Samstag, 11. Juli 2020

Liebeswunder

Wie verwunderlich kann doch
Die Liebe immer wieder sein
Die ich weiß nicht wie ganz
Unverhofft auftaucht so tut
Als müsste es nun so sein
Das vorher noch Unbekannte
Nichts zum Mittelpunkt einer
Neuen Welt macht in der
Die Sonne die vorher tiefe
Nacht vertreibt mit nichts
Als einem schönen Gefühl
Was alles anders beleuchtet
Höre dabei Bachs Sonaten
Für Cello und staune wie
Eine Idee alles verändert
Die so wenig greifbar ist
Wie die Töne die kaum
Gehört schon verhallen
Frage mich was wohl wird
Aus schönstem Liebestraum
Wenn er im Alltag erwacht
Genieße jeden Ton noch
Der Sonaten dabei hier
Wunder mich und staune
Wie wirklich Träume werden
Ohne zu wissen noch wie
Wirklich die Wirklichkeit ist
Lausche und genieße nur
Was immer nun kommt
Könnte ein Wunder werden
Und wundere mich

Itldzdw 11.7.20

Geldverwandtschaft

Gehen Unternehmen besser in der Familie oder hat Geld diese ersetzt?

Gerade viel über Geld in großen Familien gelesen, was sie unterscheidet und warum die einen erfolgreicher als die anderen waren, die einen im Finanzkapitalismus scheiterten, während die anderen als Dynastie erfolgreich blieben. Dies genauer für die beiden Familien Familien Barings aus Bremen und Rothschild aus Frankfurt am Main betrachtet und im folgenden darüber nachgedacht, inwieweit der Glaube an das Geld eine eigene Mystik ist oder besonders für das Papiergeld eine neue Form von Verwandtschaft begründet, die auf Vertrauen basiert, wie Christina von Braun argumentiert, wenn auch dabei etwas kurzsichtig Familien wie die Medici oder die Fugger nicht erwähnte, was ihrer sonst relativ stichhaltigen Argumentation etwas den Boden entzieht, die auch in einer teilweise Anklage des Finanzkapitalismus mündet ohne dabei die Frage nach den Alternativen zu stellen, was zwar zulässig sein kann als Wissenschaftler, um eine Hypothese zu bilden, aber als Ergebnis fragwürdig macht.

Die Unterscheidung zwischen den ursprünglich bremischen Familie Baring und den Frankfurter Rothschilds, die beide ihren Erfolg im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert in England zuerst machten, wo die Textilhändler Baring und die auch Tee und Gewürze handelnden Rothschilds ins Bankgeschäft gingen, weil es größere Aussichten auf Gewinne bot, ist spannend und wirft einen neuen Blick auf alte Dynastien.

Der Krieg gegen Napoleon und das Engagement in den Kolonien machte Barings reich und zur eigenen Macht in Europa, die über den Erfolg von Staaten entscheiden konnten. Während der Finanzierung der Kriege gegen Napoleon tat die noch von Mitgliedern der Familie geleitete Barings Bank in London alles ihr mögliche, den Konkurrenten Rothschild mit auch antisemitischen Argumenten zu verdrängen, was ihnen aber nie gelang, aber dafür bauten sie ihre Macht weiter aus. Dennoch wäre gegen Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts Barings beinahe bereits pleite gegangen, nachdem sich ein Baring in Argentinien verspekuliert hatte, waren aber damals noch so bedeutend und systemrelevant, dass die Bank of England für ihre Rettung sorgte, was ihnen weitere hundert Jahre schenkte. Eine Zeit, in der sich immer mehr Mitglieder der Familie aus dem Firmengeschäft zurückzogen, um das Leben des ländlichen Adels zu führen, der nach dem Vorbild des britischen Gentleman nicht arbeitete sondern höchstens noch der Krone diente im Kampf oder wo auch immer erforderlich.

Bei Barings kamen teilweise auch Schwiegersöhne oder nicht verwandte Bankiers in führende Positionen. Dies kam im Hause Rothschild nicht vor. Sie blieben ein Familienbetrieb, der sich auch lange streng an die Vorgaben des Gründers hielt, der noch in der Frankfurter Judengasse groß wurde. Danach wurden Teilhaber nur Söhne der vorigen Teilhaber und das auch nur sofern sie Juden blieben und den jüdischen Gesetzen genügende Kinder zeugten. Insofern dies die Auswahl der tauglichen Ehepartner auf vergleichbarem sozialen Niveau sehr beschränkte, wurde die Hochzeit unter Vettern und Basen, der in Europa weit verteilten Familie Rothschild, schon im ersten Grad lange Zeit üblich und machten weit über die Hälfte der Hochzeiten im Clan aus, der so sein Geld beisammen hielt und ein System des Vertrauens schuf. Christina von Braun argumentiert hier mit der Bedeutung der matrilinearität in jüdischen Familie nach der rabbinischen Auslegung.

Hat etwas für sich, insofern als Sohn nach jüdischer Sitte nur anerkannt wurde, wer Sohn einer jüdischen Mutter war, was zur matrilinearen Beweisführung führt. Dennoch war diese interne Struktur, die Frauen lange von jeder Teilhabe ausschloß, trotz matrilinearer Beweisführung der Herkunft und Berechtigung, eine klar patriarchale. Aber sie hielt den Familienverband relativ eng geschlossen, verringerte die Zahl der möglichen Erben und verhinderte destabilisierende Aufteilung im Erbfall.

Zumindest hat das Bankhaus Rothschild, neben anderen Unternehmungen der Familie, wie Weinbau oder Film bis heute als vertrauenswürdige, exklusive Bank überlebt, während Barings Ende der 90er Konkurs ging. Dies zwar durch das kriminelle Verhalten eines Investmentbankers aber auch schon länger ohne Kontrolle oder Beteiligung der Familie, die lieber das Leben der Landlords erstrebte, während Rothschild lange durch die internen Heiraten stabil blieb und das Vermögen beieinander hielt, seinen Einfluss im Unternehmen nie verlor. Das Bankhaus Rothschild wurde nie so eine große mächtige Bank wie Barings von den Pastorensöhnen aus Bremen, die den Konkurrenten so scharf antisemitisch bekämpften, stieg nie so weit ins Investmentbanking ein, riskierte damit weniger aber behielt Einfluss über das Vertrauen in seine Zuverlässigkeit und sichere familiäre Struktur auch, lebt immer noch und ist in verschiedenen Geschäftsfeldern - von Wein bis Film - weiter aktiv, gilt als Bank des Vertrauens mancher wohlhabender Familie. Dennoch kursieren bis heute seltsame antisemitische Verschwörungstheorien über die Familie Rothschild und ihre Weltmacht, statt zu würdigen wie sozial und integer sich eine ganze Familie aus Tradition verhielt.

Die klare Familienpolitik noch dazu an jüdischer matrilinearer Linie orientiert, war also erfolgreicher als die sagenhafte Expansion, dahingestellt,  was den Barings noch in der Familie nach dem Zusammenbruch des Mutterhauses in einer Zeit blieb, in der Kaufleute nicht mehr privat für ihre Investitionen haften mussten. Weniger streng jüdisch und doch auf die Familie bedacht waren die Mendelssohns, die auch kulturell eine bedeutende Rolle in der deutschen Geschichte auf vielfältige Art spielten, mit ihrem Stammvater Moses Mendelssohn einen der führenden Köpfe der deutschen Aufklärung hervorbrachte, der immer noch lesenswert ist und in manch intoleranten Debatten einen aufgeklärten Beitrag leisten könnte.

Mit der Verwandlung der Unternehmen in Aktiengesellschaften nahm zwar die persönliche Haftung der Unternehmer ab, dafür aber gewann das Geld an Einfluss, was eine imaginäre Größe in vieler Hinsicht ist. Nach Christina von Braun ist das Kapital, sobald sich das Papiergeld entwickelte und noch mehr, seit dem das Geld nicht mehr durch Gold gesichert wird, eine eigene Größe geworden, die der Familie nicht unähnlich ist, insofern sie auf Vertrauen basiert und in seinem Kreislauf mit dem des Blutes verglichen wurde.

Im Glaube an das Versprechen des Geldwertes und dem Handel mit ihm, der durch komplexe Komponenten beeinflusst wird, kann eine familienähnliche Struktur gesehen werden. Es wird an ein bloßes Versprechen des Wertes geglaubt, das reale Werte wie etwa Gold ersetzt und im eigenen Handel sogar viel höhere Werte erzielen kann. So werden im Handel mit Geld höhere Beträge teilweise umgesetzt als in dem mit Waren, auch wenn es ursprünglich nur einer Erleichterung des Handels diente.

Fraglich scheint jedoch, ob diese Sicht nicht die realen Verhältnisse mit einem verkehrten Bild verklärt. Zwar bringt der Geldhandel einen höheren Ertrag als der mit Waren und hat sich damit teilweise bereits von seinem Ursprung als Mittel des einfacheren Warenaustausch entfernt, eine eigene Welt geschaffen, jedoch gehorcht auch diese meist den Gesetzen des Handels, allen gelegentlichen Blasen gerade in der neuen Ökonomie zum Trotz.

Auch scheint die ausschließliche Betrachtung des Handels mit Papiergeld und dessen Einführung als Wende im 17. Jahrhundert viele entscheidende Dinge außer acht zu lassen, die schon lange davor stattfanden und in der Natur des Marktes liegen, der eben nur den vorher Warenaustausch abstrahiert fortsetzt aber doch ein Tausch mit der Suche nach maximalem Gewinn bleibt, wie er in der Natur des Menschen liegt.

Denke ich etwa an die Fugger oder die Medici zeigte sich schon in Renaissance und Mittelalter wie die Vergabe von Krediten den realen politischen Einfluss veränderten und die weitere Entwicklung auch ohne Papiergeld beeinflussen konnte. Denken wir etwa an Königinnen von Frankreich Maria oder Katharina und ihren enormen Einfluss etwa in der Hochzeitsnacht des späteren König Henri IV., der Bartholomäusnacht, in der sich Frankreichs Katholiken blutig gegen die Protestanten erhoben, gut katholisch Massaker veranstalteten oder auch die kirchlichen Würdenträger aus dem Hause Medici und zeitweise Herzöge der Toskana.

Geld ist ein natürliches Mittel zur Organisation von Märkten, bei dem der Staat den Warenaustausch mit dessen Ausgabe sichert und erleichtert, eine weitere Arbeitsteilung ermöglicht, welche der Mehrung des allgemeinen Wohlstandes dient. Auch die vielfach verfluchte Liberalisierung der Märkte im Rahmen der Globalisierung und die expansive Entwicklung der Kapitalmärkte mit Beginn der New Economy hat weltweit mehr zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes geleistet, als Globalisierungsgegner gerne zugeben.

Ob die Praxis im derzeitigen Handel darum gerecht ist oder nur Monopole stabilisiert, ist eine andere Frage, die im Einzelfall betrachtet werden sollte, um geeignete Lösungen zu finden, statt pauschal ein System zu verurteilen, was der Natur des Menschen entspricht und dessen Wirkung der Mehrheit der Menschen bessere Lebensbedingunge brachte.

Nicht Kapitalismus oder der Handel mit Geld als solcher ist problematisch, sondern der ethische Rahmen in dem dieses geschieht und die persönliche Moral der Beteiligten. Das System, was für weltweiten Wohlstand, optimale Versorgung der größten Menge mit Gütern und Mehrung des Wohlstandes wie der medizinischen Versorgung sorgt, ist nicht darum moralisch schlecht, weil sich einige der Beteiligten ethisch fragwürdig verhalten. Hinterfragen könnten wir eher ein politisches System, das immer wieder partikulare Interessen stärker berücksichtigt und dabei die Ordnung an sich aus den Augen verliert, weil manches nicht käuflich sein sollte.

In der das jüdische Leben prägenden rabbinischen Kultur gibt es dazu eine klare Sozialethik, die auch Ausgleich und Gerechtigkeit in der Verteilung vorsieht ohne darum das als natürlich empfundene System infrage zu stellen. Würden sich mehr um politische Reformen im System bemühen, statt wie gegen Windmühlen fechtend, den Kapitalismus für fragwürdig zu erklären, um damit dem marxschen Aberglauben zu folgen, der keinesfalls logisches Produkt einer nüchternen Analyse ist, sondern ein bloßer Glaube, könnte real vermutlich wesentlich mehr erreicht werden an Ausgleich und Gerechtigkeit.

Die Frage, ob der Kreislauf des Geldes, dem des Blutes gleicht, könnte interessant sein, sofern sie von moralischen Urteilen gereinigt wird, die nur Verwirrung stiften und Vorurteile bestätigen wollen, statt für Aufklärung und mehr Vernunft zu sorgen. Der Vergleich könnte gut und treffend sein, da das Geld nur ein abstrahiertes Abbild der Natur des Tausches ist, der allem Handel zugrunde liegt. Es liegt in der Natur des Menschen nach Wohlstand und also Sicherheit zu streben, wie in seinem Handeln erfolgreich zu sein. Wie wir gerne das Beste für uns aus allem herausholen wollen, was wir tun, weil es eben in unserer Natur liegt, es uns so gut wie möglich gehen zu lassen, ist der Handel in seinen verschiedenen Formen nur das Produkt dieser Natur. Diese Eigenschaft wird nicht dadurch an sich schlecht oder unmoralisch, weil einzelne sie mißbrauchen, sondern ist so natürlich wie Atmen, Herzschlag oder Verdauung.

Wie ein Staat organisiert sein sollte, dieser natürlichen Eigenschaft die besten Bedingungen für die größte Menge zu geben, kann auch ohne Systemfrage diskutiert werden, um vernünftige Ergebnisse zu erzielen. Wer dabei ein System über das andere stellt und meint die Bekämpfung der Natur oder ihre Überwindung könne vernünftige Ergebnisse dauerhaft bringen, ist meist weit von der Realität entfernt und damit demokratisch nicht diskursfähig, was sich seit vielen Jahren immer wieder bestätigt. Vielleicht wäre eine Anerkennung der Natur statt ihre vermeintlich moralische Bekämpfung zielführender als die bisherigen Versuche mehr Gerechtigkeit zu erreichen. Doch bedeutete dies, die Aufgabe traditioneller schlichter Glaubenssätze, was wohl für viele ergo unfrei denkende, eine zu große Aufgabe sein könnte, doch stirbt die Hoffnung auf mehr Vernunft zuletzt.

Insofern Christina von Braun in ihrem sonst hervorragenden Buch dabei ein wenig den Pfad der Freiheit verlässt und die Systemfrage zumindest andeutet, sehe ich ihre Schlußfolgerungen diesmal eher kritisch. Der Vergleich von Geld und Blutkreislauf scheint mir dagegen naheliegend, insofern er auf die natürliche Bedeutung dieses Zahlungsmittels hindeutet. Geld ist, mehr nicht, wir können es benutzen. Es ist weder an sich moralisch noch unmoralisch. Diese Betrachtung ist so falsch, als wollte ich Atem, Verdauung oder Sexualität einem moralischen Urteil unterwerfen, die doch nur Teil unserer Natur sind, was zeigt wie falsch der autoritäre Ansatz der meisten Sekten ist.

Unter Anerkennung der Natur und ihrer Tatsachen, könnten Formen gefunden werden, die einen Diskurs über die beste Zukunft vernünftiger gestalten würde und Marx mit seinen totalitären Theorien ins Museum der Geschichte schickte, wo er mit anderen Gläubigen eine Schreckenskammer der Geschichte menschlicher Anmaßung bilden könnte

Blutkreislauf des Geldes ist kein schlechter Vergleich, insofern er auf die Natur verweist, mit der wir leben und aus der wir das beste ihr entsprechend machen können, statt sie autoritär oder totalitär mit beschränktem Horizont bekämpfen zu wollen. Zumindest wäre eine solche Betrachtung vernünftiger und aufgeklärter als viele Diskussionen zum Thema Kapitalismus, die häufiger von beiden Seiten vom Glauben geprägt sind.

Bliebe noch die Frage, ob konsequent familiär eher geführte Unternehmen bis heute erfolgreicher sind als etwa Aktiengesellschaften. Bei der AG wird die Verantwortung delegiert und damit meist eher deantwortet, während Familienunternehmen von persönlich verantwortlichen Unternehmern geführt werden, die auch im Sinne einer Tradition und Verantwortung für die folgenden Generation handeln.

In der Geschichte gibt es zahlreiche Unternehmen, die den größeren Erfolg solch traditioneller Unternehmen bestätigen können, auch wenn immer wieder aufflammende Diskussionen über dabei gescheiterte Unternehmer und die Krise etwa des Mittelstandes dagegen zu sprechen scheinen, sprechen die Zahlen eine klare Sprache, die durch Ausnahmen nur bestätigt wird.

Ein interessantes Beispiel in der aktuellen Diskussion ist der große Software-Konzern SAP, der sich an seine Traditionen hält, lokal zu bleiben und wichtige Führungspositionen, möglicherweise auch bald im Aufsichtsrat intern mit Kräften aus der Region besetzt und dafür die zeitweise dominanten Manager amerikanischer Kultur verabschiedet, nachdem sie erkannten, was zu ihnen passt. Gerade die Diskussion über den möglicherweise verzögerten Rückzug von Hasso Plattner als Vorsitzenden, der noch einer der Gründer ist und seinen diskutierten internen Nachfolger, der eher als lokale Größe gilt, aber der Tradition verpflichtet ist, zeigt dies. Sie wird von manchen Führungskräften und Journalisten mit Blick auf Amerika und seinen wichtigen Markt kritisiert. Wer hier besser die Zeichen der Zeit zu lesen vermag, wird sich noch zeigen.

Traue mir hier kein inhaltlich kompetentes Urteil zu, weiß zu wenig vom Unternehmen noch verstünde ich den Weltmarkt, beobachte aber erstaunt und mit gewisser Sympathie, wie ein Hasso Plattner langsam seinen Abschied altersgemäß organisiert, aber sich dabei überraschend auf alte Traditionen besinnt, statt eine weitere Anpassung eines erfolgreichen Unternehmens an den seltsamen Nachbarn im Westen zu fördern und damit auf Pferde zu setzen, die ihren Zenit möglicherweise bereits überschritten haben, sich also lieber an die eigene Geschichte hält und sich damit relativ treu bleibt, den erfolgreichsten DAX-Konzern so weiterführen möchte, wie er anfing, was vielleicht dem ähnelt, was Familienunternehmen erfolgreich hält und so scheint mir die momentane Entwicklung dort eher beruhigend, aber zum Glück muss ich nichts davon verstehe, beurteile es nach dem Gefühl und denke, das Familie wohl in manchem ein gutes Vorbild sein kann, um die Zukunft im Bewusstsein der Tradition zu gestalten.

Vielleicht erledigen sich so manche exzessive Ausflüge auch im Bankgewerbe und wir kehren zu einer Tradition zurück, mit der die Hanse länger und zuverlässig gute Geschäfte machte, nämlich, wie es Thomas Mann so treffend im Wahlspruch der Buddenbrooks beschreibt, nur des Tags solche Geschäfte zu machen, das wir des Nachts gut schlafen können und also auch sozial verantwortlich zu handeln, statt zu hoffen mit riskanten Wetten, exorbitante Gewinne zu erhaschen, sein gutes Auskommen zu finden, um glücklich zu leben. Dann liegen Handel und Markt wieder in der Natur des Menschen und die Aufgabe des Staates ist es nur für gerechten Ausgleich zu sorgen mit weniger autoritären Regeln oder weltfremden Phantasiemodellen, wie dem des Sozialismus, als ein Beispiel für autoritäre durch Glauben geprägte Ordnung, sondern Freiheit und Gleichheit, was eine bessere Zukunft verspricht als ständige Zweifel und sich dem fügt, was eben in der Natur liegt, statt sie zu bekämpfen. Das Geld ist dann nur ein Mittel zum Zweck und kein böser Teufel, sich bei allem an der Familie zu orientieren, also auch mit Liebe und Verantwortung zu handeln, könnte ein guter Anfang sein.

jens tuengerthal 11.7.20

Freitag, 10. Juli 2020

Kusskommen

Kommen wir allein schon
Vom Küssen können wir zu
Kaum anderen mehr kommen
Als immer wieder uns küssen
Um zusammen zu kommen
Im Kuss verschlungen dann
Gekommen zungig innig
Käme wer immer kommt
Beim ersten Kuss selten nur
Dazu eindringlich zu werden
Ineinander wie überhaupt
Was doch schade wäre
Warum wir hoffentlich genug zu
Nie endenden Küssen kommen
Wenn wir endlich beieinander
Ankommen um da zu bleiben
Sind wir Helden dann wohl
Gekommen um zu bleiben
Nicht nur virtuell theoretisch
Was angekommen genug ist
Es dabei zu belassen

jens tuengerthal 10.7.20

Donnerstag, 9. Juli 2020

Inzüchtig

Welche Rolle spielt Inzucht noch in Familien und wann kam sie auf, fragte ich mich, bei der Lektüre des entsprechenden Kapitels in Christina von Brauns Buch Blutsbande und habe es genutzt, mich auch ein wenig über das allgemein schon bekannte hinaus zu belesen, erinnerte mich an den Skandal, als vor einigen Jahren ein Geschwisterpaar bekannt wurde, das mit gemeinsamen Kindern eine glückliche Familie bildete, was es nach deutschem Recht nicht durfte, wofür, wenn ich mich richtig erinnere, der Mann auch als Straftäter verurteilt wurde, was ich schon damals etwas seltsam fand, auch wenn die Empörung groß war und viele von der früher üblichen Inzucht auf den Dörfern raunten, bei der häufig Idioten rausgekommen wären, unklar blieb dabei nur, ob die raunenden zu den Opfern eher zählten.

Wann und wo hat die Inzucht begonnen und sind die Auswirkungen wirklich so einfach und offensichtlich, war die naheliegende Frage, die sich mir nun stellte und es scheint, dass dabei, wie so oft bei moralischen Verboten, vieles anders und weniger dramatisch ist, als angenommen, manches nur Meinung und Aberglaube ist, der von ganz anderen Interessen geleitet wird, wie so oft, wenn die Kirche ihre Finger im Spiel hat.

Im Hochadel gab es, schon mangels gleichwertiger Auswahl, bereits seit langem Inzucht und besonders das Haus Habsburg mit seiner österreichischen und spanischen Linie tat sich dabei, auch phänotypisch sichtbar, seit dem 16. Jahrhundert besonders hervor, wobei das Problem sich mit dem Erbe Frankreichs und dem für Frankreich siegreichen Erbfolgekrieg ja erledigte. Ansonsten hat der Hochadel über Jahrhunderte immer wieder untereinander geheiratet und ist damit in vielen Fällen relativ eng noch verwandt. Auch dort waren Geschwisterehen, anders als etwa bei den alten Ägyptern verpönt. Überhaupt hatte das Christentum ein relativ rigides Inzuchtverbot über Europa und die christliche Welt gelegt, wodurch diese Praxis, außer im personell beschränkten Hochadel, der die Güter beisammenhalten wollte, nicht sehr verbreitet war, es zumindest für die katholische Welt dafür eines päpstlichen Dispenses bedurft hätte, der für gewöhnlich schwer zu erreichen war.

Die anfänglich noch wenigen regierenden protestantischen oder reformierten Häuser heirateten untereinander, was auch die Auswahl ein wenig einschränkte aber keine größere Nähe brachte, als sie das Haus Österreich seit Karl V. praktiziert hatte, dem Sohn von Isabella der Wahnsinnigen, dahingestellt ob der ihr unterstellte Wahnsinn nach dem Tod ihres Mannes, des schönen Philipp von Austria durch Inzucht also Erbkrankheit, die dominant auftrat, ausgelöst wurde oder Produkt ihrer großen Trauer und damit Zeichen wirklich großer Liebe war, die bei den königlichen Hochzeiten zwar selten blieb aber dennoch nicht notwendig mit Wahnsinn gleichgesetzt werden muss. Die Ehe ihrer Eltern, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon hatte Spanien erst begründet und mit der Vertreibung der Mauren und Juden sich auch die heute Spanien genannten Gebiete erobert auf Kosten der Toleranz.

Aber jenseits der damals regierenden Häuser kann das Gerücht dörflicher Inzucht so nicht bestätigt werden. Die Kirche hatte strenge Regeln aufgestellt, die erst viel später aufgeweicht wurden und zwar primär aus finanziellen Interessen im aufstrebenden Bürgertum und das auch erst nachdem die Kirche ihre regierende Macht in Deutschland mit dem Reichsdeputationshauptschluss, der infolge der Niederlage gegen Napoleon zur Säkularisierung der Kirchengüter und der anschließenden Auflösung des alten Reichs führte, also ab 1806.

Die vermögenden Familien hatten ein Interesse, das Geld in der Familie zu halten, warum die sonst verpönten Heiraten zwischen Cousins und Cousinen teilweise auch schon im ersten Grad üblich wurden, also diejenigen, die ein gemeinsames Großelternpaar hatten und deren Eltern noch Geschwister waren. Diese Personen dürfen auch heute noch heiraten, sofern sie keine nachweislichen schweren Erbkrankheiten haben, die bei Kindern dominant auftreten könnten. Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit dafür nur bei etwa 6,25% gegenüber 2-4% bei nicht blutsverwandten Paaren. Dagegen läge die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Erbkrankheiten, deren Anlage wir alle zu bestimmten Teilen in uns tragen, bei Geschwistern oder Eltern-Kinder Fortpflanzung bei 25%, während er bei Vettern 2. Grades nur bei 1,5% läge, also niedriger als unter nicht blutsverwandten Menschen, was den von keiner tieferen Kenntnis getrübten Betrachter dieser wissenschaftlich belegten Statistik doch erstaunte.

Erstaunlicherweise hat sich bei Ehen unter Vettern des 2. bis 3. Grades in Island gezeigt, dass diese Ehen über Jahrhunderte die meisten gesunden Kinder hervorbrachten und überdurchschnittlich stabil waren. Dieser Faktor könnte in den eher aussterbenden europäischen Nationen, die durchschnittlich deutlich unter 2 Kinder haben, zu interessanten Schlussfolgerungen führen, die aber bisher noch nicht diskutiert wurden. Vielleicht werden auch neue Formen künstlicher Fortpflanzung manche Debatte entbehrlich machen, wenn bereits jetzt manche Frauen sich Samen vermeintlich besonders begabter Menschen zur künstlichen Befruchtung ihrer Eizellen erwerben können, was immer diese zufällige Neukombination an potenziellem Genie schaffen kann, was nach allem, was wir wissen, relativ unwahrscheinlich ist, aber manchen einiges wert wäre.

Sofern wir künftig mehr künstlich befruchten, vielleicht auch weil die Impotenz der verbleibenden Männer durch den hohen Anteil von Pillenrückständen im Trinkwasser noch weiter zunimmt, könnten wir auftretende Erbkrankheiten und ähnliche Probleme wohl bald ausschließen, womit der Geschwisterehe gesundheitlich nichts mehr im Wege stehen müsste, dahingestellt, ob das sozial erstrebenswert wäre, bräuchte zumindest die Pönalisierung eine neue Begründung, da die alte nicht mehr haltbar wäre und die moralischen Gebote einer bloßen Glaubensgemeinschaft können in einer aufgeklärten, säkularen Gemeinschaft nicht genügen, einen Straftatbestand zu begründen, der ohnehin fragwürdig ist, wie der bekannt gewordene Fall gezeigt hat, in dem, unter großer Anteilnahme einer sich mit Schaum vor dem Mund empörenden Öffentlichkeit, eine heile und gesunde Familie mit den Mitteln des Strafrechts zerschlagen wurde, nur weil es so üblich ist und die Kirche aus Gründen ihres Machtzuwachses so betimmt hatte.

Das strenge Inzuchtverbot hängt auch mit der Hoffnung der Kirche zusammen, dadurch die Fortpflanzung zumindest teilweise verhindern zu können und so zur legitimen Erbin zu werden, was die Kirche etwa in Frankreich und Italien teilweise zur größten Grundbesitzerin gemacht hatte, die aber, des Zölibats wegen, ihre Güter immer neu verteilen konnte, was sie zu einem enormen auch politischen Machtfaktor machte, um den insbesondere im Mittelalter noch mit deutschen Kaisern viel gestritten wurde, vom immer wieder abgesetzten Barbarossa, dem Staufer Friedrich, bis zu Heinrich IV., dem Salier, der für den päpstlichen Segen barfuss um Canossa ging.

Dies ist alles keine Frage der Inzucht aber zeigt, was passiert, wenn ein mächtiges Vermögen, das ohne Bluterben weitergegeben wird, in Konfrontation mit einer Macht steht, die sich noch um legitime Erben selbst bemühen muss, denen die Kirche wiederum strenge Auflagen für die Partnerwahl und die Legitimität ihrer Kinder machte, die einmal erben dürfen. Die Kirche hatte als designierte Erbin, ein Interesse daran, die legitime Nachfolge zur erschweren, um sich am verbleibenden Vermögen bereichern zu können. Betrachten wir die rigiden Regeln zur Inzucht der katholischen Kirche, die bis zum 6. oder 9. Grad teilweise reichten, liegt es wohl nicht völlig fern, hier eine Interessenkollision anzunehmen, die den moralischen Wert dieser Regelungen sehr infrage stellt. Abgesehen davon, welchen moralischen Wert Regeln überhaupt haben können, die sich statt auf individuelle Haltung auf Anweisung erdachter höherer Wesen beziehen, ist es erstaunlich, wie gut das moralische Diktat der Kirche bis heute funktioniert hat und wie klar die moralische Verurteilung gegenüber der Inzucht immer noch ist.

Sind diejenigen, die dort urteilen, nicht fähig, sich selbst ein kritisches Urteil zu bilden, plappern sie einfach nur nach, was ihnen vorgekaut wird, oder ist es, wie so oft bei moralischen Verurteilungen der Leben anderer Menschen, mehr die Furcht vor dem Fremden, die viele so extrem reagieren lassen?

Vielleicht ginge es besser und friedlicher auch bei der Betrachtung dieser Fälle zu, wenn wir statt alte bigotte Vorurteile zu pflegen, uns lieber an Tatsachen hielten, die etwa besagen, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Erbkrankheiten unter Vettern 2. Grades geringer ist als unter nicht blutsverwandten Personen und wir seit Jahrhunderten in unserem moralischen Urteil einer geschickten Politik der Kirche aufgesessen sind, die eigene pekuniäre Ziele dabei  verfolgte. 

Ist die Inzucht oder die Geschwisterliebe moralisch schlecht oder zu verurteilen?

Sehe dafür keinen Grund, wie ich überhaupt keinen Grund erkennen kann, je über die Liebe zu urteilen, wohin sie eben fällt. Die Liebe ist, was sie ist, freuen wir uns, für diejenigen, die sie finden, statt ihr moralisch falsche Grenzen zu ziehen, die nur der Bereicherung einer Institution des Aberglaubens diente, der moralisch ohnehin längst fragwürdig geworden, eher ein zu überwindender sein sollte, statt noch immer in den Köpfen vieler Menschen der Liebe Schranken zu setzen.

Hatte nie vor meine Schwestern zu heiraten, es war schon der Gedanke an Sexualität ihnen gegenüber für mich ein absolutes Tabu, wie es in unserer Gesellschaft relativ normal ist - aber alle Tabus gelegentlich nach Sinn und Zweck zu hinterfragen, scheint mir wichtiger als einen mutmaßlichen Erbschaden sicher auszuschließen. Die Griechen hatten weniger Probleme mit Inzucht, auch wenn die Geschichte des Ödipus aus ihrer Tradition stammt, waren ihre moralischen Urteile flexibler und vernünftiger als einige alte christliche Zöpfe hier, die zu hinterfragen dem freien Denken gut tun könnte. Was die Freiheit fördert, kann nicht schlecht sein, auch wenn ich sicher kein Fürsprecher der intrafamiliären Fortpflanzung bin, Neukombination des Genpools ist vermutlich gesünder, auch wenn die Statistik etwas anderes vermuten lassen könnte, scheint mir zumindest, die im pekuniären Interesse der Kirche entstandene moralische Verurteilung immer fragwürdiger und fragwürdiges zu hinterfragen, finde ich immer besser.

jens tuengerthal 9.7.20

Regenlauschen

Lausche dem Regen
In tropfender Harmonie
Ist alles Natur

jens tuengerthal 9.7.20

Mittwoch, 8. Juli 2020

Männersterben

“Viele Thiere werden ganz aussterben; so auch das Geschlecht der Männer,”
Friedrich Schlegel

Sterben die Männer aus oder nur eine Sorte von ihnen?
 
Der Eduard der Wahlverwandtschaften stirbt über den Tod seiner Liebe, ein für Männer weniger ungewöhnlicher Tod als für Frauen, wie uns die Statistiken bis heute bestätigen, in denen die Zahl der männlichen Suizide weit über denen der Frauen liegt, was nicht mehr nur eine Frage der Ehre ist. Nicht die wenigsten seit der Romantik auch aus verzweifelter Liebe. Während Frauen immer besser auch mit der Situation als Alleinerziehende klarkommen, denn der größere Teil unter diesen sind immer noch Mütter, fallen Männer häufiger in ein Loch, aus dem manche nie wieder herausfinden, gefangen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, Selbstzweifeln und zu großen Gefühlen.

In einer Zeit zwischen den Zeiten, in der auf der einen Seite das Ideal des rücksichtslosen Chauvis durch politische Führer wie Trump, Putin, Bolsonaro oder Erdogan, die dem Populismus huldigen, wieder Konjunktur hat, finden viele Männer schwer ihre Position. Einerseits werden solche alten vorgestrigen Typen von den meisten vernünftigen Frauen verachtet. Andererseits ist das Eingeständnis von Schwäche nicht unbedingt dem Erfolg förderlich, finden die schlichten Sprüche wieder so großen Zulauf, als hätte es weder eine Aufklärung noch die Befreiung nach 1968 wie die Hippies danach gegeben, suchen Menschen in Krisenzeiten gerne starke Führer.

Kein Schwächling sein und dennoch nicht auf die schlichten Sprüche der Populisten hereinfallen, seine Männlichkeit auch bei Hausarbeit nicht zu verlieren, ein nachdenklicher Kümmerer sein, aber seine Liebste mit einem Zigarre rauchenden Chauvi abziehen sehen, macht den Drahtseilakt der neuen Männlichkeit nicht immer einfach, lässt manchen verzweifeln.

Als auch jahrelang Hausmann, weil die Mutter der Tochter einfach mehr verdiente, beruflich erfolgreicher war, kenne ich die schrägen Blicke mancher Frauen, wenn du sagst, du machst den Haushalt, kümmerst dich ums Kind und versuchst nebenbei noch deinen Roman zu schreiben, womit meist nichts vollständig erledigt oder zumindest zur eigenen Zufriedenheit geschafft wurde.

Männlichkeit wird heute sehr stark durch beruflichen, also pekuniären Erfolg definiert, der sich dann zu gerne in entsprechenden, die Schwanzlänge demonstrierenden Karossen demonstriert. Natürlich lacht jede vernünftige Frau über solche Typen nur, sagt dir die aufgeklärte Vernunft, wenn du dann aber mühsam mit Kind und Fahrrad beim Eisholen balancierst und die Schönen in den Porschen steigen, kann, das, so schlicht und unsinnig es natürlich ist, schon am Ego des Hausmanns kratzen und es braucht lange Übung, sich vom Wahn des Konsums innerlich so zu befreien, dass du weißt, wer sich für diese Typen interessiert, ist ohnehin uninteressant, wäre nicht einmal eines Blickes wert, wobei es natürlich auch die sympathischen Porschefahrer gibt, um hier nicht eine neue Kiste Vorurteile zu öffnen.

Aber Potenz hängt eben gesellschaftlich auch am Einkommen und am Erfolg für viele, während der Verzicht darauf eher als Impotenz und Unfähigkeit gesehen wird, denn als klare Konsequenz aus einem ungesunden System und wer wollte nicht erfolgreich und stolz sein, mit dem glänzen können, was alle haben?

Während sich reiche Russen mit Symbolen ihrer Potenz wie jungen Damen gerne umgeben, alles am Geldwert und Gewinn gemessen wird, kann sich ein schlichter Feingeist und Literat, der nichts als dichten und Geschichten erzählen kann, schon manchmal sehr klein fühlen und muss dann die Isolation oder anderweitige Kompensation suchen, nicht unterzugehen und übersehen zu werden, dahingestellt ob es in solchen Zeiten ein Verlust wäre.

Einerseits beteuern die meisten Frauen, sich genau so einen zärtlichen und einfühlsamen Mann zu wünschen und diese Chauvis mit ihren Statussymbolen nicht ausstehen zu können, fluchen, wenn sie wieder auf einen hereinfielen mit dem erwartungsgemäßen Ergebnis, andererseits suchen sie sich auch immer wieder genau diese Typen aus, funktioniert das Laute besser als die feinen, leiseren Töne. Dann wird dir zwar versichert, diese Typen seien alle grauenhaft im Bett, Schnellspritzer, die sich nur um sich kümmern, kein Gefühl für weibliche Bedürfnisse und doch frage ich mich dabei immer wieder, warum dann so viele Frauen ihre Erfahrungen mit genau diesen Typen sammeln wollen, auf was sie dabei hoffen.

Glaube nicht, eine Antwort auf diese komplexe Frage zur weiblichen Psyche mit meinem schlichten männlichen Verstand finden zu können, gebe die Suche danach lieber vorab auf und fragte lieber entsprechend, ohne durch die Antworten klüger geworden zu sein. Häufigste Antwort war, das fragten sie sich auch, danach kam die Hoffnung auf den guten Kern, der sich doch nur hinter diesen Symbolen tarne, ihnen das übrigens völlig egal wäre, sie nicht beeindrucken würde, es nicht auf die in PS dargestellte Schwanzlänge ankäme sondern allein auf Gefühl und Verlässlichkeit.

Ob der letztere Punkt vielleicht der entscheidende ist, weil allein der Unterhalt eines PS starken dicken Wagens schon ein stets gut gefülltes Portemonnaie braucht, also so einer in der Tradition der Sammler und Jäger zumindest Aussicht auf Mahlzeiten, Unterhalt und gelegentliche Geschenke bietet, konnte ich nicht letztlich verifizieren. Zwar streiten nahezu alle Frauen ab, dass ihnen das bei der Partnersuche wichtig wäre, aber völlig wirkungslos scheint es in der Praxis doch nicht zu sein, dahingestellt, ob es einen der Beteiligten glücklich macht, du je kaufen kannst, was angeblich alle suchen, nämlich Vertrauen und Liebe.

Habe seit vielen Jahren keine Schwanzverlängerung in Blechform mehr und muss mich darum voll auf meine Natur verlassen, die auch manches unter dem schwankend seltsamen Männerbild gelitten hat, auch wenn ich nicht undankbar erscheinen möchte. Die größten Gegnerinnen der Chauvis der Rede nach, sind nicht unbedingt die ersten, die weglaufen, wenn ein solcher sie einlädt. Darüber fluchen manche Männer, die das Lästern über die Porsche Fahrer kennen aber seltener jemand auf ihrem Gepäckträger mit nach Hause bringen. Kann mich in dieser Hinsicht nicht beklagen über die letzten zehn Jahre, vielleicht war der Konsum an geschlechtlichen Kontakten sogar nicht unterdurchschnittlich, dennoch kenne ich das Nagen des Egos, was sich bei vielen der so entmannten Typen dann in um so aggresiveren Reden gegen die Autolobby und die Schlichtheit der Frauen äußert, die allerdings, so weit ich es beobachten konnte, selten sehr zielführend hinsichtlich ihrer Sehnsucht war.

Jede Zeit hat ihre Statussymbole und wenn Fürst Pückler-Muskau im 19. Jahrhundert mit weißen Hirschen Unter den Linden spazieren fuhr, ist das vergleichbar denen, die im offenen Tesla mit Sonderlackierung beim hiesigen Eissalon in Prenzlauer Berg vorfahren - darüber können wir lächeln und uns sagen - wenn sie es tun und nötig haben, scheinen ihre Zweifel an der eigenen Männlichkeit noch viel größer zu sein als die eigenen, dass sie so etwas nötig haben - was aber nur solange hilft, wie die Ironie größer als der Zweifel ist. 

Konsumgüter die Neid wecken, Männlichkeit demonstrieren sind vermutlich so alt wie die Menschheitsgeschichte und reichen vom Hinkelstein über die Pyramide bis zum idealen Faustkeil. Vermutlich schlagen sich Männer auch seit ebensoviel Generationen mit diesem Problem und den entsprechenden Zweifeln an ihrer Männlichkeit herum, die zu widerlegen, je nach persönlicher Situation unterschiedlich schwer fällt. Sich ganz auf sich zu besinnen und damit zufrieden zu sein, kann vermutlich helfen, mit sich glücklich zu werden, ist aber bei der Partnersuche nicht unbedingt das Erfolgsmittel Nr. 1.

Schlegel mutmaßte über das Aussterben der Männer zur Zeit der Romantik vor ungefähr 200 Jahren. Eingetreten ist es immer noch nicht. Stattdessen wählt eine Minderheit der Amerikaner einen Bilderbuch-Chauvi mit einer zu jungen operierten Frau ohne jede politische Erfahrung oder Ahnung ins Amt, der enormen Schaden für das Land und die Welt verursacht hat, so ungebildet wie einfältig ist, aber gerne mit seiner Potenz protzt. Ob dieses völlig überholte Männerbild, das uns nachdenkliche gefühlvolle Männer vor immer wieder unangenehme Situationen stellt, nun aussterben wird, wie es Christina von Braun in ihren Blutsbanden für wahrscheinlich hält, scheint mir bis heute eine schnöde Hoffnung, zumal es genug Frauen gibt, die solche Typen toll finden oder sich von ihrer Männlichkeit anziehen lassen, ohne darum gleich blöd zu sein.

Während für eine intelligente, emanzipierte Frau solche Typen nur ein Brechmittel sein sollten, ist der Erfolg dieser Populisten - ob in Russland, Brasilien, auf den Philippinen oder in den USA noch immer groß und Erfolg macht bekanntlich anziehender als die ewigen Selbstzweifel, die jeden nachdenklichen Intellektuellen zumindest von Zeit zu Zeit beschleichen müssen und sei es nur die Verzweiflung darüber, dass solche Typen Erfolg haben.

Frauen bekunden gerne auch öffentlich ihre Verachtung für solche Typen und lästern über die Lächerlichkeit der Schwanzverlängerungen, bis sie die Wahl haben, ob sie sich auf den Gepäckträger oder in die gepolsterten Ledersessel setzen, was ja natürlich und verständlich ist, würde es auch nicht immer anders machen. Hatte auch schon mehr als eine hochmotorisierte Liebhaberin und würde lügen, behauptete ich, dieser Sex-Appeal ließe mich völlig kalt.

Vielleicht liegt ein Schlüssel aus diesem Dilemma beschnittener Männlichkeit darin, dass sich Dichter und Intellektuelle künftig am besten zu den Damen mit Cabrio, Geländewagen oder Porsche setzen, um so herauszufinden, auf was es den selbständigen und erfolgreichen Frauen wirklich ankommt. Ob damit ein bestimmter Typ von Mann ausstirbt, die Tage der Casanovas gezählt sind oder ein echter Casanova ohnehin immer nur mit seiner Liebe zu den Frauen und nicht mit seinem Vermögen überzeugen konnte, könnte eine spannende Frage der Zukunft werden und vielleicht sollten sich Männer weniger Sorgen, um ihr Aussterben oder das eines Teils ihrer Gattung machen, als darum, wie sie erfolgreicheren Frauen gefallen könnten und auf was es dafür ankommt. Vermute Christina von Braun hoffte heimlich auf das baldige Ende der Trump-Typen, aber was weiß ich schon, was Frauen wirklich wollen.

Zumindest wäre es spannend, das Spiel zu verändern, den Damen mit dicken Autos die Wahl zwischen den besseren Liebhabern zu lassen - aber vielleicht ist das auch nur eine typisch chauvinistische Betrachtung des ewigen Spiels, an dem sich nie etwas geändert hat als Mittel und Technik der Triumphe, die eigenen Erfolg darstellen sollen - dabei wollen wir doch eigentlich alle nur geliebt werden, was weder käuflich erworben noch durch hohe PS-Zahlen erreichbar ist, manchmal vergessen wir es nur im Eifer des Gefechts. Ob meine Entscheidung, ohne Auto zu leben, klug und erfolgreich war, mögen die Nachfolger entscheiden, zumindest ist sie relativ unschädlicher und weniger anstrengend als dieses Quartettspiel um sexuelle Gunst - sicher kann ich mir natürlich nicht sein und über Zahlen wird zu meinen Lebzeiten nicht mehr gesprochen. 

Manche behaupten sogar, es käme weder auf Länge noch Größe ab, sondern allein auf den emotionalen Inhalt, was mir weder noch nun Sorge machte und doch wird zweifellos wohl nur immer sein können, wer zu schlicht ist, mehr als sich zu sehen, was mich nicht erfolgreicher macht aber im Zweifelsfall zufriedener - die Richtige wird merken, worauf es wirklich ankommt und was übrig bleibt, war es vielleicht wert, was nichts an den Zweifeln an der Männlichkeit ändert aber den dafür mehr vorm Spiegel zweifelnden Damen die Wahl überlässt - vermutlich bildeten sich auch nur ahnungslose Männer ein, es sei je anders gewesen, warum wir tun oder lassen können, was wir wollen, da wir die Grundlagen weiblicher Entscheidung in all ihrer Komplexität nie begreifen können, ist es wohl das beste, sie so zu genießen, wie sie fallen.

jens tuengerthal 8.7.20

Dienstag, 7. Juli 2020

Wahlverwandtschaften

Wählen wir uns Verwandtschaft oder werden wir unrettbar in sie hineingeboren?


Bedarf es da wirklich einer Etnscheidung, frage ich mich eher, gilt nicht vielmehr sowohl als auch, bei Begründung der Familie durch die Partnerwahl einerseits und das in sie hineingeboren sein andererseits. Beim einen spielen Wahl und heute auch Gefühl eine große Rolle, beim anderen hat es etwas natürlich unausweichliches, was wir nicht wählen sondern dessen Produkt wir einfach sind. Am wertvollsten scheint mir, was von Gefühl getragen ist, am nächsten lasse ich, was ich dazu erwählte. Fraglich könnte aber sein, wieviel Wahl uns das Gefühl noch lässt, wenn es wirklich groß ist, ob wir wählen oder uns bestimmt füreinander fühlen.


Im besten Fall ist die Familie von Gefühl und Zuneigung getragen, auch wenn dies immer von vielem anderen überschattet wird. Durch das Inzestverbot ist die Partnerwahl in der Familie ein wenig eingeschränkt, auch wenn heute ab dem ersten Grad unter Vettern und Basen geheiratet werden darf, sofern es keine nachweisbaren Erbkrankheiten gibt, wie weit unser Wissen da auch immer reicht, ist die Ehe unter Geschwistern wie eine dort körperliche Anziehung nicht ein Tabu sondern eine Straftat, was auch biologisch vernünftige Gründe haben kann, sich aber auch nicht negativ auswirken muss. Warum eine absolute Strafe einer relativen Gefahr gegenübersteht, die Freiheit einschränkt und auch darum natürlich fragwürdig sein müsste, wagten wir über Tabus zu reden. Ob das gut so ist, sei, jenseits aller moralischen Wertung, die meist andere Ursachen hat, einmal dahingestellt, es ist eine Straftat und so darf keiner die nächste Verwandtschaft als auch körperliche Liebe wählen, unter Geschwistern Sex haben, wobei es nicht um Gefühl sondern um formelle Normen geht, egal was die Beteiligten dabei empfinden, was immer wieder auch zu tragischen Entwicklungen führte.


Thomas Mann schrieb darüber in Wälsungenblut und persiflierte dabei typisch ironisch noch die wagnersche Walküre in der inzestuösen Liebe von Siegmund und Sieglinde als jüdischem Geschwisterpaar, kannte diese gefühlte Nähe, wenn nicht auch selbst, da ist nichts näheres bekannt, das Verhältnis zu Heinrich war nicht immer  einfach, so doch zumindest von seinen Kindern Erika und Klaus, die sich lange mehr als nahe waren und damit auch spielten.


In Goethes Wahlverwandtschaften dagegen geht es um den Konflikt zwischen Leidenschaft und Vernunft, als spiegelte er den zwischen Romantik und Aufklärung. Das zurückgezogen glücklich auf den, ein unbesorgtes Lebens ermöglichenden, Gütern lebende Paar, Charlotte und Eduard, das sich nach dem Tod ihrer ersten Ehepartner endlich finden kann, nachdem sie zuvor ihre schon Jugendliebe nicht leben durften. Sie beschäftigen sich mit der Ausgestaltung ihres Guts als idealem Landschaftspark und ihr Miteinander ist eher von tiefer Vertrautheit als von erotischer Anziehung oder Leidenschaft geprägt. Gegen Charlottes anfänglichen Widerstand, werden zwei Personen als Gäste auf das Gut aufgenommen, Otto und Ottilie, womit das Schicksal seinen Lauf nimmt. Eduard verliebt sich leidenschaftlich in die spirituell romantische Ottilie und die vernünftige Charlotte kommt dem tatkräftig diesseitigen Otto näher, als fänden beide ihr ideales Gegenstück und die romantische Zweisamkeit, die sehr vernünftig eigentlich war, im Park endet.


Der Vollzug dieser Liebe geschieht vorerst nur im Traum, was aber für beide genügt, davon überzeugt zu sein, sich ihren Partner gewählt und damit gesündigt zu haben. Ein daraus geborenes Kind von Eduard und Charlotte trägt Ottos Züge und so wird die Wahlverwandtschaft, die als Begriff aus der Chemie kommt, auch nach außen sichtbar. Wahlverwandtschaft in der Chemie meint eine Form der Abstoßung und Anziehung, bei der die stärkere die schwächere Säure aus ihren Salzen verdrängt. Goethe überträgt diese wissenschaftliche Begrifflichkeit auf die Beziehungen der Paare und vermischt in diesem, zu seinen Spätwerken zählenden Roman, Elemente der Aufklärung mit denen der Romantik. Dies auch in der Tragik der Entsagung, die Ottilie wählt, die magersüchtig wird und sich zu Tode hungert oder Eduards, der seiner jungen Geliebten schließlich in den Tod folgt. So gilt der Roman als Goethes bester und zugleich rätselhaftester.


Die Wahlverwandtschaft geht nicht gut und Eduard, der noch für die zeitlich begrenzte Liebe und neue Partnerwahl plädierte, stirbt am Tod seiner großen Liebe, die er nie leben durfte, folgt ihr, weil er ohne sie nicht mehr sein kann und will, der sich Ottilie durch das tragisch romantische Element der Entsagung entzog, was das Verhalten ganzer Generationen von Frauen infolge beschrieb, die sich für die Liebe oder auf der Suche nach ihr zu Tode hungerten, gleiches immer noch tun. Ottilie gab sich die Schuld am Tod des Kindes, das sie tragisch ins Wasser fallen ließ, Charlotte sucht die Schuld eher bei sich, lässt nachdem sie Eduards Drängen auf eine Scheidung nachgegeben hat, Otto mit unbestimmter Antwort zurück. Die beiden bleiben nach dem Tod von Eduard und der sich wortlos zu Tode hungernden Ottilie übrig, aber es gibt kein glückliches Ende und keinen einfachen Sieg der Vernunft gegen das tragisch tödliche Gefühl der Romantik, was auch zu nichts glücklichem führte. Immerhin haben die vernünftig, aufgeklärt handelnden Personen überlebt, während die großen Romantiker mit aller Tragik starben.


Lehrt uns dieses große Stück Weltliteratur etwas über die romantische Liebe und ihr notwendig tragisches Ende, weist es auf die Grenzen auch der vernünftigen Wahl hin, die gegen die Übermacht des Gefühls wehrlos ist, was wäre der richtige Lebensstil, um bis ans Ende seiner Tage im nahezu paradiesischen Garten, glücklich zu leben?


Eine Jugendliebe, die ohne zu große Leidenschaft, glücklich endlich miteinander lebt, alles nötige hat, glücklich damit ungestört leben könnte, zurückgezogen von der Welt, scheitert im selbst geschaffenen Paradies am Dazukommen Dritter, mit denen das Element großer Gefühle hinzutritt, was seinen eigenen Gang geht, der scheinbar nicht mehr vernünftig kontrollierbar ist, bis in die Träume hineinwirkt, die plötzlich das ganze Leben verändern und zu bestimmen scheinen.


Im Geist der Aufklärung betrachtet, für den Schiller lauter plädierte als Goethe, der zumindest das romantische auch zuließ und nicht nur in Kur noch manch romantischen Flirt als älterer Mann begann, ist die romantische Liebe gescheitert und endete tödlich, wie es auch konsequent Goethes Werther erlitt, von dem sich der Geheimrat distanzierte, weil ihm die vielen romantischen Nachfolger zumindest darin so suspekt waren, wie der Tod überhaupt. Die aufgeklärte Lehre wäre ein glückliches Leben von Otto und Charlotte nach den Grundsätzen der Vernunft im wunderbaren Garten gewesen. Dazu kommt es im Roman aber nicht.


Dem Geist der Romantik entspricht das tragisch, tödliche Ende der Liebe und wie die größere romantische Kraft ein wunderbar geordnetes Leben verwüsten konnte, weil die Liebe stärker als alles ist und so auch alle Pläne umwirft, jede Ordnung beseitigen kann, sie urwüchsige Kraft unserer Natur ist. Wie sehr gescheiterte Liebe ein Leben verwüsten kann, bis die Beteiligten es völlig aufgeben, kennt, wer je wirklich und tragisch geliebt hat, was nie vernünftig und ruhig enden kann, weil Gefühle eben selten gelassen bleiben, sondern ihrem Wesen nach eben impulsiv sind, dahingestellt, ob das gut so ist.


Nehme ich den Landschaftsgarten von Charlotte und Eduard als Garten des Epikur, indem sich freie Geister, beider Geschlechter trafen, um zu philosophieren und dies frei zu genießen, entsprach, was die beiden hatten nach Epikur schon einem Idealzustand. Ein Brot, ein Wein, ein Käse und Freunde im Garten, war, was Epikur als Traum vom Leben beschrieb. Ist ein plötzliches Gefühl, was uns daran hindert, diesen Zustand auf Dauer und friedlich zu genießen, je etwas Gutes oder immer der Anfang allen Unglücks, quasi die Büchse der Pandorra, weil es uns auch die Freiheit raubt?


Folge ich Epikur und betrachte das Ganze mit Kant kritisch vernünftig, würde ich es klar so sehen. Hätte ich eine Frau, mit der ich dieses Glück teilen könnte, wobei mir die Bibliothek wichtiger als der Garten wäre, die Cicero noch für gleichgewichtig für das menschliche Glück und die Erfüllung aller Bedürfnisse hielt, wüsste ich nicht, was mich davon abhalten sollte, dies so lange nur irgend möglich zu genießen. Warum sollte ich mich auf eine Leidenschaft einlassen, die dies friedliche Glück im relativen Wohlstand gefährdete, denke ich, der eigentlich weiß, wie beschränkt die Dauer allen Glücks ist.


Dennoch habe ich mich immer wieder und teilweise, vernünftig betrachtet, völlig unsinnig, der romantischen Liebe ganz hingegeben, hätte mein Leben dafür gegeben, weil mir die so gewählte Verwandtschaft und Nähe, größer als alles im Leben schien, auch wenn diese Sicht keiner vernünftigen Überprüfung standhielte, ich es auch aus schlechter Erfahrung eigentlich besser wissen könnte und, folgte ich konsequent den Grundsätzen der Aufklärung, nie auf eine solche Idee käme. Verhalte ich mich also meiner Natur gemäß wie Eduard und muss mit dieser immer wieder Tragik so lange leben, wie es eben geht oder warte ich nur noch auf die genauso vernünftige Charlotte, den paradiesischen Garten, respektive die weit mehr umfassende Bibliothek zu teilen?


Hoffe letzteres, weil es dann zumindest ein Ziel und einen Ausweg gäbe, ich den Garten zu würdigen wüsste, habe aber wenig praxistaugliche Belege für diese Auffassung bisher bringen können, sicher auch weil die Umstände meist waren, wie sie waren, eine Beziehung immer zwei Menschen mit je eigener Tragödie bilden und die Hoffnung zuletzt sterben sollte, vielleicht sogar mich überleben könnte, wobei es dann für mich auch völlig egal wäre.


So hoffe ich auf die auch naturwissenschaftlich ideale Konstellation, in der beide glücklich, ohne Missgunst oder sonstige psychische Auffälligkeiten, die häufiger vorkommen, als sich ein eher durchschnittlich verrückter Typ wie ich, vorstellen konnte, Leben Lust und Liebe teilen, um sich damit zu bereichern und das Leben in ihrem Garten und sei er auch gerne eine Bibliothek anstatt, genießen können, weil alles gut so ist, wir uns die beste aller Welten im Sinne das Candide immer selbst einrichten und bin überzeugt, dann vollkommen glücklich und unanfechtbar zu sein, nicht wie dieser Eduard, der einen Traum von Leben für eine hysterische Magersüchtige aufgibt, mit der es nie Erfüllung geben konnte, nur weil Träume und Triebe gelegentlich verwirrten und ich ermahne mich dabei nicht an die einer oder andere Verflossene zu denken.


Doch schrieb ich, ich hoffe es und will mich mit aller Kraft meines Verstandes darum bemühen, wüsste auch nichts, was mich daran hindern könnte, aber ob ich dessen gewiss sein kann, weiß ich natürlich nicht, weil es die Natur der Liebe eben auch ist, uns gelegentlich gegen alle Vernunft, bessere Erfahrung und Einsicht zu packen und durchzuschütteln, bis im so verwirrten Hirn sich kein vernünftiger Gedanke mehr zum anderen findet. Daran zu arbeiten, Glück zu halten und es zu stabilisieren, wäre ein erster Schritt, gedanklich eher Charlotte und Otto zu gleichen, ein weiteres Mittel, den romantischen Unsinn als solchen zu betrachten, zumindest eine zusätzliche Sicherung vor dem Absturz aber letzte Sicherheit gibt es auf dem Drahtseil der Liebe wohl nie und wer nicht, wie die Nibelungen einst, um des Goldes wegen, der Liebe ganz abschwört, wird, wo es um echte und geteilte Gefühle geht, auch balancieren müssen, um nicht ins Nichts zu fallen.


Die Verwandtschaft, in die wir hineingeboren wurden, weil zwei vor uns sich wählten, führt zwar auch gelegentlich zu mehr oder weniger großer Aufregung aber mit ihr können wir uns noch eher auch vernünftig arrangieren, weil die Umstände es erfordern, zumindest ist die Vernunft sicherer greifbar als im Falle der Wahlverwandtschaft, die alle folgende begründen soll. So steht aber auch die Blutsverwandtschaft immer auf emotional unsicherer Basis, die wir nur durch Institutionalisierung und stete Pflege stabilisieren können, warum das eigentlich unsinnige Institut der Ehe, die eine Liebe formalisieren will, also etwas an sich paradoxes tut, auch seinen guten Zweck hat, weil es schnelle Flucht verhindert und damit anderen Kräften entgegenwirken kann, die unsere Natur, ob im Traum oder wach, gelegentlich verwirren können.


So ist die Wahlverwandtschaft, die heute meist auf bloßem Gefühl basieren soll, eine stets unsichere Kandidatin aus eben diesen Gründen und zugleich die natürliche Basis jeder Familie und ihres Fortbestands, also Bestandteil des größten Kontinuums der Geschichte, ihre Anziehung entscheidet über Bestand und Entwicklung der folgenden Generationen mit. Was klug wäre, wissen wohl alle längst, zumindest wenn wir im Garten bleiben wollen, auch wenn das Wissen es nicht notwendig leichter macht, ob ich es irgendwann werde, möge die Nachwelt entscheiden - zumindest will ich mich darum bemühen, auch wenn der Garten gerne eine geteilte Bibliothek sein darf.


jens tuengerthal 7.7.20