Samstag, 18. Juli 2020

Vom Narrentum

Der Narr bleibt immer der Narr
Er liebt ohne zu fragen was
Bleibt oder vernünftig zu sein
Manche spielen ihr Spiel mit
Dem scheinbar naiven Narren
Vergessen nur dabei leider
Sich überlegen fühlend
Der Narr ist die höchste Karte
Im Aberglauben des Tarot
Er sticht immer wenn es
Um die Zukunft dann geht
In unbekannter Realität
Siegt also logisch stets
Am Ende unklar nur wann
Dieses für wen kommt
Oder ob überhaupt

jens tuengerthal 18.7.20

Freitag, 17. Juli 2020

Liebesnarr

Bin und bleibe ein Narr
Der Liebe und des Lebens
Kann wohl Worte gut finden
Alles im Leben zu beschreiben
Dem großen Wunder der Liebe
Den romantischen Rahmen geben
Schöne Verse dazu dichten wie
Feinsinnige Frauen es lieben
Egal ob sie nur spielen oder nicht
Bleibe ich dabei stets der Narr
Weil ich um zu dichten an die
Liebe glauben muss was selten
Die nötige Gelassenheit schenkt
Und so bleibe ich ewiger Narr
Auf der Suche nach dem Glück
Was sich immer wieder verliert
Amüsant für alle Leserinnen

jens tuengerthal 17.7.20

Frauenherzen

O wie so trügerisch, sind Weiberherzen
Mögen sie klagen, mögen sie scherzen
Oft spielt ein Lächeln um ihre Züge
Oft fließen Tränen, alles ist Lüge
Habt ihr auch Schwüre zum Unterpfande
Auf lichtem Sande, habt ihr gebaut
Habt ihr gebaut
Ja, habt ihr gebaut

Sehnt euer Herz sich, nach süßen Stunden
Ein holdes Liebchen ist bald gefunden
Doch bitt're Reue, wird der empfinden
Der nur an Eine, sich fest will binden
Habt ihr auch Schwüre zum Unterpfande
Auf lichtem Sande, habt ihr gebaut
Habt ihr gebaut
Ja, habt ihr gebaut

So singt es der Herzog von Mantua
In Verdis Rigoletto und wie geflügelt
Wurden diese Worte längst der Welt
Die Franz I. einst zitierten der meinte
Oft ist die Frau trügerisch
Ein Narr, wer ihr vertraut
Was Victor Hugo in der Vorlage zum
Rigoletto über den weisen König
Schon spielerisch einsetzte auch
Doch gesungen erst ging es dann
Um die Welt als gleichsam Schlager
Die Tragik des Rigoletto des armen
Buckligen Narr am Hofe des Herzogs
Der die Verführung und Defloration seiner
Tochter durch den Verführer rächen will
Den Herzog von Mantua eben darum
Einen Mörder engagiert der aber dann
Weil er den Lohn für die Tat bereits erhielt
Rigolettos Tochter die sich wissentlich
Aber als der Herzog verkleidet nun
Für ihren Geliebten opfert um damit
Infolge von Irrtum und Unglück doch
Am Ende in den Armen ihres Vaters
Tragisch mit Bitte um Vergebung stirbt
Womit sich der Fluch gegen den Herzog
An ihm dem Narren tragisch erfüllte
Straft die Worte des Herzogs Lügen der
Als Frauenverführer nur der Lust folgt
Weil die eine für ihre Liebe sogar ihr
Leben bereitwillig noch opfert womit
Verdi sich vor den Damen verbeugte
Die der betrügerische Herzog der wohl
Lebte was er über Frauen sagte sich
So vermutlich nie vorstellen konnte
Doch irrte er darum völlig fragt sich
Wer schon mal sein Herz verloren
Von Frauen die er über alles liebte
Dafür nur verspottet wurde aber
Nichts als Hohn dafür erntete weil
Die Liebe eben wechselhaft wie
Das Wetter immer wieder sein kann
Größte Schwüre ewiger Liebe bald
Vergessen werden für den nächsten
Der deinen Platz lächelnd einnahm
Weiser wäre wohl alle Beteuerungen
Nicht ernster mehr zu nehmen als
Die Wettervorhersage noch die aber
Zumindest wissenschaftliche Basis hat
Was vom weiblichen Gefühl selten nur
So entschieden gesagt werden kann
Dessen Gründe kein Mann je kennt
Doch was wenn eine die Gilda ist
Die Liebe meint die sie erklärt
Alles auch sich dafür opfern würde
Wachsen hoffnungsvolle Zweifel in mir
Ob es gut sein kann dem Herzog hier
Mit Misstrauen gegen alle Frauen doch
Zu folgen um vor Täuschung stets sicher
Keine Enttäuschung mehr zu erleben
Aber dafür echte Liebe tödlich einmal
Wo es sie wirklich geben sollte zu verkennen
Das größte Glück für immer zu verspielen
Für jene die dich lange nur täuschten
Weil sie denen gleichen die der Herzog
In la donna é mobile so wunderbar besingt
Blind für die echte Liebe der einen die
Wiederkehrt um sein Leben zu retten
Bereitwillig das ihre dann opfert statt
Nur tägliche Dramen nahe dem Tod
Bis zu deinem Nervenzusammenbruch
Dir immer wieder vorzuspielen um dann
Bei erster Gelegenheit im nächsten Bett
Das alte Spiel mit Gefühl weiterzuspielen
Weiß nicht wer wirklich klüger ist hier
Schöner lebt sich im Glauben an die Liebe
Sicherer mit gesundem Misstrauen allen
Trügerischen Frauenherzen gegenüber
So balanciere ich zwischen Leben und Tod
Durch mein Liebesleben manchmal noch
Merke ich wo nur gespielt wird und doch
Ist Spiel in jeder Begegnung von beiden
Bleibt ein Narr wer dies verkennt immer
Nur aufrichtig ist ohne auch zu spielen
Was zur Natur der Liebe wohl gehört
So verkennt die besten Frauenherzen
Wer vorsichtig allen misstraut doch wird
Wer naiv wie ich zu schnell vertraut auch
Immer wieder um sein Leben leiden
Was ohne Liebe wertlos erscheint
Das Spiel geht ewig weiter bis wir
Füreinander oder einsam sterben
Wie es in aller Natur liegt

jens tuengerthal 17.6.20

Donnerstag, 16. Juli 2020

Wassermühlentraum

Es klappert die Mühle
Am rauschenden Bach
Klingt es mir noch aus Zeiten
Der Kindheit als Volkslied im Ohr
Weckt Erinnerungen ans Wandern
Damals im Taunus oder Stadtwald
Von Frankfurt der Kindheitsstadt
Wie lebte ich wohl am liebsten
Fragte ich mich der in Berlin
Ganz zufrieden schon ist aber
Fragte mich wer was mein Traum
Vom Leben wäre wüsste ich genau
Es wäre eine wilde Mühle am Wald
Die sich selbst mit Energie versorgte
Quasi autonom somit wäre wie ein
Kleines Kraftwerk noch dazu den
Natürlich gewonnenen Strom dann
In das Netz nebenbei einspeiste
Daran langfristig vermutlich verdiente
Aber von Geld träume ich eher selten
Ein mir fern liegendes Gebiet immer
Abgelegen und in Ruhe mit meiner
Kleinen Bibliothek genug Raum
Für immer mehr Bücher noch
Hätte ich mit Wald und Büchern
Das Paradies schon fast für mich
Eine Liebe dies Leben zu teilen
Machte den Traum vollkommen
Vielleicht noch alte Scheunen dort
Für ein kleines Theater gelegentlich
Oder große Feste auch der Familie
Zeit täglich im Wald zu wandern
Irgendwo erreichbar ein Zug noch
Oder das von der Mühle getankte
Elektroauto mit gutem Gewissen
Für gelegentlich Lust auf die Stadt
Doch schreiben wie Leben täglich
Beim Klappern der Mühle wie dem
Rauschen des Wasser wäre ein Traum
Denke ich und frage mich warum
Ein solches Leben mir ideal schiene
Werde es noch weiter ergründen
Die Freiheit in abgelegener Einsamkeit
Oder doch lieber nur davon träumen
Gelegentlich Schubert dazu hören
Aber in der lebendigen Stadt bleiben
Zum Träumen die Augen schließen
Damit Träume auch Träume bleiben
Landleben ist meistens ungeistig mit
Viel körperlicher Arbeit anstatt die
Das notwendige beisammen hält
Weil Natur gefräßig Raum greift
Die Eindringlinge gerne verdrängt
So bleibt der schöne Traum des
Städters von romantischer Mühle
Eine fernliegende Illusion wohl auch
Realistisch nur mit ganz viel Geld
Schön zu träumen in einsamen Nächten
Die besser nicht mehr einsam wären
Was wichtiger mir wohl als alle sonst nur
Wassermühlenknabenmorgenträume wäre

jens tuengerthal 16.7.20

Lebensleuchtturm

Einen Leuchtturm zu haben hilft
Im Leben Kurs zu halten wo du
In schwere Stürme gerätst die dir
Jede Aussicht jemals wieder noch
Land zu gewinnen rauben um dort
Hoffnung zu behalten warum sich
Jeder bevor er in See sticht solch
Einen suchen sollte um sich nicht
In den Unwettern des Alltags erst
Am fernen Horizont einen suchen
Zu müssen was schon manchen
Zu Schiffbruch geführt hat der dort
Seinen Kurs nicht mehr fand von
Irrlichtern getäuscht wild kreutzte
Statt auf Kurs zu bleiben wie es
Auch in Not noch angemessen
Wäre verlierst du dich dann völlig
Wo kein Licht mehr in Sicht ist
Nach dem du streben kannst um
In den sicheren Hafen zu gelangen
Weise wäre es an Land zu bleiben
Sich nicht der See mehr auszuliefern
Statt meinen noch Reisen zu müssen
Doch suchen wir Weisheit vergebens
Wo Leidenschaft und Gefühl regieren
Die manche fälschlich immer wieder
Für Leuchttürme halten dabei sind sie
Nur Untiefen und Klippen unterzugehen
Im schweren Sturm hilft uns alleine
Ein klarer Blick und Ruhe um auch
Den Leuchtturm rechtzeitig zu sehen
Wo er steht und sich drehend zeigt

jens tuengerthal 16.7.20

Mittwoch, 15. Juli 2020

Blutboden

Was entscheidet wer Bürger eines Staates ist?

Hier fallen schnell die Stichworte Blut als Verwandtschaft oder Boden für den Ort der Geburt. Die Frage von Blut oder Boden sind im Staatsrecht unterschiedlich geregelt je nach Tradition und Selbstverständnis eines Staates. Es wird dies, wie vieles im Recht, lateinisch benannt als ius solis oder terrae, für ein Recht, bei dem es für die Staatsbürgerschaft darauf ankommt, wo einer geboren wurde, nicht welches Blut in seinen Adern fließt. Dies ist dagegen für das ius sanguinis entscheidend, welches darauf setzt, von vem jemand abstammt, um zu entscheiden, wessen Staates Bürger er ist. Wer Kind eines Staatsbürgers ist, wird grundsätzlich Bürger dieses Staates. Anderes gilt unterschiedlich.

Die USA haben lange dem Ort den Vorzug vor dem Blut gegeben, auch heute noch, soweit diejenigen nicht Kinder illegaler Einwanderer sind, gegen die Trump seine große Mauer baute, um Sicherheit zu suggerieren, die wenn von Innen kommen muss und in einem bis an die Zähne bewaffneten Staat relativ unwahrscheinlich ist. 

Deutschland hat lange wie einige Staaten Europas nur auf das Blut, also die Verwandtschaft gesetzt, warum ehemalige Wolgadeutsche auch mit russischem Pass jederzeit zurück in die Blutheimat durften, während Einbürgerung lange schwierig war, mancher über dunkelhäutige Nationalspieler die Nase rümpfte, die beliebteste Frage auch eigentlich eher nicht rassistisch gesinnter Deutscher war darum, woher jemand stamme, der eben nicht typisch deutsch aussah, was bei unserem Nachbarn Frankreich, der ein relatives Bodenrecht hatte, keine Frage war.

Ob darum die Integration der Zuwanderer in Frankreich besser klappte als in Deutschland, könnte wohl gestritten werden. Manche sahen die Zustände als je schlimm an und wurden zu Wählern von Rechten, die von großer Nation oder Blutreinheit schwärmten, ohne etwas verbessern zu können an Intergration und Miteinander, im Gegenteil. Andere beschimpften diese als Rassisten, was nur teilweise falsch war. Die Situation und der politische Umgang damit glich sich in Frankreich und Deutschland. Dabei war Frankreich ohne das schlechte Gewissen der Shoah leichter radikal, das Fehlen dieser Verantwortung bei vielen Bürgern im Osten Deutschlands spiegelte sich auch in Wahlen, in denen sich immer mehr demokratieferneren Parteien am politischen Rand zuwandten und damit das Problem noch verschärften,

Die USA unter Trump, der den latenten Rassismus dort für sich nutzt, sind ein zutiefst gespaltenes Land, in dem sich beide Seiten peinlich eher sind. Religiöse Fanatiker und Egoisten stehen liberal gesinnten gegenüber, die eine Diktatur der Trumps fürchten, gegen die sich wiederum diejenigen wenden, die genug von der Diktatur der politischen Korrektheit haben. Trump zwar nicht für klug halten, wer könnte das inhaltlich schon, aber für weniger korrupt als das demokratische Establishment und beide sind unversöhnlich davon überzeugt, dass die die andere Seite nur in eine peinliche Katastrophe führen kann, weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkennt, die sie wiederum genau kennen würden. 

Als liberaler Europäer halte ich das Trump-Lager auch für eher absurd aber zum Glück lebe ich in Europa und nicht in den USA und muss dort nichts entscheiden oder beurteilen, würde mich nur über diese anmaßende regierende Dummheit vermutlich aufregen, habe nicht mal vor in diese Verrückten Staaten zu reisen, wenn ich es nicht muss und solange es nur so ökologisch fragwürdig möglich ist.

Grundsätzlich gilt das Blutrecht für alle. Danach ist, wer nachweislich Kind mindestens eines Staatsbürgers ist, auch Staatsbürger des entsprechenden Staates mit allen Vor-und Nachteilen, die so etwas bringen kann. Daneben kann sich auch der Ort der Geburt oder die Zeit, in der einer in einem Staat wohnhaft war, auf das Recht der Einbürgerung auswirken.

Ob die eine oder andere Betrachtung zu mehr oder weniger Rassismus führt, lässt sich nicht sagen. Die USA zeigen, auch ein liberales Bodenrecht hindert die Menschen nicht daran, zu meinen, dass bestimmte Menschen nicht zu ihnen gehören und rassistisch ausgegrenzt werden müssen. Besonders abstrus ist dies, da diese Rassisten selbst als Einwanderer in ihr Land kamen, was sie nun, die nie Eingeborene dort waren, mit Gewalt gegen alles Fremde verteidigen wollen, nachdem sie zuvor die Ureinwohner diskriminierten.  In Deutschland dagegen konnte in der ersten Republik nach dem ersten Weltkrieg, der sogenannten Weimarer Republik, die ihr Ausweichquartier zeitweise dort suchte, um vor den Kämpfen in Berlin zu fliehen, Rassisten die Macht erobern, die über abstruse Theorien der Abstammung Menschen aus der Gemeinschaft ausschließen und vernichten wollten. Darunter fielen Juden, Behinderte, Angehörige Ziganer Stämme, Homosexuelle und alle, die vom deutschen Durchschnitt abwichen. Diese staatliche Ausgrenzung wurde nach den Nürnberger Gesetzen mit einem abstrusen naturwissenschaftlich verbrämten Rassismus legitimiert und geordnet - was daraufhin mit perfider Perfektion zurverlässiger deutscher Beamter geschah, war nur noch die Konsequenz dessen, in der Ideologie von Anfang an angelegt, warum es überrascht, das viele so lange brauchten, dies zu erkennen.

Allerdings war die Zeit, in der die NSDAP erfolgreich im Land wurde auch die nach der großen Depression an der Börse, einer wirtschaftlichen Krise, die radikale Kräfte am Rand, die einfache Lösungen anboten stärkten. Überall wo die demokratische Mitte an Boden verliert und die Ränder zunehmen, ist die Demokratie in Gefahr, wie sehr hängt an vielen Faktoren. Weimar scheiterte am falschen Vertrauen gegenüber einer Organisation, die den totalitären Staat unter ihrem Führer schaffen wollte und mit der keiner zusammenarbeiten sollte. Vielleicht gibt es darum, zumindest im Westen eine besondere Aufmerksamkeit für totalitäre Strukturen und ihre Gefahren, vielleicht braucht es im Osten einfach noch eine gewisse Zeit, bis die mittige Stabilität Verankerung findet, derzeit wäre Weimar in Thüringen eher am Rand der Extreme als ein ruhiger Ort der Mitte aber es bleibt zu hoffen, dass die Zeit es richten kann und das Zentrum der deutschen Klassik auch politisch wieder in der Mitte ankommt, in der es geografisch liegt und die Angst vor Fremden sich auch in Neufünfland mit der Zeit legt.

Das Verwandtschaft, also Blut, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft begründet, ist unstrittig. Das gilt für alle Staaten. Kinder der Staatsangehörigen sind Staatsangehörige und das ist auch der natürliche Weg des Fortbestandes einer Gemeinschaft. Andere Staaten waren auf Einwanderung angewiesen oder wurden durch diese groß. Sie halten dies Prinzip hoch, das mehrheitlich auf dem amerikanischen Kontinent und im angelsächsischen Raum gilt. In Zeiten der Völkerwanderung siedelten sich Stämme verschiedenster Völker in ganz Europa an. Von den slawischen Gothen bis später zu den Normannen in Frankreich und so bildeten sich bestimmte Gemeinschaften und ihre Eigenarten.

Der Gedanke einer Blutreinheit oder eines ursprünglichen Volkes ist so lächerlich wie die Gentests, die dir bestimmte Anteile deiner Vorfahren nachweisen wollen und damit die rassistische Form des Denkens als Geschäft in die Neuzeit überträgt. Eine Freundin von mir bekam einen solchen Test von ihrer Mutter geschenkt und ich sagte ihr, dass ich das seltsam und zutiefst rassistisch finde, sie verstand es nicht und nannte lieber mich, da Deutscher, einen Rassisten, was sie der Geburt und dem Pass nach auch war, aber verbergen konnte, wenn es dazu diente mich als typischen Deutschen zu stigmatisieren. Da in diesem Fall der übliche Rassismusvorwurf nicht gepasst hätte, hörte ihn vorher schon oft genug, kam nun die deutsche Antirassistische-Hysterie als Typisierung.

Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen afrikanischem und schwedischen Blut. Wenn Menschen aus bestimmten Regionen gehäuft ein spezielles Verhalten zeigen, liegt dies eher an den Lebensbedingungen als an ihrem Blut, also den sozialen Verhältnissen und Sitten, die sie prägten. Nachweise dazu sind mit größter Vorsicht zu genießen und nur eine moderne Form des Rassismus, der im schicken Gewand des Gentests zu den Wurzeln daherkommt, in Wirklichkeit aber Menschen regional nach ihren Genen zuordnen will, was meist nur Produkt der Phantasie ist, da wir um viele Einflüsse immer noch nichts wissen. Solche pseudo-historischen Gentests sollten nicht erlaubt werden. Sie fördern rassistisches Denken und Engstirnigkeit mit biologischer Ausrede.

Staatsangehöriger sollte sein, wer es sein möchte und dafür nötige grundlegende Bedingungen erfüllt. Zu den Bedingungen gehören die Kenntnis der Sprache wie der Kultur, um Teil der Kultur auch zu werden und sich am Gemeinwesen aktiv auch als Wähler beteiligen zu können. So ähnlich ist es in Deutschland inzwischen geregelt, was vernünftig ist und den Staat weitergebracht hat als die zu lange Stagnation im Festhalten am Blut, das sich nicht genug mehr vermehrte und wandelte.

Zur Wahrung der Harmonie in einer Gemeinschaft und zur Verhinderung von Parallelgesellschaften, die den sozialen Frieden stören können, ist es aber auch wichtig eine konstruktive Integration auf Basis der in einer Region gewachsenen Werte zu suchen. Wo es ein zu viel in die eine oder andere Richtung gibt, werden schnell die extremistischen  Ränder gestärkt, die eher zur Destabilisierung neigen und damit nicht im Interesse der Mehrheit sein können. Es können auch verschiedene Kulturen auf ihre Art in großen Städten nebeneinander leben. In ländlichen Regionen fällt das manchen schon schwerer. Doch was in Berlin funktioniert, muss in Erfurt oder Dresden darum noch lange nicht so funktionieren und was in Kreuzberg geht, könnte in Lichtenberg oder Pankow auf Ablehnung stoßen und das nicht des Blutes wegen, sondern aufgrund kultureller Gewohnheiten, die sich erst sehr langsam verändern.

Wäre es erstrebenswert, dass jeder, der hier geboren ist, den deutschen Pass automatisch bekommt oder sollten wir klar auswählen, wem wir eine Staatsbürgerschaft geben und wen wir als Mitglied unserer Gemeinschaft wollen?

Gibt es einen Anspruch auf Staatsangehörigkeit oder muss diese sich verdient werden?

Der Staat sollte auch ablehnen können, wen er nicht aufnehmen möchte, weil sie der Stabilität schaden und nur für Unruhe sorgen. Doch muss neben solchen Fällen auch eine sichere Aussicht bestehen, die nicht an der Willkür einer Behörde hängen darf. Wer im Land lebt, die Sprache spricht und sich um Integration bemüht, sollte eine sichere Aussicht haben, wie es ja in Deutschland relativ vernünftig und ohne größere Hysterie geregelt ist.

Ob und warum Menschen mehrere Staatsbürgerschaften haben sollen oder dürfen, ist eine andere Frage. Zumindest insoweit ihnen Nachteile daraus erwachsen, wenn sie es nicht haben, sollten ihnen keine unnötigen Steine in den Weg gelegt werden. Ansonsten wäre die Entscheidung für eine Gemeinschaft wünschenswert, um dort auch anzukommen. Nicht weil Multikulti schlecht wäre, jeder mag nach seiner Fasson selig werden, sondern um für Klarheit und Entscheidung zu sorgen, statt ständig zwischen den Welten zu leben, was viele Menschen immer unruhig macht, keinem Vorteile bringt.

Ist ein globales Nomadentum erstrebenswert, mit dem sich manche Vielreisende Umweltsäue heute schmücken?

Die Fragestellung gibt schon die Antwort. Auf keinen Fall. Diese Menschen sind eher ein Problem auch weil sie Keime und Krankheiten für Pflanzen aus den verschiedensten Regionen einschleppen, was mehr als fragwürdig ist. Offenheit gegenüber anderen Kulturen ist wunderbar und zeigt einen toleranten Geist, doch muss dazu nicht jeder überall gewesen sein. Dies Denken ist so vorgestrig und nicht mehr der Zeit entsprechend, obwohl bei zu vielen noch weit verbreitet, wie kaum etwas anderes. Corona hat uns rasend vorgeführt welch gefährliche Folgen die Globalisierung auch haben kann, insofern sie Krankheiten weiter trägt, Ökosysteme durch Einschleppung unbekannter Schädlinge nachhaltig schädigt und dazu noch das Klima mit dem Reisen zerstört. Dagegen etwas zu unternehmen wäre dringend geboten. Globaler Tourismus ist nur Ausdruck von geringer Verantwortung, aber führte ab vom Thema Blut oder Boden, um das es hier geht.

Grundsätzlich gehört zu einer Gemeinschaft, wer in sie hineingeboren ist und in ihr aufwächst. Wer Mitglied werden möchte, sollte die Chance haben, es könnte die Gemeinschaft bereichern und ihr gut tun. Wer in einem anderen Land geboren wurde aber Eltern hat, die Staatsangehörige sind, sollte das gleiche Recht haben. Wer egal wo geboren, eine neue Heimat hier findet und dazu Staatsbürger werden möchte, sollte es dürfen unter den dafür nötigen Bedingungen, die den Umständen angepasst werden können. Insofern sich das Blut eines Deutschen nicht von dem eines Afrikaners oder Russen unterscheidet, sollten für alle die gleichen Chancen gelten vom Blut her gesehen. Verwandtschaft zählt natürlich über allem, wer sich nun warum auch immer mit wem auch immer paart, das hat der Staat nicht zu beurteilen.

Dabei zurüchallend aber doch klar auf Integration und gemeinsame Werte zu achten, ist wichtig, um die Gemeinschaft und den sie tragenden Konsens stabil zu halten. Alles Selbstverständlichkeiten eigentlich, die über die Blut-Boden-Diskussion lange in Vergessenheit gerieten. Wir können nur soweit integrieren, wie es die Stabilität der Gemeinschaft nicht gefährdet. Ob darum in Neufünfland gerade dringend mehr Ausländer integriert werden sollten, um schneller Normalität zu erlangen oder damit langsamer vorgegangen werden muss, um eine Gewöhnung zu erreichen, wird zu den Punkten der Diskussion gehören, die dazu künftig zu führen sind.

Denke es gibt nicht mehr die eine oder andere richtige Richtung bei der Staatsbürgerschaft und diese Blut oder Boden Unterscheidung sollte langsam hinfällig werden für ein flexibles Modell, das sich den jeweiligen Umständen anpassen kann. Mal dringend mehr Zuwanderung, dann eine Beschränkung weil die sozialen Systeme und die Gemeinschaft es nicht tragen können und irgendwo dazwischen findet sich ein Weg des besten Kompromisses für die Zukunft. Es gibt auch dabei keine absoluten Wahrheiten aber mehr Offenheit für tragfähige Kompromisse, könnte manche Hysterie an den hysterischen Rändern besser integrieren.

Weder können wir es völlig freigeben, jeden aufnehmen, noch hat ein reines Abstammungsrecht eine langfristige Zukunft. Der Kompromiss liegt wie immer dazwischen und damit zu leben gewährt die größte Chance auf langfristige Stabilität, bei der uns der Staat so wenig wie möglich stört und nur so funktioniert, wie er eben soll. Was mehr könnte auch erreicht werden?

jens tuengerthal 15.7.20

Dienstag, 14. Juli 2020

Erbgut

Was macht das Erbgut aus und woher kommt es?

Bis ins 19. Jahrhundert war Erbgut das materielle Gut, was der Erblasser seinen Erben, also meist der Familie, hinterlässt. Heute denke ich bei Erbgut auch an die Anlagen, die durch Vererbung, also biologisch weitergegeben werden. So hat die Naturwissenschaft eine Begrifflichkeit übernommen und besetzt, die statt mit Tod plötzlich mit Zeugung und Weitergabe dessen, was uns organisch prägt, zusammenhängt.

Die Erkenntnis, wie ein Mensch entsteht, indem das winzige Spermium in die wesentlich größere Eizelle eindringt, ihre Kerne verschmelzen, der halbe Chromosomensatz zu einem ganzen wird, ist erst Mitte des 19. Jahrhunderts gewonnen worden. Bis dahin grassierten viele, teils auch religiöse Vorstellungen zur Zeugung, bei der auch die Philosophie des Aristoteles lange eine Rolle spielte, gemischt mit der christlichen Anschauung, nach der die Frau nur das Behältnis war, die Frucht des Mannes auszutragen. Diese Sicht wurde noch lange vertreten, obwohl Züchter im Tierreich längst ein anderes wussten, aber die menschliche Sonderrolle eben ein Glaubenssatz war.

Die Idee einer Schöpfung und eines Schöpfers, der den ganzen Prozess steuert, der schlicht biologisch unter bestimmten Bedingungen abläuft, hielt sich noch lange in vielen Köpfen, auch wenn den Beteiligten dabei schon klar gewesen sein wird, was sie tun und der Erfolg dabei auch gegen eine völlige Ahnungslosigkeit spricht. In der Antike hatten die Menschen da wohl einen direkteren Zugang zur Natur und haben die Beteiligung höherer Wesen nur dazu gedacht, aus welchen Gründen auch immer, doch hat dieser Erfindergeist, der unsere Existenz nicht mit dem Tod enden lassen will, eine lange Tradition in der menschlichen Geschichte, fraglich nur, ob der Aberglaube in unserer Natur liegt oder immer wieder kulturell erworben wird.

Den Ablauf der Vererbung wie die dabei geltenden Regeln entdeckte der mährisch österreichische Priester Georg Mendel im 19, Jahrhundert, nach ihm wurden sie auch benannt, vermutlich ohne die Absicht, damit die göttliche Beteiligung an der Zeugung und der Entstehung der Arten überflüssig zu machen. Die weitgehenden Konsequenzen dieser Entdeckung wurden erst langsam deutlich, bis heute zweifeln noch manche Gläubige an der Selbständigkeit der Natur und suchen nach neuen Punkten, an denen sie ihren Schöpfergott glaubwürdig platzieren können, nennen sich dann Kreationisten und vertreten manch absurde Ansichten, die bis zum Urknall reichen, vor dem außer Gott nichts gewesen sein soll, auch wenn wir natürlich wissen und beweisen können, dass Energie nie verloren geht, der Urknall also durch andere Energie verursacht worden sein muss, die durch vorhergehende Ereignisse konzentriert werden musste, weil Natur schlicht zyklisch funktioniert.

Spannend ist wie gleich wir nominell das Ende des Lebens, also das, was an Gütern hinterlassen wird, mit dessen Anfang und Entstehung setzen. Die Vererbung bestimmter Merkmale bei der Zeugung neuen Lebens als ein Fortleben betrachten. Viel des Vokabulars der Entdecker von Humboldt bis Darwin und Mendel, ist noch vom vorherigen Geist der patrilinearen Strukturen geprägt, denen die Natur aber zeigte, wie es tatsächlich ablief, als die Menschen lernten hinzuschauen und zu beobachten, auch wenn sie es noch mit dem gewohnten Vokabular benannten, weil sie eben auch Kinder ihrer Zeit waren.

Nicht der große starke Mann ist der Erzeuger, sondern die Verschmelzung des winzigen männlichen Spermiums mit der im Vergleich riesigen Eizelle kann Leben natürlich entstehen lassen und das Erbgut kommt von beiden zu gleichen Teilen, wobei sich verschiedene Merkmale unterschiedlich stark oder ganz neu kombiniert fortsetzen. Dies brachte manche althergebrachte Überzeugungen, die das patrilineare Weltbild trugen, in Wanken. Erstaunlich schnell änderte sich infolge auch das Erbrecht und Frauen wurden formell zumindest teilweise relativ gleichberechtigt, der vorherige Ausschluss war nicht mehr zu rechtfertigen.

Warum Menschen aus den Erkenntnissen Darwins, die sie noch mit der Philosophie Nietzsches nach Belieben munter mischten, eine Rassenlehre ableiteten, lässt sich logisch nicht erklären, sondern vermutlich nur aus dem ideologischen Zusammenhang verstehen, der auch die USA lange verleitete Menschen mit dunkler Hautfarbe als Sachen zu behandeln, die anderen gehören konnten, also Sklaverei für legitim zu halten, auch wenn sie über diese Frage noch einen Bürgerkrieg führten, der allerdings nichts an der realen Diskriminierung nach Hautfarbe bis heute geändert hat, wie gerade wieder deutlich wird.

Die schlimmste Variante dieses Rassismus, der auf Vernichtung zielte, wurde vom Hitler-Regime im Namen Deutschlands aus einer Pervertierung der Erblehre entwickelt. Während die Sklaverei auf Ausbeutung und Nutzung aus ökonomischen Gründen zielte, wollte diese Ideologie einer Gruppe Menschen nach Religion oder Herkunft aussortieren und vernichten, weil sie sich für besser hielten und meinten so ihr Überleben nach der Natur sichern zu müssen. Es gibt für eine solche rassische Unterscheidung nach Glaube oder Herkunft keinen Grund, der sich aus dem Erbgut oder der Abstammung begründen ließe. Durch willkürliche Ausgrenzung sollte der Zusammenhalt der Mehrheit gestärkt und eine völkisch genannte Gruppe geschmiedet werden, wie es einige verwirrte Zeitgenossen heute noch versuchen.

Die Kenntnis vom Erbgut hat so einerseits die Gleichberechtigung der Frauen ein wenig, zumindest beim Erbe vorangebracht, auch wenn es bis zur vollständigen Gleichberechtigung in großen Teilen der Welt noch ein weiter Weg ist, andererseits im missverstandenen Darwin eine Ideologie begründet, die Menschen nach Rassen unterscheiden wollte und aus der bloßen Herkunft oder Religion Unterschieden im Wesen ableiten wollte für die es biologisch keinerlei Begründung gab oder gibt. Im Gegenteil können wir angesichts der genetischen Ähnlichkeit jede Unterscheidung nach Rassen unter Menschen heute für historisch erklären.

Ob, was unser Wesen ausmacht, dabei stärker das Produkt unserer Erziehung oder tatsächlich durch Erbanlagen bedingt ist, kann insoweit dahinstehen. Die Leere vom weißen oder beschriebenen Blatt wäre ein anderes Kapitel, was beim Thema Erbgut wohl auf zu weite Abwege führte. Die Anlage völlig auszuschließen, ist vermutlich so falsch wie anzunehmen der Mensch würde nur durch Prägung geformt. Beide Elemente spielen auf ihre Art eine Rolle und den einen oder anderen zu übersehen, gäbe nur ein unscharfes Bild, machte sozusagen kurzsichtig.

Traue mir dies betreffend kein sicheres Urteil zu und denke aber auch die Spezialisten der jeweiligen Bereiche neigen gern zur horizontalen Beschränkung, indem sie ihren Bereich überbetonen. Der Mensch und was ihn ausmacht, ist zu komplex, um ihn auf eine Theorie oder Richtung reduzieren zu wollen. Es spielen dabei verschiedene Aspekte eine Rolle und dazu gehören vermutlich auch noch einige von denen wir bisher noch nichts oder wenig verstehen. Je tiefer unsere Kenntnis im einen oder anderen Bereich wird, desto mehr halten wir ihn für ausschließlich und übersehen dabei gerne, was noch möglich wäre, weil der konzentrierte Blick aufs Detail auch gern den Überblick verliert.

Zumindest mir geht es so, wenn ich mich mit etwas besonders stark beschäftige und alles darüber wissen will, ist die Gefahr den Überblick für die Zusammenhänge zu verlieren besonders groß. Will damit nicht sagen, dass die Generalisten, die von allem nur ein bisschen wissen, den besseren Überblick hätten, dazu fehlt es meist an Sachkenntnis, wie ich zumindest von mir sagen kann, der ich weder Naturwissenschaftler noch Geisteswissenschaftler oder Erzieher bin, keiner Überzeugung ganz anhänge, sondern eher der Meinung bin, dass viel mehr Einfluss auf mich hat, als ich begreifen kann und auch wenn ich mir viel Mühe gebe, mit meinen naturgegeben eben beschränkten geistigen Mitteln immer nur einen Bruchteil am Rand streifen kann. Würde ich mich mehr mit den Details beschäftigen, um zumindest von etwas eine genaue Ahnung zu haben, würde ich mich vermutlich darin verlieren und den Zusammenhang weniger sehen können, der mir wichtiger scheint.

So habe ich von nichts wirklich Ahnung, denke nur, er spielt alles und noch mehr eine irgendwie Rolle bei dem, was unser Wesen ausmacht. Anmaßend und beschränkt scheinen mir jene, die behaupten eine sichere Wahrheit zu besitzen, die allein selig machend sei, sagen, sie wüssten, wie es sei. Weder wird die genaue Kenntnis unseres genetischen Codes je ausreichen, unser Wesen zu verstehen, noch wird den Menschen ganz verstehen, wer sein Erbgut ignoriert.

Vielleicht ist das Gegeneinander der jeweiligen Theorien auch mehr der Grund für die Probleme beim Verständnis unseres Verhaltens. Versuche ich an einem Beispiel, was ganz natürlich uns scheint, wie etwa der Liebe, herauszufinden, was alles meine Entscheidungen beeinflusst, merke ich schnell, wie komplex die Dinge eigentlich sind.

Was ist bei unserer Wahl genetisch determiniert, wen können wir gut riechen und wer stinkt uns, was zieht uns an und was stößt uns ab, welche Rolle spielen unsere Erfahrungen mit Liebe und Sexualität dabei, was ist unsere Natur, wo passen wir uns nur an Konventionen an, gibt es reines und natürliches Gefühl oder ist das eine Illusion, sind die Triebe stärker als der Wille, wo spielen wir konventionelle Spiele, um zu gefallen, was tun wir unserer Natur gemäß beim Balzen, wo sind wir echt und wo Opfer unserer gesellschaftlichen Rolle, habe ich je genug Abstand, wenn Gefühl im Spiel ist, all diese Fragen vernünftig und objektiv zu betrachten und wie richtig kann eine nur vernünftige Betrachtung der Liebe je sein, sind nur einige Fragen, die sich mir dabei stellen und die mir zeigen, dass mein Horizont sicher zu beschränkt ist, sich alle Gründe für die Liebe, warum sie auftritt oder verschwindet, klar zu machen.

Wenn es aber bei der Liebe schon so komplex und kompliziert ist, die doch ein ganz natürliches Gefühl ist, was wir meist einfach hinnehmen, wenn es auftaucht oder verschwindet, wie sollte ich dann annehmen, eine Theorie oder eine Betrachtungsweise, bezogen auf das Genom oder die Prägung würde genügen, das menschliche Wesen und alles, was ausmacht, zu beschreiben?

Mögen klügere als ich, sich diese Frage für sich beantworten, mir reicht es an dieser Stelle schon, begriffen zu haben, es dürfte beides eine Rolle spielen und es geht weniger darum, wer von beiden recht hat, als vielmehr, wie ich in der ungeheuren Komplexität der Gründe, die einen Menschen zu seinem Handeln bestimmen, einen Weg finde, der zu mir passt und mit dem ich mich wohl fühle, der also meine Lust am Leben mehrt.

Das Wort Erbgut enthält für mich entsprechend auch mehr als die reduzierte Sicht unserer genetischen Anlagen oder das materielle Gut derer, die vor uns waren. Viel spannender finde ich etwa die Frage, inwieweit die Kultur, in der ich aufwuchs, von der Familie bis zum postmodernen aufgeklärt abendländischen Denken mein Wesen prägen, was ich davon erkennen und benennen kann als Teil meines Erbes.

Denke ich etwa an Tischsitten, mit denen ich in der Familie aufgewachsen bin, die mich als Kind manchmal genervt haben, die aber für mich so selbstverständlich wurden, dass ich auch im Schnellimbiß nie auf die Idee käme, die Ellbogen auf den Tisch zu legen, auch wenn das essen eines Hamburgers schwer mit anständigen Manieren und ohne zumindest gelegentlich zu stopfen, zu bewältigen ist, wäre es mir sogar dort wichtig, sich vor dem Essen, falls ich nicht alleine bin, die Hände zu reichen und das ganze mit der möglichen Würde zu handhaben, die diesem Kulturvorgang gebührt.

Dies ist sicherlich anerzogen und Teil der Kultur meiner Familie, die gerade bei großen Essen, wo alle eng gedrängt sitzen, darauf wert legt, dass alle Teilnehmer die Spielregeln beherrschen, um so an einer schön gedeckten Tafel mit der dieser entsprechenden Würde zu essen, zumindest anfänglich, da die Toleranz den Sitten gegenüber mit zunehmendem Alkoholgenuss größer wird. Aber es ist auch Teil einer ererbten Tradition, die schon die Großväter so praktizierten, wie sie es von ihren Eltern und Großeltern lernten, die mit einer feinen Tafel und dem entsprechenden Benehmen dort zeigen, dass sie Kultur haben und die Familie mit dieser zu feiern wissen.

Während in meiner Kindheit noch sich meine Onkel wie mein Vater aus kleinen Übertretungen der Regeln unter dem strengen Blick ihres Vaters einen Spaß machten, wurden sie, zumindest teilweise, spätestens mit dem Verschwinden der vorigen Generation zu Sittenwächtern, die mehr oder weniger streng die Einhaltung der gewohnten Form anmahnen und ich fürchte, sollten wir die Tradition weiterhin pflegen, in die selbe Rolle hineinzuwachsen, wie ich schon bei meiner Tochter bemerke, dass sie zwar spielerisch die Regeln mit ihren jüngeren Cousins oder Cousinen übertreten kann aber doch als älteste auch genau darauf achtet, was nun geboten ist, weil sie die Tradition als Teil ihres Erbes aus verinnerlicht hat.

Zu einem großen mehrgängigen Essen gehören bestimmte Sitten und Regeln, um dieses zu würdigen und schön zu machen. Erst sie machen es auch zu einer Zeremonie, die in Erinnerung bleibt und so weitergetragen werden kann. Damit werden sie Teil unseres Erbes.

Kommt es wirklich auf die Sitten und Manieren an oder sind sie nur der formelle Rahmen, der längst überholt ist und nur einer untergegangenen Kultur entspricht, die wir unzeitgemäß traditionell zelebrieren?

Wie meine Familie ihre Feste zelebriert, hat etwas vom vergangenen Jahrhundert und noch älter. Wir feiern damit unsere Tradition. Etwa beim Tischgebet, das ich radikaler Atheist selbstverständlich und aus voller Überzeugung mitspreche, weil es dazugehört oder beim sich die Hände reichen, bevor mit dem Essen begonnen wird. Vieles an unseren Zeremonien auch an Weihnachten, erinnert mich an die Buddenbrooks, bis zu den Witzen und Dialogen nach dem Essen in lockerer Runde, wie ich es bestimmt schon mehrfach erwähnte aber mit zunehmendem Alter neigen wir Menschen eben auch zur Wiederholung und so ist dies doch ein irgendwie Ausweis meiner Menschlichkeit denke ich, um die eigenen Mängel schön zu reden und die stete Wiederholung zu legitimieren.

Damit an einer großen Tafel mit Großen und Kleinen ein mehrgängiges Menü mit der entsprechenden Würde zelebriert werden kann, bedarf es gewisser Spielregeln, die den Ablauf sichern und auch das Vertrauen darauf, dass jeder diese irgendwann verinnerlicht hat. Wo diese nur als Gehorsam gegenüber autoritärer Strenge befolgt werden, um im System zu funktionieren, haben sie keinen eigenen Wert sondern wären reine Formalie, wie es einem Beobachter scheinen könnte, der nicht mit den bürgerlichen Sitten so vertraut ist, die jede Nahrungsaufnahme zu einer kleinen Zeremonie machen, die auch ihren Stand und ihre Würde feiern wollen.

Wäre dies nun wieder nur eine bloß klassenkämpferische Distanzierung gegenüber den Proleten, die sich nicht zu benehmen wissen, wäre es ein bloß eitles Überbleibsel, was zwar traditionell vom Wesen her wäre aber ansonsten wertlos bliebe außer zur Pflege der eigenen Eitelkeit. Denke aber gerade das Erbe der Tischsitten und ihre höchstens mal nonchalante spielerische Übertretung, ist viel mehr als nur eine gemeinsame Nahrungsaufnahme. Es ist eine Art postreligiöses, trotz Tischgebet, Ritual, welches die Gemeinschaft feiert, in der die Verwandten zusammenkommen.

Rituale fördern den Zusammenhalt und schaffen es durch die Tradition, mit der sie gepflegt werden, ein Erbe wach zu halten, das unsere Kultur durch das Bürgertum geprägt hat, was sich in der Zeremonie selbst feiert. Dies könnte wiederum als eitler Popanz abgetan werden oder als ein kleines Imitat höfischer Sitten, nach denen die Bürger spätestens seit Knigge strebten, um mithalten zu können.

Doch wir feiern uns gerne und freiwillig so, weil wir es schön finden und genießen in der Strenge der Form, die wir gelegentlich belächeln, wie ihrer allmählichen Auflösung gegen Ende hin. Es ist ein Ritual, dem wir uns freiwillig unterwerfen, weil uns ohne etwas fehlte, auch wenn wir uns nur ein bis zweimal im Jahr überhaupt sehen, um je rituell zu feiern. Wir hätten, die Freiheit die Formen wegzulassen, es völlig regellos und nach Laune ablaufen zu lassen. Der strenge Grotepater genannte Großvater ist im nächsten Jahr 30 Jahre tot. Doch wir feiern noch genauso und halten uns an die alten Sitten, die unser Erbe sind und die wir an die folgende Generation weitergeben werden, wie er es schon um die Jahrhundertwende gelernt hat, weil sie eben Erbgut und damit Schatz unserer Familie sind.

Viel mehr als Siegelring, Fahne oder Kunstschätze, Möbel der Vorfahren, das Meißen oder Silber von dem wir essen, sind es die Rituale, die wir pflegen, die viel vom Zusammenhalt der Familie ausmachen, ihr eigentliches Erbe sind. In postideologischen Zeiten, in denen sich nur ein arroganter Reaktionär wie Helmut Kohl über Angela Merkel ihrer fehlenden Tischsitten meinte lustig machen zu müssen, könnten solche Rituale verfehlt oder hohl wirken. Merkel hat es längst gelernt und glänzt durch preußische Zurückhaltung in der Größe, von der manch männlicher Politiker viel lernen könnte, um nicht in peinlicher Erinnerung zu bleiben wie Gasgert oder Kohl selbst, dennoch traf der Kanzler der Einheit einen Punkt, der nicht falsch war.

Der Bruch der DDR mit jeder bürgerlichen Tradition im Arbeiter und Bauern Staat, in dem die Kinder, auch der Berufstätigkeit der Mütter wegen, sehr jung in die Kita kamen, ging bis zum Kern der Rituale, die dafür durch ideologische ersetzt wurden, die nur rot gefärbt, den totalitären des NS-Staates glichen, weil die DDR eben ein totalitärer Staat war - die Menschen wurden ideologisch eingebunden und entsprechend erzogen. Die Trennung zwischen privater bürgerlicher Kultur und öffentlicher staatlicher Kultur war nicht vorgesehen, auch wenn viele dennoch um so mehr eine private Kultur zelebrierten, gehörten Tischsitten nicht zum Kernprogramm der Betreuung in der Kita sondern waren als Bourgeoise verschrien, weil bürgerliche Kultur in diesem Regime ein Schimpfwort war, was es dem Nationalsozialismus nicht unähnlich machte, der auch eine Parteidiktatur war, die den ganzen Menschen erfassen sollte und mit allen Traditionen brach.

Wo die Sitten von außen aufgedrängt und nicht gelebt werden, sind sie bloß hohle Form. Ihren Wert erhalten sie durch die Tradition, die sie tragen. Sie sind gelebtes Erbe und damit ein wichtiges Erbgut der bürgerlichen Kultur, bis heute ein nicht unbedeutendes Unterscheidungsmerkmal, was nicht der Erhebung über weniger kultivierte Menschen dient, als vielmehr dem Zusammenhalt und der Erhaltung einer Tischkultur, die zum Zweck eigener Art wurde, so Gemeinschaft bildet und dieser Würde gibt, sie zu etwas kostbarem für die Beteiligten macht.

Vermutlich ist es schwer das Glück dieser Gemeinschaft, die ihr Erbe auch durch die Form des Essens kultiviert, als Außenstehender zu verstehen. Ob die Pflege von Tischsitten genetisch bedingt sein könnte, scheint mir eine relativ müßige Frage - es haben sich auch immer wieder Außenstehende gut in die Gemeinschaft eingefügt, wenn sie sich überhaupt irgendwo einfügen und wohl fühlen konnten. Familie lebt und wächst auch durch das, was sie in sich aufnehmen und integrieren kann. Damit pflegt sie ihr Erbe. Indem wir die Tradition leben, halten wir das Erbgut kostbar. Unterwerfe mich freiwillig den Regeln der Familie, deren Teil ich bin, mache ihre Tradition zu meiner und fühle mich damit, so heimatlos wie ich durch viele Umzüge logisch bin, geborgen, auch wenn ich mir nicht sicher bin ob es noch jemand in der Familie außer mir so sieht oder auf diese Art über das nachdenkt, was wir Jahr für Jahr veranstalten aber vermutlich hat jeder seine Gründe, sich damit wohl zu fühlen, um es weiter so wie jedes Jahr irgendwie zu machen an der traditionell langen Tafel in meinem Elternhaus, die vom Esszimmer bis ins Kaminzimmer stets reicht.

 Eines der kostbarsten Dinge aus dem Erbe meiner Familie sind für mich also deren immaterielle Traditionen, weil sie der Kitt des Zusammenhalts sind. Ob es ein Gen in unserer Familie gibt, das eine bestimmte Art zu feiern festschreibt, scheint mir eher zweifelhaft. Dass wir nur einfach weitermachen, was wir schon immer so machen, fände ich etwas wenig für einen stark kulturellen Vorgang. 

Es ist unser inneres Erbe, mit dem wir uns identifizieren und das wir zu pflegen gelernt haben, wie es schon die Generationen vor uns taten. Daraus wird ein Teil der Identität geschöpft, sicher nicht ausschließlich und wer wüsste schon, genau zu sagen, was Identität alles ausmacht aber die Familie und ihre Sitten ist sicher ein nicht unwichtiger Teil meiner Identität, der Halt und Perspektive gab in unsicheren Situationen, zumindest hätte geben können, hätte ich ihn mir bewusst gemacht, sage ich mir inzwischen - aber zeitweise Blindheit für entscheidende Werte ist wohl auch ein Teil des Weges zur Identifikation und nur wer wirklich am Rand stand, kann auch, von da aus zurückgekehrt, wirklich schätzen, was ihn ausmacht.

So ist das Erbe der Familie ein wichtiger Teil meines Wesens, darum auch schreibe ich immer wieder darüber, versuche dieser Daseinsform, eine neue literarische Form zu geben auf der Suche nach den eigenen Wurzeln und ihrem größeren Zusammenhang, weil jede Familie auch Teil der Gesellschaft ist, die sie mit prägt und von der sie auch geformt wird. So gesehen ist das Erbgut der Familie ein Teil von mir und macht mich auch zu dem, der ich bin. Ob dies an der Blutsverwandtschaft in der Familie zuerst liegt oder mehr an der Prägung durch regelmäßigen Kontakt, spielt für mich dabei kaum eine Rolle. Wichtiger ist mir, zu ergründen, was es ausmacht, wo es gut tut, in welchen Bereichen es mir eher fern liegt und wie ich dadurch der wurde, der ich bin und dies eben im Bewusstsein des familiären Erbes, wo immer dies seine Gründe findet. 

jens tuengerthal 13.7.20