Donnerstag, 16. Mai 2013

Europas Teilung oder der Teufelspakt um die Freiheit

Europas Teilung
Oder der Teufelspakt mit dem wir die Freiheit verkauften

Gibt es das eine Europa?

Dem Traum von geeinten Europa steht der reale Alptraum vom uneinigen Europa, das sich immer mehr teilt, bis es zu einer Sammlung von Vater- und Mütterländern wird, die in sich uneins dem Nachbar, nach dem grüneren Acker gieren, sich immer weiter teilen und vielleicht ist die Trennung nach dem Genus schon bezeichnend. Haben wir hier oder dort eher Vater- oder Mutterländer oder sind solche Sprachgewohnheit tatsächlich unabhängig von realen Herrschaftsstrukturen entstanden, fragt sich der Beobachter einer Debatte, in der sich noch Europa in Nord und Süd spaltet, manche verwirrt von einem lateinischen und einem protestantischen Europa träumen, um ihren Lebensstil nicht ändern zu müssen.

In Krisenzeiten aber zeigen sich die echten Freunde und die Tiefe der Verbindung, die nach viel zu vielen Kriegen mit und gegeneinander auf dem noch geteilten Kontinent zusammenwuchs. Freundschaft, die füreinander einsteht,  sich aufeinander verlassen kann, zusammenwuchs über gute und schlechte Zeiten, Träume und Krisen überstand, den anderen in seinem Anderssein schätzt und voneinander lernt, weil wir erst gemeinsam ein Europa bilden, so fern uns manches manchmal scheinen mag.

Ein illusionäres Bild oder gibt es solche Freunde?

Es wuchsen die einen gen Osten geneigt zusammen auf, während die anderen, die das heutige Europa politisch gründeten, sich gen Westen neigten. Die Träume des Ostens vergingen unter dem Druck des Marktes und in adoleszenter Konkurrenz der Waffen als sich beide zu Tode gerüstet hatten und die Sieger der Geschichte, deren Untergang Marx noch für bald prophezeit hatte, übernahmen die Führung.

Selbstgewiss dem richtigen System zugeneigt gewesen zu sein, machten sie die im Kern neoliberalen Ideen zur historischen Wahrheit, die sie so wenig je waren, wie der Kommunismus im realen Sozialismus zum Paradies der Freiheit geworden war oder taugte.

Soweit so bekannt und hier stehen wir nun, wie Toren noch dümmer als zuvor und betrachten wie die Kräfte des möglichst freien Marktes in den Grenzen unserer Vorstellung den gemeinsamen Traum versenken, ohne noch an anderes zu denken, als eben Notwendigkeiten, die wir alternativlos am liebsten nennen, um unsere Freiheit an den Markt zu verscherbeln, der sie doch gerade gewähren und retten sollte.

Haben wir nun einen Teufelspakt mit dem Kapital geschlossen?

Das Europa der Bürger definiert Freiheit heute als die des Marktes und des Kapitals, das auf diesem sich bewegen darf, grenzenlos und besser geschützt als die Menschen, denen es einst nur als Surrogat des Handels diente.

Der Diener hat die Macht im Haus Europa übernommen - nachdem wir die Fürsten abschüttelten, demokratischer als je uns wähnen, die Menschenrechte garantieren, haben wir uns anstatt zwei neuen Herrschern sklavisch unterworfen.

Dem Markt und seinem Kapital und den Gutachten der Spezialisten, die das Urteil des Einzelnen über sich relativieren, einen Maßstab der ökonomisch nötigen Normalität schuffen.

Zwischen beiden lavieren wir nicht mehr als freie Wesen die im Sinne Kants nur ihrem Gewissen unterworfen sind, um sittlich gut zu handeln, nichts über sich brauchen, sondern als Sklaven eines Systems, das von der Freiheit lebt, aber nichts dringenderes zu tun hat, als sie zu vernichten und nennen das Ganze dann lapidar die normative Kraft des Faktischen oder die Alternativlosigkeit unserers Handelns.

cogito ergo sum - ich denke also bin ich - ist ein entscheidender und konstitutiver Satz des europäischen Menschenbildes gewesen. Wir können uns frei denken, also sind wir es und können uns die Welt machen, wie sie uns gefällt, theoretisch - praktisch aber unterwerfen wir uns den faktische Zwängen unserer Gläubiger, leben so, wie wir es sollen, statt zu gestalten, wie wir es wollten.

Wir denken noch, Descartes ist nicht ganz vergessen, aber wir sehen uns immer weniger als handelnde Subjekte sondern gehen synchron zu manch anmaßenden Behauptungen der Neurologie mit ihrem Drang zum Alleinvertretungsanspruch immer mehr von einer faktischen Determination aus, der wir uns zwangsweise bereitwillig unterwerfen.

Die Kanzlerin des mächtigsten und reichsten Landes Europas, spricht ständig von der Alternativlosigkeit ihres Handelns, das sie vermutlich, in Konsequenz ihres Paktes mit den Banken, auch genau so sieht - sie regiert nicht, sie reagiert auf Zwänge einer Ökonomie, die vom Handel mit Geld mehr bestimmt wird als von realer Wertschöfung.

Wir denken an die Tradition des damals heiligen römischen Reiches deutscher Nation, in der die Kaiser in der Hand der Fugger zu Augsburg standen, wie heute zu viele am Tropf der Banken zu Frankfurt oder an die Macht der Medici in Frankreich und fragen uns, ob sie ihre sogar vermeintlich gottgewollte Macht von heiliger Herkunft als abhängig sahen, ihr Handeln alternativlos empfanden oder noch souverän waren, wie es Europa sein müsste, wollte es regiert werden und nicht länger nur alternativlos reagiert werden.

Haben wir die Wurzel der Freiheit am Markt verloren?

Bevor der Traum vom Europa der Völker im Profit der globalen Spieler im Kasino der Geldmärkte endgültig versinkt, ist es höchste Zeit, sich noch einmal der Wurzeln zu besinnen, um vielleicht noch einen Ausweg zu sehen, der weiter reicht als die Bilanzen.

Es begann in uns vielfach lichten Zeiten der klassichen Antike. Im Griechenland Homers, das vermutlich viel bunter war, als es sich die deutsche Klassik mit ihrem kontrapunktischen Drang zur stillen Größe und edlen Einfalt je vorstellen konnte, spielte die sagenhafte Geschichte, die vielen nur noch Sage ist, aufmerksam betrachtet aber viele Hinweise für ein tiefes Verständnis des Kontinents und seiner Wesen gibt, die sich nach höherem sehnen, statt sich auf sich zu besinnen.

Europa war dereinst die Tochter des phönizischen Königs Agenor und der Telephassa. Wie so oft in der griechischen Geschichte, spielten die ach so menschlichen Götter ein wenig zwischen den Welten mit und kosteten so von beiden.

Zeus der oberste der olympischen Götter verliebte sich in sie und wollte sie, wie er es zu tun pflegte, gern vernaschen. Er verwandelte sich dazu. insbesondere seiner argwöhnischen Gattin Hera wegen, in einen Stier. Sein Bote Hermes trieb sodann in seinem Auftrag eine Kuhherde in die Nähe der am Strand von Sidon spielenden Europa, die der Zeus-Stier nun leicht auf seinem Rücken entführen konnte. Er schwamm mit ihr nach Matala auf der Insel Kreta, wo er sich zurückverwandelte. Es geschah, was eben so geschieht, wenn Verliebte ungestört am Strand zusammen sein können.

Der Verbindung mit dem Gott entsprangen drei Kinder: Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Der mittlere nun  ist in der griechischen Mythologie ein Richter über die Toten. Rhadamanthys soll als kretischer Herrscher einen hervorragenden Gesetzeskodex eingeführt haben, den die Spartaner später kopierten, ob das für viele der derzeit in Brüssel erlassenen Codices gilt, scheint zumindest zweifelhaft. Minos wurde sein Nachfolger, nachdem er seine beiden Brüder in einem Streit vertrieben hatte.

Nach seinem Tod richtete sich Rhadamanthys in der Unterwelt ein und dort, gemeinsam mit Minos und Aiakos, über die Schatten der Verstorbenen, je nach deren Taten zu Lebzeiten.

Andererseits nennt Homer ihn in der Odyssee den Herrscher über das Elysion, der richtete, wenn die Schatten der Verstorbenen selbst in Streit gerieten. Nach Vergil wiederum bestraft Rhadamanthys die Untaten im Tartaros.

Rhadamanthys heiratete dann Alkmene. Dies geschah entweder in Böotien nach dem Tode ihres ersten Mannes Amphitryon oder nach anderen Darstellungen in Elysion nach Rhadamanthys’ Tod. Nach ihren Söhnen wurden die Städte Erythros und Gortyn in Kreta benannt.

Rhadamanthys wiederum nennt der kluge italienische Humanist Settembrini im Zauberberg des Zauberers Thomas Mann den dortigen Chefarzt, den der Welt an die Berge verlorenen Rheinländer Hofrat Behrens, über dessen Neigung zur unerwünschten Verlängerung des Aufenthaltes der arbeitswillige Humanist höchst erregbar ist, dem Autor dabei nicht unähnlich.

Aber zurück von diesem kleinen Ausflug in die europäische Kulturgeschichte, die Thomas Mann mit seinen Bildern vom entrückten Schweizer Berg meisterhaft verwob, wie sich im kleinen Exkurs zu Europas einem Sohn schon zeigte, zurück zu Europa und Zeus. Auf Grund einer Verheißung der Aphrodite wurde der fremde Erdteil nach Europa benannt. Die älteste literarische Referenz auf Europa ist in Homers Ilias zu finden, wo sie als Tochter des Phoinix erscheint. Aber es gibt noch viele verschiedene Sagen von der Entführung Europas, so tauchen sie auch bei Moischos und Ovid noch auf.

Nach Ovid verwandelt sich Jupiter, wie die Römer mit die gleiche indogermanische Wurzel für Zeus variierten, in einen Stier, ein besonders kräftiges, aber sehr friedlich aussehendes Exemplar mit reinem, schneeweißen Fell und kleinen Hörnern, die aussehen, als habe sie ein Künstler geformt. Jupiter mischt sich unter eine Herde königlicher Stiere, die Mercurius, der römische Hermes, zuvor zum Strand getrieben hat, und nähert sich so Europa, die mit ihren Gefährtinnen am Strand ist.

Europas Furcht ist bald überwunden, sie spielt mit dem Stier, füttert ihn, streichelt ihn und umwindet seine Hörner mit Blumen. Schließlich traut sie sich, auf seinen Rücken zu steigen – da geht der Stier ins Wasser und schwimmt aufs offene Meer hinaus. Er bringt sie nach Kreta, wo er seine Stiergestalt ablegt und sich offenbart.

Agenor schickte seine Söhne aus, ihre Schwester Europa zu suchen, doch die Nachforschungen bleiben erfolglos. Schließlich befragt Cadmus das Orakel von Delphi und wird von diesem angewiesen, die Suche nach seiner Schwester aufzugeben und stattdessen die böotische Stadt Theben zu gründen.

Nach anderen Quellen soll Europa nach der Affäre mit Zeus drei Söhne geboren haben. Anschließend wurde sie von Asterios, dem König von Kreta, geheiratet und wurde so zur Königin von Kreta. Asterios, der selbst keine Kinder hatte, adoptierte auch ihre drei Söhne.

Die Historikerin Annette Kuhn hält dem durch die Ovid-Überlieferung patriarchal geprägten Mythos eine alternative Lesweise entgegen, die das frühe Matriarchat einbezieht. So sieht sie das Matriarchat am Wirken, als die Mutter Europas, Telephassa, über Zeus eine Strafe für sein Verhalten verhängt, und zwar die Verweigerung der Liebe Europas und das Sterben der Natur. Sie interpretiert den Mythos dahingehend, dass Zeus überhaupt erst in Verkleidung sich Europa annähern konnte. "Liebe, so lautet die einfache Botschaft, kann nicht erzwungen werden. Da helfen alle männliche Verwandlungs- und Verstellungskünste nicht weiter."

Haben wir die Liebe zueinander verloren?

Sind wir nun am Ende schon oder kurz vor dem Untergang zumindest, weil wir uns mehr um unsere kleinen Ersparnisse sorgen, Banken, schmuddelige Geldhändler nur, retten wollen, statt eine Idee voller Gefühl und Hoffnung.

Liebe sei unbezahlbar heißt es und Zeus konnte nur verführen, mit Hilfe eines Hermes oder anderer, sofern er es vor seiner Gattin verbarg. Der Name unserer Union, dessen, um was wir ringen, geht also auf eine schöne griechische Königstochter zurück, die von einem Gott entführt wurde und als Preis für die Hingabe das unbekannte Land benamte.

Was für ein Anfang: Liebe, Lust, Leidenschaft, Enführung, Hingabe, Zeugung!

Und womit hadern wir just: Schulden, Zinsen, Neid, Missgunst, Bankenrettung

Welch grausames Ende! Ob nochmal ein schöner Stier kommt, wie hier auf Tizians Gemälde, um eine Idee zu retten, die soviel mehr ist als Geld und Angst vor Gläubigern?

Es ist unser Europa und wir werden unseren Kindern, den gezeugten und den zu zeugenden, an welchem Strand auch immer, erklären müssen, was wir verspielt haben und für was.
jt 16.5.13

Dienstag, 14. Mai 2013

Um den Block

Um den Block

Aus dem Haus treten, sich nach links wenden und an dem Café Restaurant Caterinas Liaison vorüber gehen, in dem Menschen ganz in Ruhe auf den türkis farbenen Holzstühlen oder der weißen Bank sitzen, Kaffee oder Tee trinken, manche auch schon einen Wein und mit dem dynamischen Chef des Hauses plaudern, um daneben beim Kindergarten die Mutter zu beobachten, die sich zu ihrem Kind ans Fenster beugt, ersten Kontakt aufnimmt, ganz bei sich ist, während ihr Rock vom Fahrradfahren ein wenig hochgeschoben, auch tiefere Einblicke gewährte, die der Flaneur den Buchladen schon im Auge lieber übersieht, zeigt schon in zehn Schritten viel von der hier Heimat in der großen Stadt.

Sich am Buchladen, drei Hauseingänge der in milden Farben gestrichenen Altbauten weiter, für einen Moment im Fenster versenken. Die schönen Bände der Inselbibliothek, die dort gerade stehen lieber studieren als die Thriller, die vorher dort standen, sich an dem Band der Eheleute Reich-Ranicki besonders erfreuen und an seine Geschichten aus meinem Berlin denken, als noch Gründgens am Theater am Gendarmenmarkt spielte. So schon keine fünfzig Meter vom eigenen Haus entfernt, an der nächsten Ecke eben die Zeit vergessen, ist typisch für einen verträumten Ort jenseits der Zeit, an dem die letzten auch am Montag ihr Frühstück bis 17h bestellen.

Sich nun mit dem Buchladen um die Ecke begeben, in die dort nach dem Entdecker Trojas benannte Straße mit den teils genossenschaftlich sehr intensiv bunt bemalten Häusern und den noch mehr Schaufenstern mit den Kinderbüchern nur halb aufmerksam folgen. Einen Moment in das Schaufenster des Secondhand Ladens voller sommerlich frischer Kleider aus verschiedenen Zeiten schauen, sich an der liebevollen Dekoration im Detail erfreuen und von den irgendwann wieder so gewandeten Damen am Platz träumen im weiter gehen, denn was hat ein einzelner Herr, auch mit Zigarette in der Hand zu lange vor einem Schaufenster mit Damenkleidern zu suchen, würden sie sich vielleicht westlicher fragen, hier lächelt mir die vermutlich sogar noch eingeborene Ladenbesitzerin freundlich zu, weil ich ihres würdige.

Nun geht es mit nur einem Hauseingang als Unterbrechung weiter am Film-Café vorüber, meiner und meiner Tochter Fußballkneipe, mit dem kleinen Kino im Keller und den Bänken vor der Tür, an Spieltagen oder zu Premieren bis auf den Gehsteig überfüllt, nun eher beschaulich für sich, ein wenig abseits des Platzes schon. Ähnlich spärlich um diese Zeit, wenn am Platz noch die Sonne scheint oder doch zumindest teilweise die Hoffnung auf sie, ist das Steakrestaurant daneben von dem ich bis dato wenig mehr berichten kann, als dass es da ist.

Es folgen noch verschieden bunte Hauseingänge der hier ehemals besetzten nun ordentlich genossenschaftlichen oder milder gestrichen schlicht vermarkteten Häuser.

Ein Fotoladen voller animierter Brautbilder, der die vollständige digitale Begleitung der geplanten Hochzeit anbietet wird von manchen eher schnell übersehen, um sich nicht der eigenen Einsamkeit bewusst zu werden, manchmal stehen auch Paare träumend davor und wer wollte ihnen schon die Illusion rauben - manchmal verzögere ich dort den Schritt, ziehe noch mal tief an meiner Zigarette und schaue mir, den Ball der einsamen Herzen im Hinterkopf die bebilderte Glücksseligkeit an und manchmal träume ich noch, wie es wäre, solches zu erleben, doch glücklicherweise ernüchtert die Wirklichkeit aus fernen und nahen Fenstern oft schneller als gedacht - die traute Zweisamkeit ist ein schöner Traum mit vermutlich Anspruch auf Artenschutz heute.

Nebenan ein nicht nur leicht alternativer Töpferladen, dessen Fenster schon vermutlich sehr gesund gestrichen sind. Die schmalen Schaufenster dekoriert mit Vasen, Bechern, Stövchen und irgendwie Platztellern verlocken, wenn schon nicht zum Konsum so doch potentielle Käufer glaubwürdig zum guten Gewissen.

Eher attraktiv und voller auch für denkende Menschen reizvolle Plakate ist die Videothek, die eigentlich nun vohl eine DVDthek wäre, spräche sich dies nicht so schlecht - auch in ökologisch korrekt bemaltem rot die hier Fenster, die mit Plakaten der schönen Klassiker des Films geschmückt sind - was danach an Auswahl sichtbar ist, ist eine große Auswahl der wertvollen Filmkultur, allerdings urteile ich bis dato nur von außen, denn die bewegten Bilder sind dem Flaneur zumeist zu schnell, doch das Publikum ist hiesig, eher akademisch gebildet oder zumindest mit kulturellem Anspruch jenseits der genossenen oder gezwungenen Bildung. Die sonst übliche Schmuddelecke mit Kinderverbot ist nicht ersichtlich, die Paarung wird wohl noch miteinander vorgenommen und die Ergebnisse sind allerorts zu hören und zu bestaunen.

Zwei Hauseinfahrten weiter, sehr dunkel noch, die Raucherbar, in der eine Bar, wenige Tische, dafür ein Billiardtisch und ein Kicker im Hinterzimmer stehen. Ob es die Schwaden sind, die dort nicht sehen lassen, die spärliche Beleuchtung oder die Ahnung des vielfältigen auch alkoholischen Abgrundes in den sich der Besucher hier begibt. Wer hier war, wird sich und alles was er trug gut waschen müssen, will er nicht von allen als Besucher wiedererkannt werden, schreibt der Flaneur aus Erfahrung, der manch tiefschürfendem Gespräch an der dortigen Bar lauschte oder den dortigen, auch Damen, beim Spielen zusah. Eine Spelunke würden manche sagen aber gerade die bieten ja manchmal die tiefsten Einblicke in was wir Leben nennen. Hier erschöpft es sich zu oft leider, wenn auch verständlich, im Klagen über Zustände, die auch anders beklagt würden, weil es den Beteiligten allen längst an der Motivation fehlt, etwas noch zu ändern.

Etwas ändern dagegen wollten die Besetzer des Hauses 1989 in dem direkt daneben nun die Robert Havemann Stiftung sitzt und in deren Archiven sind die wichtigsten Zeitungen, Flugbläter und vieles mehr des wilden Jahres, in dem noch von Gerechtigkeit und Demokratie geträumt wurde, bis der Rechtsstaat kam, auf mittlerweile über 400 laufende Metert angewachsen. Es sind Erinnerungen an eine Zeit in der viele noch vieles füreinander und eine Idee riskierten, gerade in der hier sehr nahen Gethsemanekirche war ein Zentrum des Widerstandes wie dieses nun wohl sanierte und mild gestrichene Haus, fünfzig Meter um die Ecke von mir. Selbige Kirche wäre zu erreichen, wenn an der nächsten Ecke nicht planmäßig um den Block nach rechts sondern nach links, ohne nomen est omen, abgebogen würde und der dortigen Stargarder Straße über rund hundert Meter und drei Kreuzungen gefolgt würde.

Wir aber wollen nach rechts, nur einmal eben um den Block - noch kurz an einem ummauerten irgendwie Gartengrundstück vorbei, einer seltsamen Lücke und dem Eckhaus mit unten Café im hier verbreiteten Stil zwischen Sperrmüll und 70er Edel-Design, um diese Zeit der Teestunde noch eher leer, wenn überhaupt geöffnet, ist es ein Ort der Nächte hier auch.

Da es nun an Schönen vor und im Café Fräulein Dickes nur mit Namen mangelt, es also auch wenig Gründe zur Verzögerung gibt, geht es nun abgebogen nach rechts weiter an der nächsten Hauseinfahr vorbei, die mit den hiesigen Singvögeln das sehr engagierte Kindermusikprogramm zweier ansässiger Kirchenmusiker beherbergt. Ein Ort der Musikliebe mit gelegentlichen Konzerten für Kenner, ein noch Geheimtipp, ist es wieder, wie so oft hier im Kiez eben, man kennt sich aus der Schule, kennt die Geschichten der anderen Kinder, lächelt sich an und denkt sich seinen Teil, falls das Lächeln zu kurz oder zu intensiv war oder nicht innig genug - sehr ernsthafte Menschen jedenfalls, die, was sie tun, mit Herz tun, auch wenn sie die Kinder aus den Augen verloren, wie die Eltern bald, wenn sie nicht übereinander stolpern gelegentlich, verlegen lächelnd eben.

Neben besagtem Hinterhof, der zurück in die ersten Schuljahre meiner Tochter führte, taucht der Friseur Hairlich Natürlich auf über den es nicht mehr zu berichten gibt bis dato als, dass zumindest zwei der dortigen Damen, die nicht mehr Friseusen heißen, wie wir sicher alle wissen, rauchen und dazu gelegentlich vor der Tür ihres herrlich natürlichen Salons stehen.

An diesen schließt sich ein kleiner Platz an - seit Kriegszeiten oder länger womöglicvh, spätestens jedoch da, leer stehend und mit Bäumen anstatt bewachsen, einigen Bänken, zwei Tischtennisplatten zur Ertüchtigung der Jugend und einer Boule Bahn, dem gelassenen Sport der südlichen Franzosen, der sich bei den Bewohner dieses Viertels immer größerer Beliebtheit erfreut.

Den Platz in der Diagonale querend nuin bereits über die Hälfte des Weges zurückgelegt, kommen wir in die Dunkerstraße und wieder beginnt es, wie an der vorvorigen Ecke mit einem Buchladen  - diesmal für Kinder, mit wunderbarem Fenster voller Träume und hier und da auch einem Buch für Eltern, die nicht nur über ihr Elternsein lesen wollen.

Nun geht es wieder Schlag auf Schlag auf Schlag und Laden an Laden, Café neben Bar und Schnellimbiss, einige mit ihren Shishas werbend, andere mit dem möglichen Alkohol oder Absinth, dazwischen das keusche Lila Lämmchen in dem die gebildete Mutter guten Gewissens ihren Sprößling einkleiden kann und so sie selbst nicht mehr weiter gehend sucht als in diesem Milleu wird auch sie hier noch etwas bequemes und gesundes für sich finden. An den Schnellimbiß asiatisch internationaler Provenienz schließt sich noch eine Herrenboutique mit den etwas edleren Jeanswaren an auf die noch eine Spur edler der Laden wieder an der Ecke folgt mit dem royalen Namen Victoria & Albert, der Kleider im hiesigen Stil, Lampenschirme, Geschirr und andere englische Dekorationswaren vertreibt und dessen Fenstern wir wieder um die Ecke in die Lettestraße folgen, bis quasi vor die eigene Tür.

Stilistisch passend zu dem royalen Bekleidungs- und Dekorationsladen im Landhausstil folgen noch Café und Bäckerei Malinkoff, die dreiviertel des hier schon sehr breiten Gehwegs einnehmen, so dass nur sich gelegentlich entgegenkommende Zwillingswagen vielleicht aufpassen müssen, nicht zusammen zu stoßen.

Bevor der Gang um den Block endet noch ein Friseur mit Tisch vor der Tür in dezentem Braun gehalten und zahlreichen digitalen Bildschirmen in mehreren Fenstern die uns Passanten Tag und Nacht die Anwendung von Harkuren, Färbungen oder Pflegemitteln bilderreich erläutern, dahingestellt, ob dafür noch Bedarf ist.

Auch einen Tisch hat inszwischen der Makler vor der Tür, in dezentem lindgrün und die üblichen Objekte dezent im Fenster hängen.

Und das war es schon, einmal um den Pudding und wieder da, nichts passiert aber viel erlebt und ein wenig durch die kleine Welt gewandert, die mich umgibt, auch wenn von den Hinterhöfen noch keine Spur erwähnt wurde.
jt 14.05.13


Ein Flaneur

Ein Flaneur

Der Flaneur ist ein Mensch
Der im Spazierengehen
Schaut, genießt schweigt –
Er flaniert durch Straßen
Und Passagen unserer
Großstädte mit anonymen
Menschenmassen

Hier findet er den Stoff aus
Dem die Träume der Städte
Immer sind die erst in seiner
Reflexion zur Kunst zu etwas
Besonderem werden

Der Flaneur lässt sich durch
Die Menge treiben in der er
Schwimmt wie im Strom
Er hält nicht inne
Grüßt andere Flaneure nur
Obenhin ist intellektuell allein
Beim Blick auf das Kleine
Gewinnt er seine Reflexion

Er lässt sich sehen
Aber sieht auch wenngleich
Mit leichter Gleichgültigkeit
Die manche schon fast für
Blasiertheit hielten in all
Seiner Dandyhaftigkeit bleibt
Er doch Kunst des Lebens

Sein früheres Ebenbild war
Der Wanderer der die Natur
Durchstreifte und aus dem
Streifen sein Gefühl gewann

Mit Poes Erzählung
Der Mann in der Menge
Fand der Flaneur Eingang
In die Literatur

Der Flaneur des zwanzigsten
Jahrhunderts versuchte
In der Masse der Straße
Unterzugehen um so
Beobachten zu können

Er unterscheidet sich vom
Flaneur des neunzehnten
Jahrhunderts der sich in
Seiner langsamen Gangart
'Dandyhaftig' durch die
Straßen schlendernd seinem
Publikum ausstellte

Der Flaneur unserer Zeit
Nun mischt beides indem
Er in immer noch Masse
Unauffällig beobachtet und
Doch durch seine Langsamkeit
Die geschäftige Menge immer
Provoziert ein Stolperstein
Seiner Gegenwart wird die
Er durchschaut wie auch
Beobachtet so wird er zum
Konstruktiven Kontrapunkt

Der Flaneur ist die Entdeckung
Der Langsamkeit im Tempo
Der Großstadt die er im so
Sehen beschreibend formt
jt 29.4.13

Montag, 13. Mai 2013

Mainacht kühl

Mainacht kühl

In abgekühlter Nacht
Gibt sich der Mai heute
Recht kühl wie relativ
Einsam vor den Cafés

Ab und an treten noch
Einzelne Raucher auf
Eine Zigarette vor die
Tür nur nebenan sitzen
Noch zwei Damen an
Den dortigen Metalltischen
Während die Holzgarnitur
Hier bis auf einen noch
Viel Raum bietet in der
Überall Leere

Passanten schlendern
Vielsprachig vorüber
Manche radeln das rauhe
Kopfsteinpflaster meidend
Ruhig vorbei während
Einzelne Herren mit Hut
Ihren Kragen hochschlagen

Ein sehr alter Roller parkt
Hörbar gegenüber noch
Sind einige Fenster beleuchtet
Schon werden Tische
Kissen und Stühle
Langsam eingeräumt

Die Damen nebenan
Verabschieden sich
Sehr liebevoll andere
Ziehen weiter in das
Nächste Etablissement

Zwischendurch nur das
Metallische Echo einer
Kette von der einer sein
Fahrrad befreit über dem
Immer Brummen der
Großstadt und ruhig
Hängt heute auch die
Laterne im Baum mit
Fahlem Licht über dem
Ansonsten gelblich
Beleuchteten Platz

Bunt in östlicher Nacht
Sind nur die Glühbirnen
Am Café nebenan als
Gruppe von zwei Damen
Mit ebenso Herren auf
Eine Zigarette vor die
Tür tritt  im Plausch
Versunken und aus
Dem Misirlou tönen
Mit jedem Öffnen der
Tür die alten Lieder

Überraschend kommt ein
Alter Bekannter von
Innen bleibt für einen
Moment im Gespräch
Und verschwindet auch
In der nun Nacht
Frühlingsmontag
Ganz ruhig
jt 13.5.13