Mittwoch, 24. Juni 2020

Liebesarbeit

Braucht Liebe stets Arbeit
Damit sie auch schön bleibt
Oder ist die Liebe vorbei
Sobald sie Arbeit wird
Weil Liebe einfach ist
Was sie ist und sich
Dabei völlig selbst genügt
Manche verwechseln Liebe
Mit Beziehung die immer
Arbeit ist dem Wesen nach
Weil zwei aneinander ziehen
Kompromisse braucht um
Auf Dauer zu funktionieren
Liebe kommt wie sie will
Geht wann sie möchte
Kann nichts versprechen
Schließlich ist sie nur ein
Gefühl - sonst nichts
Verstehe nichts davon
Kenne es aber gut
Weiß nicht wie ich je
Dori hingekommen bin
Noch wie ich sie loswerde
Wenn irgenwann unpassend
Liebe ist schwerste Arbeit
Weil keiner helfen kann
Nur jeder Bescheid weiß
Vielleicht wäre Leben leichter
Wäre ich diesbezüglich bloß
Arbeitslos aber leider macht
Die Liebe stets was sie will
Versuche es zu genießen
Manchmal übe ich noch
Nur ohne Liebe bliebe
Nichts mehr

jens tuengerthal 24.6.20

Blutreinheit

Gibt es reineres Blut und woher kommt diese Idee, die manche Menschen bis heute umtreibt?

Die Abgrenzung von anderen zur Verhinderung der Durchmischung kam über die Religionen auf und wurde zuerst in einem religiösen Zusammenhang verstanden. Das Christentum mit seiner Unterscheidung von gutem und bösem Blut, also dem der Opfer und Heiligen, gegenüber dem natürlichen Blut oder dem Regelblut, was mit der als unrein verstandenen weiblichen Sexualität in Verbindung gebracht wurde, legte die Basis für das, was im 19. Jahrhundert dann zu einem vermeintlich biologischen Rassismus wurde, der meinte Menschen nach dem Blut ihrer Abstammung unterscheiden zu können und dabei noch Aberglaube und Natur leichtfertig mischte, um so bestimmte Gruppen aus der Gemeinschaft der Guten zu verbannen, wie zugleich auch Rassismus zu begründen, der dann die Sklaverei rechtfertigte, weil bestimmte Gruppen minderwertig wären. Seinen Gipfel fand diese wirre Lehre ohne jede vernünftige wissenschaftliche Basis, auch wenn sie sich gern den ideologischen Anschein gab, in der Zeit des Nationalsozialismus. Es gibt keine menschlichen Rassen und die unterstellten Unterscheidungen im Wesen und Charakter danach sind ideologischer Aberglaube. Ob wir dabei als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommen, wie viel im Charakter Prägung und was Veranlagung ist, wäre eine andere Frage, die hier zu stellen, zu weit führte, bei der Suche nach den Gründen der Idee vom reinen Blut nicht weiterführt.

Die erste Unterscheidung kam schon im Laterankonzil von 1215 auf, das die Juden zur Kennzeichnung durch eine Kleiderordnung verpflichtete, um so die Vermischung zu verhindern. Es gab Judenviertel in den Städten und Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden auf unterschiedliche Weise aufgefordert, sich öffentlich zu kennzeichnen. Dazu dienten Judenhüte, Sterne und andere Zeichen. Mit Blut wurde es erst nach der sogenannten Befreiung Spaniens, der Reconquista, welche nach dem Sieg über die Muslime und deren Vertreibung aus Spanien 1492, auch die Vertreibung der dortigen Juden brachte.

Die jüdischen Bewohner Spaniens, die schon mit den Römern nach Spanien gekommen waren und länger dort lebten als die sich auf die Goten oder andere Vorfahren berufenden vorgeblich reinen Spanier, wurden nach dem Sieg von Grenada im Januar 1492, vor die Wahl gestellt, ob sie zum Christentum konvertieren oder das Land verlassen wollten und über 100.000 Juden verließen damals Spanien. Gegen die Konvertiten aber entwickelte sich ein großes Mißtrauen in Spanien, was schließlich zum Erlass der Statuten über die Reinheit des Blutes führte, nach denen, wer keine über mehrere Generationen reichende christliche Abstammung aufweisen konnte, von allen öffentlichen Ämtern und Privilegien ausgeschlossen war.

Infolge emigrierten auch die Vorfahren von Michel de Montaigne nach Frankreich und konnten sich dort ohne weitere Verfolgung erfolgreich etablieren, mit Michels Großvater so reich werden, dass sie ein Rittergut erwerben konnten wie einen Titel, der zur Steuerfreiheit führte. Aus dieser Familie wurden Teile Hugenotten und andere blieben wie Montaigne katholisch. Montaigne konnte in Frankreich Ämter bekleiden etwa als Bürgermeister von Bordeaux - auffällig aber ist die große Toleranz des Michel de Montaigne nicht nur gegenüber Andersgläubigen sondern auch bei Eingeborenen aus den Kolonien, die er als Menschen behandelt wissen wollte. So empfahl er mehr von ihnen zu lernen, als sich irgend überlegen zu dünken. Ob sich hier der Geist des toleranteren maurischen Spaniens seiner Vorfahren noch zeigte oder die Vernunft eines Menschen der im Geist der Renaissance erzogen wurde, der viele Texte römischer und griechischer Dichter las, mag ich nicht entscheiden, vermutlich spielt beides eine Rolle. Es war zumindest ungewöhnlich für die Zeit der Glaubenskriege und so gab Michel als Berater der Könige auch ein wenig den Nathan, dem es eher auf das ankam, was Menschen, egal welchen Glaubens, taten, als welchen Ring sie trugen aber dieser Ausflug in die Renaissance führt ein wenig weg vom Thema, soll nur zeigen, wie ein großer Geist, der nur ein Jahrhundert nach der Reconquista seine großen Werke schrieb, schon erkannte, worauf es im Miteinander der Menschen ankam und wie absurd diese staatliche Intoleranz in Spanien war, auch schon zu ihrer Zeit für alle kritisch denkenden Menschen, was von Glaubenskämpfern selten behauptet werden kann.

Mit den Statuten über die Reinheit des Blutes wurde im Rahmen der Bildung einer neuen Nation auch die einheitliche Sprache zum Merkmal der Identifikation. Spanien erhob das kastilische zur nationalen Sprache und setzte dies, gegen Widerstand von Basken und Katalanen bis heute, durch. In Deutschland wurde diese Sprachbildung und Vereinheitlichung durch die Reformation und die Lutherbibel vorangetrieben also zu ähnlicher Zeit. Aber auch Herder setzte sich für die Reinheit der deutschen Sprache ein und Arndt definierte das deutsche Vaterland als den Ort, an dem die deutsche Zunge erklingt. Dies fand sich später in der deutschen Nationalhymne wieder, die Hoffmann von Fallersleben einst  auf Helgoland dichtete, getrieben von dem Wunsch das nach der Niederlage gegen Napoleon zerschlagene alte Reich zu reanimieren und richtete sich gegen die Kleinstaaterei auf deutschem Boden.

Der Nachweis einer reinen Blutlinie wurde in Spanien, das lange von Mauren dominiert wurde, für viele schwierig, stattdessen wurde mit vielen Generationen von Steuerfreiheit, der ein Privileg des Adels war, argumentiert oder auf die Abstammung von den Westgoten verwiesen, wie sagenhaft diese auch immer war, galten die Westgoten, nachdem sie sich vom arianischen Christentum losgesagt hatten, doch als gut katholisch, waren damit reinen Blutes. 

Gemeinsam mit dem Familiennamen, der auch über die väterliche Linie weitergegeben wurde, konnte durch das Blut, die bis dato nur geglaubte Vaterschaft, zu einem Kriterium der Reinheit werden und schuf eine Gesellschaft, in der Frauen als Gebärmaschinen dienten und zufrieden sein konnten, wenn sie diesen Job überlebten, wobei wenn nicht, dies auch kein Drama war, sofern sie ihre Bestimmung erfüllt hatten, wie manche Prediger es noch es noch bis ins letzte Jahrhundert verkündeten. Luther war da, im Gegensatz zu seiner Sicht auf die Juden oder die sich erhebenden Bauern, relativ verständnisvoll gegenüber den Frauen, was auch an der Persönlichkeit seiner starken Frau, Katharina von Bora, liegen könnte die Zisterzienserin war, bis sie zu Luther ging und die Frau an seiner Seite wurde, die oftmals auch die Lutherin genannt wurde.

Über die Generationen übergreifende Blutlinie, hatte sich die vorher nur geglaubte väterliche Linie als Basis von Erbe und Tradition durchgesetzt. Diese Tradition verändert sich in den letzten Jahren infolge der Emanzipation und entsprechende Änderungen des Namensrechts. Wie stark solche neueren Bewegungen eine Tradition prägen werden und wo diese hingeht, ist noch unklar, doch zeigt sich wieder, wie Francoise Zonabend so treffend formulierte, dass in europäischen Gesellschaften Unordnungen und Veränderungen immer von Frauen ausgehen, dahingestellt, ob es daran liegen könnte, dass Europa der Sage nach eine Frau war. Wer nun eine neue Ordnung schafft, in der sich alle gemeinsam zurechtfinden, ist noch unklar, diesen Weg weiter zu verfolgen, bleibt spannend, weil es mit dem Namen auch um den Kern einer schriftlichen Kultur und ihres Selbstverständnisses geht.

Unvorstellbar schien mir als junger Mann, den Namen meiner Frau anzunehmen, wenn ich heiraten sollte, wovon ich fest ausging. Dann habe ich bisher doch nicht geheiratet und meine Tochter trägt meinen Namen nur, weil ich gerade nicht darauf bestand, sondern es freiwillig und nachgiebig der Mutter überließ, die meinen wählte, vielleicht auch, weil sie noch den Namen ihres Ex-Mannes trug, den sie nicht unbedingt noch weitergeben wollte. Aber ich wusste, hätte ich darum gekämpft, trüge meine Tochter nicht meinen Namen und was sie mit diesem Namen eines Tages machen wird, ist ihre Entscheidung. So gaben meine Schwestern ihren Namen noch bei der Hochzeit selbstverständlich auf, wollten auch keinen Doppelnamen, was bei kurzen Namen manchmal auch das Leben einfacher machen kann.

Endlose Ketten von Doppelnamen würden sicher anstrengend, andererseits dokumentierten sie auch eine Abstammung, die immer zwei Seiten hat, warum es gut sein kann, dies auch im Namen auszudrücken. Sind wir also viel traditionsbewusster, wenn wir mit langen Namen, die neu kombiniert werden, unsere Wurzeln bei uns tragen oder muss jede Ordnung, so einfach wie möglich sein, um auf Dauer zu funktionieren und wer darf das für andere entscheiden?

Habe da keine sichere Antwort und betrachte den Prozess gerade gespannt, weil es weniger um feste Definitionen geht, als um ein Verständnis von Identität, die viele Wurzeln hat und die auch neue Wege sucht, wo sich verschiedene Kulturen begegnen. Als ich eine zeitlang mit einer Frau verlobt war, deren Eltern aus dem Ausland stammten, und die den entsprechenden väterlichen Namen trug, war es für sie selbstverständlicher als für mich, dass sie bald heiraten und meinen Namen wollte, um den ihren los zu werden, nicht mehr wie eine Ausländerin zu heißen, in eine neue Identität also nominell einzutauchen, die sie dem Pass nach wie ihre Eltern auch ohnehin hatte. Habe das damals nicht viel hinterfragt, dachte, wenn es ihr Wunsch ist, warum nicht,  fand es schön und traditionell, sehe es inzwischen aber völlig anders und frage mich eher, ob so etwas je gut gehen kann, wie sehr Identität auch mit einem Namen verbunden ist und was wir mit ihm aufgeben, ob es je gut sein kann, die eigenen Wurzeln zu kappen, es nicht ein besseres Zeichen gegen Rassismus gewesen wäre, ihren Namen anzunehmen, auch wenn das für mich wiederum schwer vorstellbar wäre aus meienr kulturellen Prägung, die damit auch zu hinterfragen ist. Dabei dahingestellt, ob die Ehe je ein gutes Mittel sein kann, einer Partnerschaft Dauer zu verleihen oder eher im Gegenteil und auch egal, vor was wer flieht, der seine Identität gegen eine andere tauschen möchte.

Die neue patrilineare Blutlinie führte auch dazu, dass im 18. Jahrhundert die Juden Familiennamen bekamen, um in den Melderegistern für die Steuerpflicht registriert zu werden, damit alles seine klare Ordnung hat. Spannend daran ist, wie eine sich in Abgrenzung zum Christentum matrilinear reformierende Kultur plötzlich in eine patrilineare Struktur gezwungen wird und damit auch den Prozeß der eigenen Emanzipation beginnt, an der auch so große Köpfe wie der Berliner Moses Mendelssohn entscheidend beteiligt waren.

Für eine Reinheit des Blutes gibt es keinen biologischen Nachweis, für Kontinuitäten der Verwandtschaft sehr wohl. Die an den väterlichen Namen geknüpfte Verwandtschaft realisierte eine männliche Erbfolge, die durch die Gewohnheiten des männlichen Ehenamens noch verstetigt wurde. Diese ist nicht an den konkreten Nachweis der Vaterschaft gebunden - sie wird in der Ehe bis heute grundsätzlich vermutet. Insofern treffen sich Glaube und Natur im deutschen Recht nach der Anscheinsvermutung, die Erben schaffen kann und damit eine vermeintliche Blutlinie auf der Grundlage von bloßen Vermutungen, die so unsolide ist wie die Behauptung reinen Blutes, allerdings vermutlich viel dazu beiträgt, den sozialen Frieden zu wahren.

Fraglich bliebe noch, was die Alternative liebender Väter etwa ist, ob sich jede Vaterschaft heute genetisch bestätigen lassen sollte, was leicht möglich ist, welchen Sinn die inzwischen modischen Gentests zur Untersuchung der erblichen Anteile haben sollen, als eine neue Rassenlehre zu etablieren, die wir gerade erst überwanden. Wissen ist gut, nur sollte die Frage erlaubt sein, wem dient welches Wissen und wer wird damit ausgegrenzt. Wann ist es gut, bestimmte Fragen mit halbem Wissen nicht zu stellen, um genau solchem Rassismus künftig vorzubeugen, da solch genetische Abstammung Prägungen vortäuscht, die nicht zu beweisen sind, solange wir nicht wissen, ob wir als unbeschriebenes Blatt oder wie weit geprägt auf die Welt kommen, ist es immer besser im Sinne der Freiheit zu vermuten, es habe keine Auswirkungen.

So hatte etwa frühere Freundin von mir, von ihrer Mutter einmal einen solchen Gentest geschenkt bekommen, um nach ihren genetischen Wurzeln forschen zu können, die sie für sich gerne im Norden oder im französischen Königshaus sah aufgrund gefühlter Verwandtschaft zu Marie-Antoinette, was mir völlig abstrus schien. Nie käme ich, auch mit Blick auf die deutsche Geschichte, auf die Idee einen solchen Test zu machen, halte dabei Nichtwissen für besser und der Freiheit zuträglicher, auch wenn ich der Überzeugung bin, es ändert eine zufällige genetische Abstammung nichts an der Neukombination der Gene durch die Zeugung mit je halbem Chromosomensatz und dieser menschlichen Freiheit, besonders in Ansehung der Gleichheit aller Menschen, möchte ich keine zufälligen biologischen Grenzen setzen, die Fanatikern eine Sortierung erleichterten, um nicht dem Aberglauben an reines Blut und Abstammung zu viel Raum einzuräumen, aber vielleicht bin ich da auch übervorsichtig und ignoriere bestimmte Faktoren für die es aber auch keinen Nachweis bis dato gibt, die mich nun ob verwirrt rassenbiologisch oder modern mit Genetik sehr an eine unangenehme Auslese erinnern, von der ich mich lieber bewusst abwende.

Freiheit ist auch eine Entscheidung, frei sein zu wollen und sich nicht der Sklaverei der Vorurteile zu unterwerfen. So wenig ich Horoskope oder Handlinien und Tarotkarten noch lese, auch wenn ich es könnte, so wenig muss ich jeder Mode folgen, sondern prüfe bevor ich etwas tue, mein Handeln lieber streng am kategorischen Imperativ und wie sehr es der Aufklärung dient, also aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befreit und bin nach freiem Gewissen zu der Überzeugung gelangt, dass diese historische Genetik nichts anderes als eine moderne Rassenlehre ist, die indirekt auch auf das Blut abstellt und mit der ich bewusst nichts zu tun haben möchte, aber Freiheit und Mündigkeit ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss.

jens tuengerthal 24.6.20

Dienstag, 23. Juni 2020

Lockdowneu

Wieder wurde ein Lockdown
Nötig aufgrund Corona weil
Der lokale massive Ausbruch
Zeigt es ist noch nicht vorbei
Die Krankheit kann jederzeit
Wieder ausbrechen ist damit
Bis zur Impfung ständige Gefahr
Mit gravierenden Auswirkungen
Ob ein Betrieb Fehler machte
Es klare Schuldige wirklich gibt
Oder die Verhältnisse so waren
Wird die Aufklärung uns zeigen
Die nötige Reaktion könnte nun
Allen Zweiflern zeigen wie nötig
Radikales Durchgreifen war doch
Vermutlich finden diese eine neue
Theorie der Verschwörung für ihren
Wahn dem sie treu bleiben wollen
Hier ist alle Vernunft wohl müßig
Alle anderen aber könnten statt
Wieder einen Schuldigen zu suchen
Darüber nachdenken ob nicht
Langfristiger Erfolg durch eine
Konsequente Entschleunigung
Viel eher noch möglich wäre
Was hieße vieles neu denken
Alles gewohnte infragestellen
Um die Ursache zu beseitigen
Produktion eher dezentral
Weniger Reisen mehr bleiben
Weil die internationalen Kontakte
Solange sie nicht virtuell nur sind
Alles um die Welt verteilen was
Sonst lokal begrenzbar noch ist
Hoffe die Maßnahme hat Erfolg
Zumindest kurzfristig für viele
Langfristig sollten wir lernen
Unser Leben zu ändern damit
Es keine Rückkehr zur vorher
Kranken Normalität mehr gibt
Es wird Zeit brauchen besser
Sie sich jetzt zu nehmen

jens tuengerthal 23.6.20

Montag, 22. Juni 2020

Blaublütig

Was heißt blaublütig und woher kommt dieser Ausdruck, welche Haltung steckt dahinter und was für ein Menschenbild?

Verwendet wird der Ausdruck für gewöhnlich vom oder für den Adel, heute oft eher spöttisch. Er besagt, dass jemand aufgrund seiner adeligen Abstammung von edlerer Geburt sei. Rechtliche Auswirkung hat das in der Republik nicht mehr, wo vor dem Gesetz alle Menschen von Geburt an gleich sind. Praktische Bedeutung der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse hat es in der klassenlosen Gesellschaft, auch wenn sich diese Grenzen verwischt haben und sie verschwimmen. In Monarchien kann es immer noch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Herrschern oder Repräsentanten bedeuten, die von Geburt her bestimmte Privilegien haben.

Doch woher kommt diese Unterscheidung? 

Die Kirche hatte mit der Unterscheidung des heiligen Blutes Jesu und der Heiligen und dem gewöhnlichen unreinen im Leben, die Basis für die Ungleichheit gelegt. Auch wenn es in der Kirche primär auf die geistige Nachfolge ankam, wurde für die königlichen Familien die gleiche Heiligkeit des Blutes angenommen wie für Jesus und seine Nachfolger. Die Zweiteilung des Blutes in gutes und schlechtes bot die Basis zur Rechtfertigung sozialer Unterschiede.

Der Begriff blaues Blut leitet sich von der vornehmen Blässe derjenigen ab, die von der Feldarbeit verschont waren. Vermutlich kommt der Ausdruck aus dem maurischen Spanien, wo in Kastilien für die von den germanischen Westgoten abstammende Oberschicht der Ausdruck azurblaues Blut verwandt wurde. Deren blasse Haut mit durchschimmernden blauen Adern unterschied sich deutlich von der dunkleren der Einheimischen und der Mauren. Nach der Vertreibung der Mauren in der Reconquista wurden die Gesetze zur Reinheit des Blutes eingeführt, mit denen sich der kastilische Adel deutlich von Juden und Mauren abgrenzen wollte, deren Blut nicht in ihren Adern floß.

Die Kronjuristen der Königshäuser, die damals meist Theologen auch waren, leiteten aus der Lehre von den zwei Körpern Christi, die schon 451 auf dem Konzil von Calcedon von der Kirche festgeschrieben wurde und besagte, dass Jesus zwei Körper hat, einen sterblichen menschlichen und einen unsterblichen göttlichen, ab dass auch Könige zwei Körper hätten und als Regenten und in ihren Entscheidungen unsterblich seien, mit dem real sterblichen Körper, von dem auch der tiefste mittelalterliche Glaube, die Könige nicht befreien konnte, mussten sie in der Realität noch vorlieb nehmen.

Dabei wurde schon im 13. Jahrhundert die patrilineare Geburtslinie heilig gesprochen, wonach der älteste Sohn vom Vater erbt und damit die Dreieinigkeit von Vater und Sohn abgebildet wurde. Der Heilige Geist wurde im königlichen Blut gesehen, was damit sakral auch war, womit klar wird, warum in der französischen Revolution so viel Blut fließen musste, um sich von der Klammer des Heiligen und der höheren Macht zumindest scheinbar zu befreien.

Als Zeichen der Reinheit des Blutes wurde die Schwertlilie zum Wappenzeichen der französischen Könige, die angeblich schon Chlodwig I. nach seinem Übertritt zum Christentum 496 infolge des Sieges in einer Schlacht, bei Zülpich, falls es jemand interessieren sollte, spielt aber im weiteren keine Rolle mehr, verwendete. Ab 1376 war die Lilie, die eigentlich eine Schwertlilie ist und also botanisch eine Iris aber das kann bei so langer Tradition dahinstehen, Teil des Wappens des französischen Königshauses und war Zeichen der Mitglieder des Hauses Frankreich, die als besonders rein galten, sich auf die jungfräuliche Zeugung zurückführen, gerne seine irgendwie Abstammung von den Merowingern betonte, die sich wiederum auf Maria Magdalena bezogen und damit als quasi Kinder Jesu sich direkt dem heiligsten Blut verwandt sahen, was bis 1789 zur Legitimation ihrer Herrschaft genügte, vielleicht in der Andeutung auch erklärt, warum ein Henry IV. am Ende, nach mehrfacher Konversion und gegen seine Überzeugung zum Katholizismus konvertierte, weil das französische Königtum, so wild der Herrscher auch real im Falle Henrys im Land herumvögelte, sich von heiligem Blut ableitete und damit der Herrschaft eine besondere Heiligkeit gab, was auch die enge Bindung an Rom, was nicht ohne Grund zeitweise in Avignon Asyl fand, erklären kann.

Zwar hat die in diesem Geist betriebene Vertreibung der Hugenotten durch Ludwig XIV., den Enkel Henrys, den Untergang Frankreichs und den Aufstieg seiner Nachbarn beschleunigt, doch war dies in der Begründung einer heiligen Herrschaft letztlich konsequent. Die französische Revolution und die ihr folgenden Blutbäder beider Seiten waren am Ende die Quittung auch für die konsequente Heiligkeit, die in der aufgeklärten Gesellschaft keine Basis mehr fand. Viele seltsame Gewohnheiten der französischen Gesellschaft erklären sich auch aus dieser Tradition und den versuchten Brüchen mit ihr.

Im Gegensatz zu Frankreich, in dem der königlichen Familie gegen Widerstand des Adels erlaubt wurde, Adelsprädikate zu verleihen, beziehungsweise zu verkaufen, da dies ein deutlicher steuerlicher Vorteil war, von gewöhnlichen Abgaben befreite, was eine gute Einnahmequelle der Könige wurde, bestand der blasse spanische Adel darauf, dass dies unzulässig sei, um das Blut unter sich rein zu halten. Wer sich Bilder spanischer Adeliger oder Granden insbesondere aus der Zeit der engen verwandtschaftlichen Verbandelung mit Österreich seit Karl V. anschaut, sieht wohin diese Inzucht führte. Das französische Haus Valois starb nicht ohne Grund an der Bluterkrankheit aus, die auch im Hause Romanow starke Spuren hinterließ, was dem Hause Bordeaux mit Henry das Tor zum Thron öffnete.

Wie lange der europäische Hochadel in seiner zusätzlich teilweise konfessionellen Beschränkung der Paarung ohne Revolution noch überlebt hätte, bis die Inzucht noch gravierendere Folgen gehabt hätte, wissen wir nicht. Sogar das englische Königshaus, das Charles zunächst nicht gestattete seine Camilla zu heiraten, warum das Drama mit Di seinen Lauf nahm, hat für William die Tore zur nicht standesgemäßen Hochzeit mit Kate geöffnet, was immer aus dem dortigen Königshaus künftig wird, wäre zumindest die Nachfolge schon gesichert.

Wie Williams Bruder Harry durch seine anderweitige Hochzeit und die nun folgenden Entscheidungen zeigte, ist königliche Familie auch nur ein Job, den du auch kündigen kannst, wenn es dich nervt, wie schon der Vorvorgänger der Queen, der sich für die Liebe zu einer Amerikanerin und gegen die Krone entschied, die Elisabeth II. nun schon am längsten mit großer Würde trägt, weil sie sich dem Amt verpflichtet fühlt.

Die königliche Würde galt als eine Hoheit von Gottes Gnaden, wie sich der Adel meist auf seine höhere Bestimmung berief, um seine Privilegien zu rechtfertigen, die ihm nicht durch Qualifikation sondern Geburt zufielen. Das ist gut für den größeren Teil der auch nicht überdurchschnittlich qualifizierten, hier wie sonst unterscheidet sich der Adel nicht vom Durchschnitt der Bevölkerung, Genies sind selten, Durchschnitt herrscht vor, schlecht für die wenigen überdurchschnittlichen. Das Haus Preußen mit seinem einen Genie Friedrich, der sich noch dazu nicht fortpflanzte steht da für viele. 

Was sie nur überdurchschnittlich gut lernen und beherrschen sind Formen und die Contenance zu wahren, wie es heute noch an diplomatischen Schulen gelehrt wird, um die Verständigung bei Hofe zu erleichtern, nicht das persönliche mit der Aufgabe zu vermischen, wozu aber auch verschiedene Mitglieder alter Familien eine unterschiedliche Befähigung haben. Denken wir etwa an Ernst August v. Hannover und seine unrühmlichen Schlagzeilgen anlässlich der Expo wie zu anderen unpassenden Gelegenheiten, zeigte sich dies zur großen Freude der Regenbogenpresse, der dagegen ein Musterbeispiel an Contenance und Beherrschung, die Gräfin Dönhoff, nie auch nur eine Schlagzeile in ihrem langen Leben lieferte, was die größere Kunst ist, als unangenehm aufzufallen.

Die Lehre vom blauen Blut hat sich erledigt, auch Privilegien von Geburt sind in der Republik nicht mehr vorhanden. Ob es einen Adel des Kapitals gibt, könnte eine spannende Frage sein, die aber mangels sonstiger Verbindungen dabei nicht wirklich dazu taugt, langfristige Antworten zu liefern. Es gibt Neureiche, und alte reiche Familien, Superreiche, die Milliarden in wenigen Jahren verdienten, damit aber selten je auch Kultur gewannen, sondern nur viel Geld haben, was ein privilegiertes Leben erleichtert, aber nichts damit edler oder kultivierter macht. Manch verarmter Adel zeigt deutlich mehr Kultur etwa als viele Neureiche gerade aus dem ehemaligen Ostblock, denen es nicht selten auch am kulturellen Bezug dazu fehlt, insofern dort die Oberschicht lange vertrieben wurde.

Es gibt keinen biologischen Nachweis, der auf irgendeinen Unterschied im Blut hindeutet, sehen wir von dem erhöhten Aufkommen gewisser Erbkrankheiten in relativ inzüchtig heiratenden Familien ab, bei denen sich ein hoher Implexfaktor ergibt, der sagt wie groß oder weit die Verwandtschaft in der vorigen Generation war. Sofern es mehrere Formen der Verwandtschaft gibt und häufiger Hochzeiten unter Vettern und Basen 1. Grades, scheint das Risiko dafür erhöht. Ob dies bereits zu einer Degeneration führte, lässt sich nicht nachweisen, zumindest gibt es bestimmte statistisch auffällige Besonderheiten, die nicht unbedingt für das edle im Adel sprechen sondern eher für eine gesunde Mischung, um widerstandsfähiger zu machen, auch zum Preis der vornehmen Blässe.

Wie gut oder schädlich es für eine Gesellschaft ist, eine Elite in der Führung zu haben, die sich unter sich fortpflanzt, können wir vermutlich erst beurteilen, wenn die heutige Regierungsform durch Parteien und in Parlamente gewählte Repräsentanten als alleinige legitime Herrschaft so alt ist, wie die vorige wurde, was damit noch einige tausend Jahre Zeit hat.

Ob Rom ein Beispiel ist, was aus vielfältigen Gründen in der Kaiserzeit unterging und als Republik aufstieg, könnte interessant sein, besonders, wenn wir das sehr liberale Denken des römischen Bürgertums in der Spätzeit der Republik betrachten, bevor sich Cäsar an die Macht putschte.

Schauen wir in die städtischen Republiken der Hansezeit, sehen wir dort, wie Thomas Mann es so meisterhaft in den Buddenbrooks schilderte, eine zwar nominell republikanische Herrschaft ohne Adel, aber dafür durch alte reiche Familien, die wie der Adel regierten, deren Privilegien nur auch mit dem ökonomischen Erfolg verbunden waren, Auf- und Abstieg unterlagen, ganze Regionen und Reiche prägten wie auch die Fugger von Augsburg.

Können Parteien eine solche Elite bilden und ausbilden oder gerade nicht, fragt sich, wer die Traditionen in der Republik betrachtet. Braucht es noch gewachsener Eliten und ihres seit Generationen geprägten Benehmens oder ist das in der schnelllebigen Demokratie überflüssig geworden?

Blut und Rasse taugen nach heutigem Wissen sicher nicht mehr zur Unterscheidung der Menschen und zu ihrer Privilegierung. Das ist auch gut so aber gibt es noch etwas, was zählen darf außer konkreter Leistung und vergänglicher Beliebtheit auf Wellen der Mode?

Braucht es alte gewachsene Strukturen, in die wir hineinwachsen oder können wir heute alles lernen, wenn wir wollen und können?

Kann uns ein System, das sich tausende von Jahren bewährte hat, noch etwas lehren oder haben wir die alten Zöpfe abgeschnitten und überwunden, lohnt nicht mal die Erinnerung mehr?

Je nachdem, wie hier die Antworten eines jeden ausfallen, wird sich zeigen, wie weitsichtig und erfahren diejenigen sind. Zumindest stand es noch keiner Generation gut, sich für der Weisheit letzten Schluss zu halten, doch gab es wohl auch nie eine, die es nicht versuchte.

jens tuengerthal 22.6.20

Blutglaube

Blut spielt eine große Rolle im Glauben - auf der ganzen Welt und seit vielen Jahrtausenden, soweit wir davon wissen. Vom Blutopfer bis zum geheiligten und verwandelten Blut, dem guten und dem bösen Blut - immer wieder taucht es auf und spielt seine eigene Rolle, scheint den Gläubigen viel mehr als der Energie transportierende Lebenssaft, der er biologisch ist. Wir sprechen vom Blutbad, wenn wir ein besonders grausames Gemetzel beschreiben wollen oder heute auch von einer sehr expressiven Theateraufführung sprechen, weil da eben Blut floß. Wer mir blutsverwandt ist, gehört zu meinen Angehörigen, ob ich mit diesen nun mehr oder weniger zu tun habe, sprachlich gehen wir von einer besonderen Nähe aus und so hat sich der Glaube an das irgendwie besondere im Blut, bis in die Gegenwart gehalten, in der wir längst Blut auch chemisch reinigen, spenden und genau auf seine Bestandteile untersuchen, es in Gruppen mit Eigenschaften unterteilen können, auch wenn wir aus guten Gründen nicht mehr von Rassen sprechen, die sich darin auch nicht unterscheiden. Wenn eine Liebe tragisch scheitert, kostet es uns viel Herzblut, sagen wir, auch wenn wir äußerlich unverwundet bleiben, können wir am gebrochenen Herz sterben, womit die Blutpumpe auch im Mittelpunkt unseres emotionalen Vokabulars steht. Die Lektüre in dem hervorragenden Band Blutsbande von Christina von Braun wecken manche Gedanken und regen zum weiterdenken an, was dies Blut ausmacht, wo der Glaube anfängt, wohin er uns verführt und was davon noch unserer Natur entspricht, nach der wir uns Gutes tun wollen.

Die Christen wie auch andere Religionen unterscheiden gutes und böses Blut. Das eine dient dem Glauben, das andere ist Zeichen niedriger Körperlichkeit, die der geistige Glaube gern überwinden möchte. 

Gut ist jenes der Märtyrer, das im Kampf um den Glauben fließt, als Folge der Selbstgeißelung oder unverdienter Strafen, sowie das Blut Jesu, das im Abendmahl mit mehr oder weniger symbolisch, je nach Ausrichtung der Konfession, verwandelten Rotwein gereicht wird. Ob dieser eigentlich kannibalische Akt, den Religionsstifter zu sich zu nehmen, der, zur Erinnerung an sein Leiden, in jeder Kirche am Kreuz hängt, noch vernünftig verstanden werden kann, als Zeichen besonderer Gemeinschaft, das verbindet, mag dahinstehen - wie er in Zeiten von Corona wieder realisiert werden soll, ist genauso unklar. Hier jedenfalls wird die christliche Religion, die nicht mehr schächtet wie Juden und Muslime und deren Tierschützer diesen das religiöse Schlachten am liebsten verbieten würde, wie die Kinderschützer das Vorhautbeschneiden stoppen wollen, selbst ganz blutig und hält das auch für gut und moralisch hochwertig, weil es sie ihrem Gott näher bringt, dessen Lebenssaft sie ja durch den des Sohnes zu sich nehmen, der ohnehin nach christlicher Überzeugung Teil heiliger Dreieinigkeit ist, die das Blut gut und wertvoll macht, in das der durch Weihe gesegnete Rotwein sich verwandelte.

Den Juden oder Muslimen liegt dieser Bluttrank eher fern, aber auch sie unterscheiden gutes und böses Blut. Während das Regelblut den Juden als rein gilt, auch wenn sich der Sex in dieser Zeit zumindest nach orthodoxer Überzeugung verbietet, sondern viele Muslime ihre Frauen in dieser Phase als unrein aus, wie es auch Hindus tun. Auch die Christen haben eher ein Problem mit dem Regelblut, insofern es auf Körperlichkeit und Sexualität, also natürliche Fortpflanzung und also Sünde verweist und haben die Frauen entsprechend behandelt, sich unrein fühlen lassen, was in vielen so geprägten Kulturen bis in die Gegenwart fortdauert. 

Es ist wieder die alte Geschichte von der Erbsünde und der Vertreibung aus dem Paradies, die sich die Juden als revolutionären Akt der Propaganda in früher Exilliteratur Babyloniens erdachten, der die Fortpflanzung und die mit ihr verbundene Lust als unrein verstehen lässt,  die Geburt so schmerzhaft macht, auch wenn es der Natur nach schmerzhaft sein muss, wenn ein Kopf sich durch den Scheideneingang pressen will, weil dieser um ein vielfaches größer ist als etwa das Glied, was dort relativ schmerzfrei meist hineingleiten kann, sofern die vorige Erregung genügte, warum das zumindest geistige Vorspiel von so großer Bedeutung ist, gut  ineinander zu finden. Sie taucht immer wieder an den unpassendsten Stellen auf und so natürlich auch bei allem was mit der Zeugung verbunden ist, weil diese am Anfang steht, wenn wir nicht irgendwelche Geschichten von Lehmklumpen oder Rippen glauben schenken wollen, wogegen alle Natur seit ihrem Bestehen erfolgreich zeugt und damit verschiedene halbe Chromosomensätze sich zu einem neuen vereinen lässt.

Böse ist alles, was auf die natürliche Körperlichkeit verweist und nicht durch einen spirituellen Akt geheiligt wurde, sei es als Märtyrer, die nach vorgeschriebenen Regeln erst so genannt werden dürfen oder durch die Weihe des Weins im Abendmahl, was den gleichen Stoff plötzlich gut macht, weil die christliche Religion mit ihrem Traum von geistiger Erlösung im himmlischen Paradies den irdisch unreinen und sterblichen Körper für die geaberglaubte Unsterblichkeit der dazu erfundenen Seele gerne überwinden möchte. Was früher noch stärker ausgeprägt war, wurde mit der Zeit den natürlichen Bedürfnissen der Praxis einer sich durch Aufklärung und Vernunft emanzipierenden Gesellschaft angepasst und längst dürfen sich auch Christen mit Freude fortpflanzen, statt das höchste Ideal nur in der Entsagung zu sehen.

Wichtig an diesem Ideal von Reinheit und Entsagung aber war, es hinderte viele Witwen an der Wiederheirat und bescherte der Kirche so manches Erbe, wodurch sie etwa im Mittelalter bereits ein Drittel aller französischen Länder durch Erbe an sich gebracht hatte und neben der mit ihr verbündeten königlichen Familie zum mächtigsten Grundbesitzer wurde, der sich jedoch nach Regeln, die erst mit dem Trientiner Konzil um 1200 verbindlich wurden, nicht selbst fortpflanzen durfte, sondern seine wohldotierten Pöstchen im Bündnis mit dem Adel verteilte, mit dem er lange um die Vormacht dabei kämpfte - etwa im sogenannten Investiturstreit, wo es darum ging ob auch Laien für Kirchenämter eingesetzt werden dürfen, die sogenannte Laieninvestitur oder die Kirche dort ein Monopol hatte.

So spielte das Blut beim Besitz keine Rolle sondern der Glaube, wie überhaupt der Glaube an die Vaterschaft, denn Wissen hatte ja keiner davon, wichtiger für die patriarchalen Linien war als die tatsächliche und nachweisbare mütterliche Verbindung, was die Kirche auch in zuvor matriarchal geprägten Regionen zur Not mit dem Schwert durchzusetzen wusste, womit wir wieder beim Blut wären, dass für die gute Sache des Glaubens auch fließen durfte.

Die Rituale der Hinrichtung nach dem Koran, wie sie auch der IS eine zeitlang sehr erfolgreich zumindest in der Medienwirksamkeit praktizierte, sind auch blutig, wie der Heilige Krieg ruhig blutig sein durfte, da den dort geopferten größtes Heil bevorstand, wenn sie für ihren Propheten in den Tod gingen, den realen Wert von Jungfrauen einmaldahingestellt.

Dass alle Menschen nur ein Leben haben, nicht wiederkehren, es keinen Nachweis für Seelenwanderung gibt, noch diese Erfindung überhaupt naturwissenschaftlich überprüfbar existieren würde, ist ein für Gläubige immer noch unfassbarer Teil der Natur, weil sie meinen durch ihren Aberglauben auch die Grausamkeit des Todes etwa ihres Messias überwunden zu haben. Auch wenn sich die großen Kirchen mit viel Realitätssinn und Interesse an ihrem Fortbestand mittlerweile mit den Naturwissenschaften ausgesöhnt haben und nur noch kleine Gruppen orthodoxer Fanatiker die Bibel wörtlich nehmen, ist der Fortbestand des seelischen Lebens für sie eine conditio sine qua non, also eine Bedingung ohne welche nicht. Dabei ist diese Grundlage der Einmaligkeit längst normaler Teil unseres Alltages, an den nur als Verzierung der Aberglaube der Fortexistenz angehängt wird, auch und gerade um den grausamen Tod des Stifters zu rechtfertigen, der ja ein Teil des geglaubten Gottes einerseits ist, andererseits aber auch ein Mensch war, also sterblich und blutend.

Generationen von Rittern zogen im Mittelalter und mehr noch in den spätmittelalterlichen Romanen von König Artus und seinem Gefolge durch die Welt, um den heiligen Gral zu retten, mit dem das Blut Jesu aufgefangen wurde, der dadurch ewiges Leben oder doch zumindest alles nur erdenkliche irdische Glück, am Ende jedenfalls seelische Erlösung dem Finder liefern sollte. So bewegt der Glaube Menschen zu vielem, auch zu grausam blutigen Kreuzzügen, die manchmal auch nur der Schwächung der östlich orthodoxen Konkurrenz galten aber zumindest war, wer dort sein Blut vergoß und sein Leben verlor ein Guter und wie er auch für die Eroberung der heiligen Stätten für die Christenheit blutig mordete, welchen Antisemitismus er auch entzündete, stand dies nicht seiner Heiligsprechung im Wege.

Wie wenig die inzwischen der Realität angepasste Form des Glaubens noch zu dem passt, was in den alten geistigen Idealen der frühen Sekte verkündet wurde, ist eine andere Frage. Spannend ist aber für die Unterscheidung von gut und böse auch in der Blutlinie, wie das Christentum mit aller Macht die patriarchale Erblinie durchsetzte, die nur auf Glaube beruht, während sich das rabbinische Judentum in der Diaspora in eine matriarchale Ordnung verwandelt wurde, die den Frauen aber auch strenge Grenzen setzte. Während die keusche, heilige Jungfrau Maria angebetet wurde, die ihr uneheliches Balg als von Gott empfangen verkaufen durfte, galt weibliche Sexualität als unrein und wurde ein großer Kult um die weibliche Jungfräulichkeit entwickelt, wie er in südlichen Regionen und unter dem Einfluss des Koran immer noch teilweise üblich ist, um so die Sicherheit des Erben als Sohn des Vaters zu sichern.

Insofern die patriarchale Linie nur auf dem Glauben an die Vaterschaft fußt, musste sie in der Realität diesen durch die erzwungene Keuschheit der Frauen sichern. Ein relativ schlichtes System, das die Konstanz der Blutlinie garantieren sollten und das Frauen bis heute weltweit noch mitspielen und dafür ihre natürliche Sexualität dem schlichten Bedürfnis nach Zeugung unterordneten. An diesem Punkt wird auch verständlich warum der für Frauen sexuell natürlich bessere Analverkehr, der dem Verlauf des nervus pudendus eher entsprach, ohne die Lust gleich mit der Gefahr der Zeugung zu verbinden, so erfolgreich tabuisiert wurde. Hier haben sich Generationen von Paaren und viele Frauen bis in die Gegenwart ihrer Freude an der Lust beraubt und fanden dies seltsame Verhalten völlig natürlich wie keusch, obwohl es in völligem Widerspruch zu ihrer Natur und dem eben Verlauf der Nerven steht. Aber dies hätte Frauen in ihrer Sexualität auch unabhängig von der Regelblutung gemacht und damit den Glauben eines wichtigen Faktors der Macht beraubt. So durfte nicht sein, was Natur wollte, die weibliche Lust wurde ein ewiges Tabu und ist es in vielem bis heute.

Sofern wir Tacitus und seinem Bericht über die Germanen Glauben schenken, wogegen in manchen sicher die agitatorischen Zwecke des Buches sprechen, aber doch zumindest in den Grundfragen von einer realen Beschreibung ausgehen, war das Blut und Bodenrecht der Germanen noch ein völlig anderes als es die sich auf diese Kultur mit rassistischen Phantasien berufenden Nazis meinten. Danach hatten die Frauen das Hausrecht und trugen die Schlüssel während die Männer, der Gerechtigkeit wegen, im Erntezyklus alle paar Jahre den Hof wechseln mussten. Sicher als Blutlinie war damit nur die mütterliche, die das Erbe weitergeben musste, von wem welche überlebenden Erben dann waren, spielte wohl eine geringere Rolle als die Mutterschaft und der Ort der Geburt. Damit konnte nur in mütterlicher Linie logisch geerbt werden, war die Verfügungsmacht über Grund und Boden an das Geschlecht gebunden, nur waren Männer dabei nichts als mobile Dienstleister der besitzenden Frauen.

Wie sich diese möglichen Strukturen auf das Verhältnis der Geschlechter auswirkten, wissen wir nicht, zumindest scheint es auch andere Konstruktionen gegeben zu haben als die ursprünglich patriarchale, möglicherweise waren ihrer Natur entsprechend Jäger und Sammler Kulturen viel stärker von Frauen geprägt, als wir es uns in klassischen Mustern denkend und Funde betrachtend vorstellen können. 

Wie war eine Gesellschaft sozial organisiert, in der Frauen das Schlüssel- und Erbrecht hatte, während Männer die Waffen führten oder spiegelt sich in dem Bild des Tacitus nur der Blickwinkel des römischen Chauvis, der seine Gewohnheit umdreht, um die Römer zu erziehen, es nicht anders als durch seine Augen sehen konnte.

Sehen wir uns dagegen heutige Gender Diskussionen an, die immer mehr betonen, dass Geschlecht auch eine Entscheidung sei, fragt sich, ob dies eine natürliche Entwicklung in Folge fortschreitender Emanzipation an, die eben unserer Zeit entsprechen, in der wir das Geschlecht mithilfe von Hormonen und Operationen auch wandeln können, es also etwas künstliches hat oder doch eine Rückkehr zur natürlichen Egalität ist, in der jeder seinen Begabungen entsprechend wirkt und nicht seinem Geschlecht folgend, was formal zwar längst gesetzlich realisiert wurde, de facto aber durch rosa und himmelblaue Traumwelten der Geschlechter mit jeder Generation wieder unterlaufen wird, bei der es nur einige Ausreißer gibt, welche gerne Grenzen überschreiten, um jenseits ihrer Natur, andere Teile ihres Wesens zu realisieren. 

Unklar ist dabei nur, ob es ein natürliche Verhalten geben kann und dieses ohne die Prägung durch Gesellschaft sich entwickeln würde, was dem Menschen gut tut und ob nicht mehr ohne eine klare Prägung sich verloren fühlten, als die wenigen Ausnahmen, die es in Offenheit leichter haben. Es ist ein Prozess der Emanzipation mit noch unklarem Ausgang, bei dem das Pendel auch wieder in die Gegenrichtung ausschlagen kann, wenn eine Studie das gerade verkündet.

Klar ist jedenfalls, dass sich durch die Relativierung der Geschlechterrollen auch die Rolle des Blutes verändert und es neue Definitionen von Verwandtschaft braucht oder wir schlicht alte reanimieren müssen. So hatten die Römer eine weit über die Blutsverwandtschaft hinausreichende soziale Verwandtschaft in der Adoptivkinder eine wichtige Rolle spielten, die jener der Blutsverwandten der eigenen Familie überlegen war. Diese wurden damit Teile eines Geschlechts, etwa der Julianer. So konnten Erben mehr nach Eignung als nach biologischem Zufall bestimmt werden. Allerdings spielen damit die Frauen als Blutzeuginnen des Nachwuchs sozial keine wichtige Rolle mehr, es wuchs eine patriarchale Kultur heran, wie auch in Griechenland, welche die Gründung der Kirche prägte oder der sich die Kirche anpasste.

Bei diesem Prozess der Anpassung aber spielte das Blut plötzlich wieder eine große Rolle und die Durchsetzung der patriarchalen Erblinie erforderte notwendig weibliche Treue, um den Glauben an die Vaterschaft zu sichern. Die reale Unsicherheit wurde durch vermeintliche männliche Allmacht und Herrschaft, die mit dem Schwert über die Schöße der Frauen wachte, kompensiert. Auch wenn diese sachlich keinen nachweisbaren Wert hatte, war der Glaube oder die Macht hinter ihm, scheinbar lange stark genug, ihn tausende Jahre dominant werden zu lassen und eine nur geglaubte Blutlinie zu kultivieren.

Mit Abstand betrachtet und jenseits der Sagen um rostende Keuschheitsgürtel, hat dies den Frauen aber trotz aller christlichen Unterdrückung und Entrechtung eine enorme Macht gegeben bei der Entscheidung über den Erben und damit die folgende Generation. Nach Aufweichung der alten Grenzen der Blutlinien sortiert sich nun alles neu. Sind Hausmänner nun die in germanischer Tradition mächtigeren Teile der Gemeinschaft oder bleibt die Doppelbelastung der Frauen, wie sie auch in der DDR realer existierend war als der Sozialismus je, natürlich, weil für viele die Verbindung nach der gefühlten Natur schon enger ist. In ihnen wuchs dies Wesen heran, zu dem Mann nur in einem Akt der Wollust sein Sperma absonderte. Andererseits gibt es Männer, die sich in der Rolle des Hausmannes viel wohler fühlen als in jeder anderen, während es Frauen gibt, denen der berufliche Erfolg näher liegt als die Pflege der Brut, habe ich als junger Vater mich mehr um meine Tochter gekümmert alses die Mutter konnte, weil es mir lag, ohne dabei eine Begabung zum weiblichen behaupten zu wollen. 

So könnten die Genderdiskussionen, um Feminismus und Rollenverständnis eine neue Freiheit entwickeln, in der wir jenseits gewohnter Muster lernen können, zu unserer Natur zu finden. Fraglich nur, ob wir diese Elemente dann noch weiblich oder männlich wie nach Yin und Yang nennen müssen oder diese Grenze im Wesen überwinden sollten, um zu unserer Natur wieder zu finden. Was unsere Natur ist, ob uns also das Geschlecht schon im Blut liegt oder anerzogen ist, werden wir erst wissen können, wenn wir ohne Prägung aufwachsen können, was relativ unvernünftig und künstlich wiederum scheint, weil wir auch in unserem sozialen Kontext funktionieren müssen und die menschliche Entwicklung eben eine fortschreitende im Sinne der Aufklärung ist, warum niemand zurück zur Natur muss, von der wir nicht wissen, wie sie ist oder war, sondern nur in Mutmaßungen erkunden können.

Die Genderdiskussion weitet dabei den Horizont und ermöglicht es uns jenseits von Mustern zu denken. Sie ist damit ein Stück Zivilisation und Fortschritt und auch wenn Gegner wie Befürworter nun gerne die Natur für sich in Anspruch nehmen, im Blut hat das keiner liegen und es wäre so unnatürlich, eine Welt ohne Disposition zu simulieren, wie es falsch wäre, nicht den Versuch zu wagen, sich eine Gesellschaft zu denken, die ohne Prädisposition des Genus auskommt und was daraus würde, dahingestellt ob dies schon Menschenversuche sind, was den Befürwortern des status quo aber genauso nachgesagt werden könnte, auch wenn deren Versuch der Gewohnheit der Mehrheit entsprechen.

Ob uns all dies uns im Blut schon liegt, bleibt eine Glaubensfrage, wie die nach der Bedeutung des Blutes, mit all der aus ihr logisch resultierenden Unfreiheit. Ob sich in den virtuellen Paarungsgewohnheiten der Großstädter wie der Landevölkerung der Gegenwart eine gänzlich neue Entwicklung offenbart, in der Frauen zwar nach altem Muster stets und gerne betonen, keine One Night Stands zu wollen, um sich als anständig und beständig zu präsentieren, was sie sich von Männern zur Sicherheit gern wünschen, sofern sie technisch erfahren genug sind, de facto aber viel wählerischer als die meisten Männer sind und sich äußerst ungern überhaupt binden wollen, weil sie es nicht müssen, spannend wird, was aus einer so geprägten Gesellschaft werden kann, in der Frauen in Kenntnis ihrer höheren Potenz und sexuellen Natur entsprechend der Forschungen über den nervus pudendus und der Studien zu ihrem Wesen nach neuesten Gendertheorien, immer stärker die Führung übernehmen, weil des zufriedenen und erschöpften Männern langsam natürlich jeglicher Ehrgeiz dazu abhanden kommt, weil sie sich nicht mehr beweisen müssen, um geliebt oder begehrt zu werden und Frau sich nimmt, was ihr gefällt.

Was mich zum Thema Herzblut bringt, bei dem es weniger um den tatsächlich gepumpten Saft zur Sauerstoffanreicherung der Zellen geht, als, das, was wir mit echtem Gefühl verfolgen - wohin es die große Liebe zieht, ob es diese wirklich gibt oder das ganze Gerede von Liebe nur ein austauschbarer Terminus im konditionierten Paarungsverhalten ist?

Betrachte ich nur die Natur, neige ich dazu, sie für dominant und auch den Bindungswillen in der Liebe als Teil unseres Paarungsverhaltens zu sehen, der nur der optimale Aufzucht dient. Andererseits, weiß ich aus leidvoller Erfahrung auch, wie sehr die Liebe dich auch an deine Grenzen führt, dir jeglichen Lebenswillen dauerhaft rauben kann und nach dem Herzbruch und damit massivem Herzblutverlust nur noch funktioniert und überlebt wird ohne echte Leidenschaft, weil der Schmerz immer wieder größer wird, dahingestellt, ob so starke Gefühle von Liebe nun ihrerseits schon wieder als pathologisch zu bewerten sind, weil Liebe nach der Natur eben austauschbar ist und der Wechsel der Partner auch gut und gesund für die Gattung ist - dies mag nach der Natur so vernünftig erscheinen und leuchtet auch mir ein, dennoch weiß ich, wieviel stärker das Gefühl des gebrochenen Herzens über Jahre hinweg sein kann, wie es einen leer bluten lässt, im nur noch funktional ohne Überzeugung erledigten Leben, ohne zu wissen, ob dies das Ende war, als was es immer wieder in dunklen Momenten erscheinen kann oder doch nur ein Schatten von all dem Schönen, was folgende wechselnde Lieben immer wieder erfahren lassen, die der Sonnenschein der Zukunft sind, genügen doch die Gedanken daran schon ein blutendes Herz unruhig zu machen, denke ich und bin froh über gerade zumindest theoretischen Abstand zum Thema und fortbestehende Begeisterungsfähigkeit, die immer noch auf das Große hofft, was oder wer immer es dabei noch sein soll.

Das Herzblut ist jedenfalls ein komplexes Thema, auf das ich noch keine vernünftige und abschließende Antwort geben kann, es vermutlich nicht mal will, weil die Fähigkeit sich bedingungslos zu verlieben und vollkommen glücklich mit irgendwem zu sein, schon einen gewissen Grad an Schwachsinn voraussetzt, der sich jeder logischen Betrachtung dauerhaft entzieht und da ich diesen Ausnahmezustand ungern um der Vernunft willen dauerhaft ausschließen möchte, nehme ich die Unfähigkeit hier dauerhaft gültige Antworten zu finden, für das vielleicht Glück einer zeitweisen Illusion zumindest billigend in kauf. Im Wissen aus Erfahrung wie mörderisch die Liebe sich auf die psychische Stabilität und Gesundheit auswirken kann, würde der BGH vermutlich, wäre ich ein Autofahrer, einen mörderischen Vorsatz gegenüber sich selbst erkennen können, da ich aber auch dies für zweifelhaft halte, bleibe ich dabei in bezug auf das Herzblut zu sagen, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wann ich näher bei meiner Natur bin, wenn ich sie wie Kant vernünftig kritisch betrachte oder sobald ich mit vollem Gefühl brenne und mich am besten dabei gleich mit verbrenne, weiß ich nicht zu sagen, zumindest lassen letzte verbliebene Reste von Vernunft mich beides jenseits der wachsenden Summe betrachten und als Teil meines Wesens sehen - so sehr ich mich auch wehre, beides scheint ein Teil von mir - das ruhige kühle Blut der Vernunft wie das leidenschaftlich pulsierende, das dem verachteten Werther eher ähnelt und ich muss sehen, wie ich die Waage zwischen den beiden in meinem gelegentlich schwankenden Wesen halte und es nebenbei noch irgendwie überlebe.

Ist am Ende die große Freiheit, mit allen Teilen seines selbst leben zu können, weil Blut kühl und heiß sein kann und beides mich ausmacht, nicht als ewiges Schwanken zwischen den Extremen aber als einer, der von Pol zu Pol im Leben wanderte, um den Planet des eigenen Blutes gehörig zu vermessen. Kann mir kaum vorstellen, was nach dieser Summe vieler Extreme, wunderbarster Frauen, größter Erfüllung und manchmal, wenn auch zugegegeben selten, klarster Gedanken, noch kommen, lasse ich mich noch ein wenig überraschen - enden kann es von allein, bis dahin bleibt noch Zeit, sich ein wenig zu amüsieren, in die eine oder andere Richtung.

jens tuengerthal 18.6.20

Mittwoch, 26. Februar 2020

Sterbefreiheit

Das Bundesverfassungsgericht hat
Zur Sterbehilfe als Geschäft geurteilt
Die nach § 217 StGB bestraft wird
Das strafrechtliche Verbot ist danach
Verfassungswidrig weil es gegen das
Recht auf selbstbestimmtes Sterben
Was zur Freiheit der Person gehört
Verstoßen würde uns die Möglichkeit
Raubte uns für den Tod zu entscheiden
Dabei geht es nicht um eine aktive
Sterbehilfe bei der andere den Tod
Willentlich herbeiführen sondern
Die Entscheidung gehen zu dürfen
Als Recht im Leben anzuerkennen
Wogegen christliche Kirchen lange
Mit dem Argument der Sünde noch
Kämpften statt das humanistische
Der Freiheit anzuerkennen die uns
Erst zu Menschen macht aber wer
Sich geschöpft sieht negiert auch
Gerne die Freiheit des Lebens
Warum es ein gutes Zeichen ist
Wenn unser oberstes Gericht
Diese Freiheit deutlich verteidigt
Dies ist kein Plädoyer für mehr
Euthanasie die § 216 StGB regelt
Aus schlimmer Erfahrung verbietet
Aber es fordert die Gesellschaft
Zur Diskussion über den Tod auf
Die notwendig ist um endlich einen
Tragfähigen Konsens zu finden
Der auch für die Zukunft taugt
In der nicht die Vertreter des
Organisierten Aberglauben noch
Entscheiden was moralisch ist
Sondern jeder für sich wie es
Dem freiheitlichen Prinzip des
Kategorischen Imperativ entspricht
Was dem Menschenbild unserer
Verfassung zugrunde liegt
Es ist also gut so endlich wieder
Über den Tod nachzudenken
Ihn im Diskurs aus dem Tabu
Was ihn so gerne umgibt zu holen
Gemeinsame Lösungen zu suchen
Die der Freiheit des einzelnen wie
Dem Geist der Demokratie eher
Entsprechen als bisherige Muster
Dabei wird abzuwägen sein zwischen
Freiheit zu Sterben und Schutzpflicht
Des Staates für seine Bürger nach der
Euthanasie in Deutschland verboten ist
Aus auch historischen Gründen was
Wie vieles debattiert werden könnte
Nur nicht mit diesem Urteil was den
Einstieg zur Freiheit erleichtert ohne
Alle gesellschaftlichen Tabus dabei
Auf einmal umwerfen zu wollen und so
Gesehen ist es ein guter Zeitpunkt
Über Tod und Freiheit nachzudenken
Was uns alle irgendwann angeht
Vielleicht können auch erst diejenigen
Die Freiheit wirklich schätzen welche
Dabei auch über ihr Sein entscheiden
Dürfen und können und werden erst
Die Bürger verantwortlich frei handeln
Denen keiner Vorschriften mehr macht
Wann ihr Leben wie enden soll

jens tuengerthal 26.2.20

Freitag, 15. Mai 2015

Schwesternbühne

Drei Schwestern allein bestritten gestern die Premiere von Nach Moskau der neuen Adaption von Andreas Neu der tschechowschen Drei Schwestern. Und es brauchte nicht mehr als diese drei starken Schauspielerinnen die Bühne zu füllen, ein großes Stück in einem Raum zu erzählen. Besser wir vergessen Tschechow vorher, um frei zu genießen, sagte der Autor und Regisseur Neu schon vorab, was tief gestapelt war, denn elegant spielt er mit der Sprache und verschiedenen Charakteren des Stücks und seiner Verzweiflung am Nichts, was aber auch treffend war, wurden doch die textsicheren Mutmaßungen am Ende verwirrt, trauten wir besser dem, was wir sehen.

Nach Moskau zieht es die drei Schwestern nach dem Tod des Vaters und immer wieder in verschiedenen Stufen der Verzweiflung am Nichts des geistlosen Landlebens. Mascha, stark und sehr nah gespielt von Susanne Heubaum, die in ihrer heulenden Verzweiflung so glaubwürdig ist wie in der blasierten Langeweile, ist sich anfangs schon mit Irina einig, dass alles Heil nur in Moskau liegt, wo die Mutter starb, zu der sie wieder wollen, ins Nichts also. Irina, gespielt von einer vielfältig präsenten Katharina Kollmann, die ihren ersten schauspielerischen Auftritt mit der gleichen Bravour meistert, wie die ihr gewohnten Einlagen als Sängerin und deren starke Lieder und Texte diese Adaption musikalisch nicht nur bereichern, sondern ihr die Krone aufsetzen, kämpft innerlich lange gegen Heirat, Anpassung und das eben alternativlose Nichts und wird so auch zum Echo des Stücks. Olga, von der zarten Barbara Smilowska mit ungeheuer viel Kraft und Überwindung gespielt, versucht in ihrer verzweifelten Einsamkeit, als einzige noch die Fahne hoch zu halten, entgegen der Wut und Verzweiflung über den nur imaginierten Bruder. Sie ringt um die Schwestern, erklärt diesen ihre Situation als traumhaft, blendet deren Realität einerseits aus und ist doch präsent genug, immer wieder Kurven zu schlagen, um Nähe zu den beiden zu finden, bis auch sie sich Rauch und Wodka ergibt. Die aus Schlesien gebürtige Smilowska gibt ihrer Olga auch stimmlich den sinnlichen Klang östlicher Sprache, der über dieser Verzweiflung am Traum von Moskau liegt und noch weiter nachklingt, wie die wunderbaren Lieder von Katharina Kollmann.

Gespielt auf einer fast leeren Bühne, die Olga Saizewa, als aus dem tiefen osten Russlands, dem inneren Sibiren, stammende Künstlerin, hier glaubwürdig zum Landhaus ausstattete, in dem sich ganz viel um ein Sofa dreht und dessen Räume sich in durchleuchteten Vorhängen ins unendliche dehnen. Das wenige treffend arrangiert trug den Theaterabend, der sich mit den drei starken Schwestern in eine zunehmende Verzweiflung nach houllebecqscher Manier drehte, um die Andreas Neu einen gewohnt anspruchsvollen philosophischen Bogen auch im Text schlug.

Großes Theater im Acud auf kleiner Bühne, das mit dem Leben und seiner Verzweiflung im Verlust der Hoffnung spielt. Wie sie sich auch nach Moskau sehnen, das jeder von uns als Stadt der Träume und best gehüteten Geheimnisse in sich trägt, es bleibt nur der Kopfschmerz, den es unerfüllt hinterlässt nach dem Verbrennen der “Kopfstrandansichtkarten”, wie es im Flyer so treffend genannt wird. Sie bleiben auf dem Land und in seinen Umständen verfangen, an denen sie nichts ändern. Es ist die Hoffnungslosigkeit einer Generation ohne Träume, die nur noch in der Gegenwart lebt ohne Bezug zur Zukunft, weil sie vollzieht, was ihnen alternativlos scheint, um sich am Wochenende als Kontrast zur nur Realtität andere Träume zu suchen, die sich auch nur schmerzvoll im montäglichen Nichts wieder verlieren - wozu das alles ohne Träume?

Ist das Sein nur eine unterschiedliche Dekoration der eben realen Hoffnungslosigkeit, der wir mit den Worten der Kanzlerin alternativlos immer ausgeliefert sind, vollziehen wir nur noch, statt zu handeln und könnten am Nichts genausogut verzweifeln, hinterfragten wir es ernsthaft. Das hielt uns genial als Spiegel unserer Zeit immer wieder Houllebecq vor in seinen Büchern und damit spielt auch Andreas Neu passend zu Berlin und dem Geist einer Zeit irgendwie dazwischen.

Diese Verzweiflung kann verzweifeln lassen und es fragten sich Zuschauer danach, die rasch gingen, warum sie sich das antun sollten, die sich vermutlich auch fragen, warum sie Houllebecq lesen sollten und seine viel depressiveren Verzweiflungen. Es gibt gute Gründe, sich diese Fragen zu stellen und aus ihnen, etwas zu sehen oder zu suchen, wem diese Frage weniger liegen, weil das Leben schon schmerzvoll genug gerade erlebt wird, der kann einen reichen Theaterabend voller Pointen sehen, soll sich ruhig den Tschechow noch wieder vergegenwärtigen und dessen Idee, eigentlich eine Komödie geschrieben zu haben. Es entfernt sich womöglich etwas von der Idee des Autors und Regisseurs, ein Theatergenuss bleibt Nach Moskau auf diese Art dennoch und so möge jeder nach seiner Fasson entscheiden, den Tschechow vorab zu vergessen, oder sich wach zu rufen, um Theater nach seiner Fasson zu genießen. Eine unbedingte Empfehlung für alle Theaterfreunde in Berlin, noch dieses Wochende und Anfang Juni im ACUD in der Veteranenstraße 21 und Ende Mai auf der Popelbühne in der Dunkerstraße 16. Schaut Nach Moskau!
jt 15.5.15