint ein wichtiger Punkt dabei zu sein, denn sicher mag es auch gut für Kinder sein, sie nicht dem Sex der Erwachsenen auszusetzen, auch nicht akustisch aber darüber hinaus bekommt das, was wir für uns tun, um uns einander zu schenken, zumindest uns einander hinzugeben, einen anderen Wert, wo wir es intim behandeln, was aber vermutlich erst wirklich wert schätzen kann, wer diese Grenzen auch schon überschritt und so bleibt nur zu hoffen, dass alle, die sich da so pubertär öffentlich lieben, auch noch irgendwann feststellen, dass es sich lohnt dies für sich zu genießen, um sich und die Sache zu würdigen und so wie es Leute gibt, die ihren Sex gern öffentlich in Clubs zelebrieren, oder sich dabei von anderen zusehen lassen wollen, wird es auch die Fensterfraktion immer geben, denen es nur gut geht, wenn der ganze Hof mitbekommt, wann und wie oft sie Sex haben, dabei ist die Sache an sich weniger wichtig, als das Gefühl, das sie trägt und warum wir sie gerade dann zulassen oder nicht.

Klar kann ich den Sex in dieser Stadt auch ständig als Freizeitbeschäftigung haben, aber ehrlich gesagt, scheint mir das auch nicht viel spannender als anderer Sport, wenn auch die verbundenen Details es spannend genug machen könnten, finde ich Sex ohne große Gefühle immer langweiliger und frage mich jedesmal danach, wozu eigentlich und so ist es dann eher komisch, was wir dabei miteinander anstellen. Um es wert zu schätzen und der Lust den gebührenden Platz zu bieten, schließe ich Fenster und Vorhänge gern dazu. Wenn ich öffentlichen Sex wollte, ginge ich da hin, wo das üblich und gewollt ist. Soviel zum grundsätzlichen der Lust und ihrem Kontext im Lichte des kategorischen Imperativs, ohne dabei zu vergessen, dass es erst richtig gut wird, wenn es uns alle Grundsätze umwerfen lässt, wenn gerade nötig, warum diese immer nur relativ gültig sind und also wie alle Gesetze eigentlich entbehrlich sind, hätten nur mehr den Mut, konsequent zu denken.
jt 7.10.14

Montag, 6. Oktober 2014

Sex in Berlin XIX

Wir sehen uns und manchmal entwickelt sich schon aus dem ersten Blick mehr, als wir je einen Augenblick davor zu hoffen wagten und doch genügt es manchmal, sich nur anzusehen, um zu wissen, was kommt.

Aber wissen wir dabei das gleiche und schauen wir vergleichbar?

Weiß nicht wie Frau schaut und ob sie kritischer blickt oder eher liebevoll, wenn. Vielleicht schaut Frau auch objektiver und Mann sehr viel emotionaler, mehr das Ziel im Sinn als die neutrale Bewertung des Gesehenen.

Kann bei allem nur berichten, was mir von Frau gesagt wurde und wie sie mir beschrieb, wie sie sich sieht und sagen, wie ich und andere es sehen, kenne bis jetzt keinen objektiven Maßstab.

Sitzen wir im Café und begegnen uns, kommt es auf den ersten Blick oft an, ob sich überhaupt etwas entwickelt. Spüre meist auf den ersten Blick, was es sein könnte und wie Interesse miteinander wächst. Verlasse mich, wie alle wohl,  oft auf diesen Eindruck und freue mich doch, wenn ich feststelle, der erste Eindruck täuschte.

In Sekundenschnelle laufen die Raster ab, die uns entscheiden lassen, ob wir uns bemühen oder nicht, was aus etwas werden könnte. Ob wir uns dabei irrten, erfahren wir nur selten noch, weil Leben schnell weiter segelt. Spannend wäre, zu überlegen, wie sich unser Leben wohl änderte, wenn sich der Filter unseres Blickes nur ein wenig änderte. Vielleicht kann schon die Offenheit uns den Horizont erweitern, mehr zu genießen, was ist, warum sich das Nachdenken zu lohnen scheint.

Grundsätzlich offen freue ich mich an nahezu jedem weiblichen Lächeln und genieße, was ist, oder träume von dem, was sein könnte, um darüber zu schreiben. Meist mit Schreiben beschäftigt, passiert selten viel mehr als dieser erste Blick und das neugierige Lächeln und so bin ich im Zwiespalt zwischen dem Nichts, was meistens nur geschieht und dem mehr, was sein könnte, aber dann unbeschrieben blieb und so ist es eine Entscheidung zwischen dem Erlebnis und seiner Beschreibung.

Zum Glück gibt es hier genug erlebnishungrige, die sich gerne ganz einander und dem aufeinander zugehen hingeben, was schon vom ersten Augenblick an, schön zu beobachten ist. Auch wenn sich eine gewisse Wiederholung einstellt, da das Kennenlernen und sich wenn möglich näher kommen, ganz nach immergleichem Schema abläuft. Frau bemüht sich um Aufmerksamkeit mit viel Engagement und wenn sie es gewonnen hat, übt sie sich anschließend in um so mehr Zurückhaltung, um das Interesse wach zu halten. Mann ist entweder offen, schaut um sich, was selten großes Interesse erregt oder gibt sich beschäftigt, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken, was sofern er den richtigen Zeitpunkt erwischt, an dem er vom Desinteresse zur gelangweilten Aufmerksamkeit wechseln muss, die effektivere Methode scheint, entdeckt zu werden.

Der immer beschäftigte Schreiberling, also ich selbst, nimmt sich da mal aus, da ein Rechner vor der Nase scheinbar abschreckend genug ist, die Nachfrage nicht zu hoch werden zu lassen, um noch ungestört zu schreiben, und sollte es anders sein und somit ein Konflikt zwischen dem Willen zur Kunst und der Lust jenseits des Willen entstehen, hilft es immer als Flaneur genau zu beobachten, was beschrieben werden soll, um jedes Interesse erlahmen zu lassen, denn, wo Frau sich beobachtet sieht, muss sie sich nicht bemühen, sondern im Gegenteil, dem unausgesprochenen Ritus zufolge, sich desinteressiert immer zeigen, was dann ungestört schreiben und beschreiben lässt, was um uns passiert.

So war es auch mit der Schönen mit den braunen langen Haaren, den langen Beinen und der sehr bürgelichen Eleganz für eine vermutlich Studentin, die zunächst Aufmerksamkeit von möglichst vielen Seiten suchte, auf der Jagd nach dem Pianisten, mit dem sie heute zumindest Händchen ein wenig auf dem Sofa hielt und der so lange er schon im Keller hier spielt, der Schwarm aller schönen jungen Frauen ist und der anderen vermutlich auch, nur kann ich da nicht so genaue Beobachtungen aus eigener Sicht bestätigen. Der Franzose mit dem etwas längeren Dreitagebart und den nicht ganz schulterlangen Haaren, die er sich gern mit viel Grandezza beim Spielen aus dem Gesicht wischt, ist ein schöner Mann. Sie eine Frau von großer Schönheit und doch spielte sie solange, bis sie sich vorsichtig erstmals berührten.

Eifrig hatte sie zuvor dafür gesorgt, dass sein Platz neben ihr wieder frei wurde und doch suchte sie wieder Blickkontakt nachdem er anfing, sich um sie zu bemühen - bis zu einem Kuss kam es nicht, vorher verabschiedete sie sich von ihren Freundinnen mit einer Umarmung und von ihm auch eher formell, verschwand als er nochmal mit dem Veranstalter hier sprach - auch so ein schöner, großer Mann, der durch seine völlige Ungerührtheit die Frauen reihenweise in den Bann zieht, ohne je mehr als ein Wort als gerade nötig zu sagen, auch wenn er sehr ausgelassen sein kann, wenn er will und nicht seine Rolle hier spielt im zirkus des Beobachtens und beobachtet werden.

Der singende und Klavier spielende Franzose, der mit tiefer Stimme dennoch sehr gefühlvoll singen kann, löst regelrecht Begeisterung im Publikum aus, die Blicke kleben an ihm. Viel gäbe ich dafür die Gedanken der Damen hier, lesen zu können. Aber vermmutlich ist es gut so, dies nicht zu können uns sich also lieber der Phantasie der hehren Gedanken hinzugeben, denn womöglich wären die Phantasien der Zuhörerinnen viel schlichter als sich Mann das so romantisch verklärt vorstellt. Überhaupt üben die Musiker, die auf der Bühne stehen wohl eine eigene Faszination auf die Damen aus, was an den Blicken schon sichtbar wird, denn hier dürfen ja alle beobachten und schauen, ohne aufzufallen.

Der Traum von dem, den alle beobachten, gemeint zu sein und als diejenige erwählt zu werden, für die er singt, die das Gefühl seiner Lieder teilt, scheint eine eigene Faszination, die sichtbar viele voller Lust teilen. Die Beobachtung der Zuschauerinnen, finde ich zugegeben noch spannender als die der Musiker, die ich ja höre und was sie da tun, um den Klang zu erzeugen, fasziniert mich weniger, außer sie sind Musikerinnen, die aus anderen Gründen faszinieren, denn von Musik verstehe ich nichts, höre sie nur gern, wenn gut.

Aus dem Betrachten der schwärmenden Zuschauer lässt manches auf die Art der gegenseitigen Beobachtung schließen. Auch wenn die Musik noch eine romantische Verklärung eigener Art schafft, wird doch deutlich, dass Frauen anders beobachten und zuerst wählen und erst dann schwärmen, während es Männer oft umgekehrt tun.

Ich sehe eine Frau, freue mich an ihrem Anblick, was immer dazu Anlass gibt, es müssen nicht die klassischen Schemen sein, schwärme in mir für sie, ohne damit gewählt oder entschieden zu haben, was ich nun wollte, ist es eher ein offenes Schauen. Frauen scheinen mir da planvoller vorzugehen und zunächst zu wählen, um dann gezielt hinzusehen oder wegzuschauen, je nachdem an welchem Punkt der Annäherung sie sich nun befinden.

Aber, was weiß ich schon von den Gedanken der Frauen dahinter, die auch sich viel kritischer meist betrachten, als ich sie sehen würde in meinem schwärmerischen Blick, der sich lieber freut. Wo ich in den Spiegel schau, übersehe ich lieber, was mir nicht gefällt, schaue auch darum nur wo nötig, etwa beim Rasieren, in den Spiegel und sonst  eher nur beiläufig, nie um mich kritisch zu betrachten, auf die Idee für mich zu schwärmen, käme ich nicht und dennoch übersehe ich die Makel, was immer das wem auch sein soll, lieber. So, wenn ich beim Friseur, wenn sie mir die frisch geschnittenen Haare von hinten zeigt, lieber nicht zu genau hinsehe, weil ich das Faktum des hinten lichter werdenden Haupthaares nicht noch bestätigen muss, was ich nicht sehe, ist nicht, auch wenn es mir im übrigen egal ist und die Dichte des Haares nichts mit der Potenz oder Intelligenz zu tun haben soll.

Vielleicht unterscheidet diese Haltung zu sich Männer und Frauen grundsätzlich, auch wenn ich mir dabei nicht sicher bin, wie auch, scheinen mir die Zweifel an kleinen Äußerlichkeiten das Leben vieler Frauen mehr zu bestimmen als es das der meisten Männer tut, die eher die Tendenz haben eigene Mängel lieber großzügig zu übersehen. Es gibt auch den Typ Mann, der Frauen taxiert und vermisst, sie in ein Schema einsortiert und wo sie dem nicht entsprechen, abwertend bewertet - aber weder zähle ich zu diesen, noch möchte ich dieser schlechten Angewohnheit zuviel Raum geben. Würden es Frauen auch nicht, sondern erkennen, wie die Mehrheit der Männer auf sie schaut und wie liebevoll die meisten eher blicken, auch wenn sie vom Trieb getrieben durchaus mal mehr wollen, die Welt könnte eine schönere sein, auch wenn viele, die professionell künstliche Schönheit herstellen wollen,  dann vermutlich arbeitslos würden, wäre es das Risiko wert, dem Gefühl zu trauen, denke ich.

Es ist, scheint mir der Unterschied zwischen dem Blick fürs Ganze und der Detailversessenheit, die sich da unterscheidet. Eine Geliebte von mir, leider bis dato nie mehr, da verheiratet noch, litt immer sehr unter irgendeiner Hautveränderung an einer Stelle ihres Körpers, die sie darum auch als wir zusammen schliefen, bemüht war, schamvoll zu verhüllen, was ich nie verstand, da ich sie doch immer als Ganze sah, sie als Frau für mich die Schönste ist, die ich je sah und wenn sie an einer Stelle eiternde Furunkel hätte, dies nichts am Gesamtbild ändern würde, ich sie schön liebe und nur das für mich letztlich zählt - während für sie dieses kleine Detail, was sie noch schamvoll vor mir verhüllte, während längst alles andere in der Leidenschaft einander offen lag, für sie eine ihre gesamte Stimmung betreffende Rolle spielte, war es mir völlig egal und ich litt nur daran, dass sie nicht so entspannt genoß, was ist, wie es meiner Natur entspräche, da ansonsten die Harmonie eine Vollkommene war auf jeder Ebene.

Auch wenn nun diese mehr als nur hochintelligente Frau von sich sagt, ihr Gehirn funktioniere neurologisch männlich, zeigt doch diese, wer weiß ob mehr von Hormonen oder sonstigen Boten gesteurerte Reaktion in meinen Augen etwas typisch weibliches, was die Kommunikation zwischen den Welten unnötig zu erschweren scheint. Sie ist für mich die schönste Frau, die ich kenne oder je sah - was sie  eigentlich auch weiß, wenn auch nicht glaubt, aber das ist eine andere Geschichte. Es ist mir egal, ob sich dieser Blick objektivieren lässt, es alle so sehen können müssen oder es genügt, dass sie mir so scheint, solange mich ihr Anblick so verliebt und glücklich macht, wird es gut so sein und dabei interessiert mich nicht, was sie an sich alles nicht mag, sondern ich freue mich an ihr und weil ich sie liebe, ist mein Urteil eines, was die ganze Person würdigt und nicht ihre Details.

Spannend aber wird es, wenn ich nun bedenke, dass ich sie auch und gerade in ihren Zweifeln an sich so liebenswert finde und finde diese machten sie noch schöner. Hier mischt sich ganz direkt die Haltung in den Blick. Wer uneitel und bescheiden ist, scheint uns schöner, als wer sich auf dem Glanz seiner Schönheit nur ausruht. Dennoch fallen uns die Selbstbewussten schneller auf, scheinen uns die schön, die sich schön finden und die eher bescheidenen Wesen fallen durch das Raster. Bei ihrer Größe, fällt sie zwar durch kein Raster mehr, zieht logisch Blicke auf sich und ich fragte mich also, sagt sie das und gibt sie sich so, weil sie eben uneitel scheinen will, um mir so zu gefallen oder ist sie vielleicht viel eitler und fischt auf diese Art nach Komplimenten, liege ein taktischer weiblicher Schachzug der Verkehrung vor, auf den Männer so gern hereinfallen.

Ich weiß es nicht, aber es macht mich auch nicht glücklicher darüber nachzudenken, wie es denn nun wirklich sein könnte, im Gegenteil dieses Gewirr schickte mich nur in Zweifel, die sich in neuen Zweifeln verwirrten, mich am Ende völlig verwirrt zurückließen. Nun gibt es Gerüchte, genau dies sei die Absicht der Frauen, um leichter zu herrschen. Frage mich dabei wozu und über was, denn mein Herz hat die, die es angeht ohnehin in der Hand, Taktik  und Spiele bräuchte es nicht und warum sollten wir trüben, was dazu da ist, genossen zu werden?

Also nehme ich, um mich wohl zu fühlen und mit meinem schlichten geringen Verstand irgendwie zu begreifen, an, es sei so, wie sie es sagte und sie meinte, was sie sagte, sei also eher zweifelnd und uneitel und erscheint mir darum um so schöner, weil scheinbar der Charakter eine große Rolle bei unserem Blick auf die Person spielt, unser Bild von einem Menschen beeinflusst und so fragt sich, inwieweit es beim Blick noch um Äußerlichkeiten geht und wo wir dies betreffend wozu eine Trennungslinie ziehen sollen.

Die Frau, die ich liebe, ist mir die Schönste, weil ich sie liebe und ich liebe sie, weil sie mir als die Schönste erscheint und es also nicht anders sein kann. Aber es gibt ja nicht nur den Blick auf diese eine, mein unerreichbares Ideal, sondern auch noch den einfach neugierigen Blick. Andere Frauen betrachte ich mit einer ähnlichen Haltung, die sich am Schönen freut aber mehr wert auf den Blick hinter die Kulissen legt. So gibt es eine Bedienung in einem benachbarten Café, die das bezauberndste Lächeln hat, das ich je bei einer Berlinerin sah - sie finde ich schön und liebenswert, ihres Lachens wegen und so sehr ich nun auch überlege, wollen mir doch keine unattraktiven Details an ihr einfallen, habe ich ihr Lachen alles dominierend in Erinnerung, ist sie darum schön für mich, auch wenn sie als Typ sonst keine große Gefahr liefe, in meinem Beuteschema hängen zu bleiben.

Natürlich sehe ich auch mal dicke oder unförmige Menschen, die meinen Sinn für Schönheit nicht so sehr beeindrucken, eher zum wegschauen anregen und sicher gibt es gerade in dieser Umgebung, die ich mir aussuchte, mehr schöne Menschen zu sehen, als es in anderen Teilen Berlins aus meiner Sicht der Fall ist, nimmt der Geschmack vom Zentrum zum Rand hin wohl exponentiell ab, aber dennoch sehe ich, auch wenn ich mal im Westen Berlins weile oder an den östlichen Rändern, eher schöne Menschen oder die Schönheit an ihnen, wenn auch außerhalb der gepflegten Mitte logisch seltener, da was im Zentrum konzentriert auftritt, zu den Rändern hin ein wenig zerfasert. Nur ist dieser Blick objektiver oder eben der getrübte derer, die im Zenrum leben und sich an vermeintlich geballter Schönheit erfreuen?

Das ich immer eher mit viel Gefühl schaue und nie den Anspruch erhebe, objektiv zu sein, habe ich, glaube ich, schon erwähnt, warum sich alles weitere zu diesem Punkt insoweit erledigt hat. Schaue also aus meinem Horizont in die Welt, die mir nur so scheint, wie ich sie sehe und frage mich nun, ob es für das ästhetische Empfinden wichtig wäre, einen objektiven und allgemeinen Maßstab zu finden, oder ob es uns genügt, immer nur beschränkt subjektiv schön zu finden. So gesehen habe ich keine Ahnung, was wirklich schön ist, da ich meinen Horizont bei der Betrachtung der anderen zum allgemeinen mache und auch wenn ich anders wollte, kaum mehr sehe, als ich bin und kann.

Es ist für mich nicht wichtig, ob alle anderen auch die Frau, die ich liebe so schön finden, wie ich sie finde - wenn das sozusagen ihr UPS für mich ist, finde ich das gut so, weil es uns einander erhält und die Konkurrenz minimiert und wenn wir beide dieser Meinung sind, ist jeder weitere Gedanke zu diesem Thema hinfällig, wir haben unser Glück dann miteinander gefunden, weil wir uns schön finden, egal was andere meinen und darum wohl objektiv damit viel glücklicher sind als viele andere, die sich noch mit normativen vermeintlich objektiven Maßstäben quälen in einer Welt, die meint, einen Maßstab für Schönheit im Durchschnitt gefunden zu haben.

So gesehen liebe ich wohl überdurchschnittlich und habe immer gestaunt, wenn sie, die ich liebe und verehre, mit ihren noch nicht mal vierzig Jahren mir erzählte, ich hätte sie mal vor ihren Kindern sehen und kennenlernen sollen, da wäre ihre Figur wirklich objektiv schöner gewesen und jetzt sei es eben so und denke dann, dass sie damals, anfang Zwanzig höchstens vermutlich, nur halb so interessant oder schön gewesen sein kann und mische wieder Anschauung von ihr und Blick auf sie. Ist es erstrebenswert zu einem Durchschnitt zu gehören oder lieben wir gerade das, was ihn überragt und mehr ausmacht als irgendwas?

Weiß nicht, was wirklich schön ist und ob was andere für wirklich schön halten, mir noch so scheinen kann, weil ich alles durchschnittliche langweilig finde, auch wenn ich mich meist wie üblich am großen Durchschnitt mit 90% meiner Sichten nur orientiere. Die Zahlen taugen nun zu keiner Statistik, vielleicht sind es auch 99% oder nur 78%, aber insofern jede Statistik nichts als die Hure derer ist, die sie aufstellen, kann auch dies dahinstehen, es wird ja deutlich, was diese völlig irrelevanten Größen sagen sollen, ich halte mich im meisten nicht für ungewöhnlich und möchte es doch im Gefühl und in meiner Liebe sein. Daher finde ich den getrübten Blick wunderbar und am schönsten, wenn sich zwei solchermaßen Sehbehinderte tatsächlich treffen und einen Weg finden, mit dieser wohl Trübung füreinander gut zu leben.

Dann könnte auch egal werden, ob Frauen anders schauen, ob sie dies mit eher männlich oder weiblich geprägtem Hirn tun, da es am Ende nur darauf ankommt, was uns glücklich macht und wie wir dies Glück halten - mehr als glücklich können wir wohl kaum sein, warum alles, was dazu beiträgt, mir gut erscheint und ich dies nach Kräften erstrebe, egal, was andere für objektiv halten oder nicht, denn, wenn ich die schönste Frau der Welt liebe und sie mich und wir damit glücklich werden sollten je, was bräuchte es dann noch für einen anderen Maßstab, oder ist das zu beschränkt männlich gedacht?
jt 6.10.14